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„Moomlatz“

Der neue Roman der New Yorker Kult-Autorin Iris Bahr im „Sex an the City“-Stil

© Die Berliner Literaturkritik, 26.03.09

 

MÜNCHEN (BLK) – Im März 2009 ist im Goldmann Verlag das Buch „Moomlatz oder Wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren“ von Iris Bahr erschienen.

Klappentext: Frisch aus der israelischen Armee entlassen, will Iris Bahr nicht mehr Offizieren, sondern allein ihrer Libido gehorchen. Denn eines ist klar: Sie hat Nachholbedarf. Fern der Heimat möchte sie endlich ihre Unschuld verlieren – und was eignet sich dazu besser als eine Rucksacktour durch Asien? Iris packt also ihren „Lonely Planet“ und eine Großpackung Kondome ein und stürzt sich ins Getümmel. Auf der turbulenten Reise wird sie so manches los – nur nicht ihre Unschuld...

Iris Bahr wurde in New York geboren und wuchs in der Bronx auf. Als sie zwölf war, zog sie mit ihrer Mutter nach Israel, wo sie dann auch ihre Wehrpflicht absolvierte. Nach ihrem Studium an der Brown University in den USA startete sie als erfolgreiche Schauspielerin und Komikerin durch (so z. B. in Kultserien wie Star Trek, Friends oder King of Queens). Iris Bahr lebt derzeit in Los Angeles und feiert in New York sensationelle Erfolge mit ihren Broadway-Shows.

 

Leseprobe:

© Goldmann ©

THAILAND

1

„BEGLÜSSUNGSOLCHIDEE!“, blökt sie mir ins Ohr und stopft mir das Teil unnötig kraftvoll in die Nase. Ich drehe mich zu Boaz. Sein schlummernder Wanst scheint unberührt ob der unsanften Störung. Das teigige Gesicht klebt noch immer an einem gelben Reisekissen, nur seine Begrüßungsorchidee baumelt hinfällig an seinem Kinn. Sie klammert sich mit letzter Kraft an den seidenen Faden des Sabbers. Seufz.

„Wir sind da“, verkünde ich und berühre sachte die Spitze seines kleinen Fingers. Ihm entfährt ein feuchter Schnarchlaut, dann schreckt er urplötzlich hoch wie eine Wurst aus ihrer Pelle und saugt den Sabber zurück in die Krateröffnung seines Mundes, was die Orchidee, ihrer schleimigen Stützbrücke beraubt, prompt in die Tiefe segeln lässt. Er schenkt mir ein mundgeruchgetränktes Grinsen, und trotz der drallen Feistheit seiner Visage muss ich zurücklächeln. Wir sind angekommen.

Boaz und ich trafen uns vor sechs Monaten in Tel Avivs Fachgeschäft für Rucksacktouristen, dem Backpacker Store, bekannt als Treffpunkt für einsame Seelen auf der Suche nach einem Reisegefährten. Ähnlich wie ich waren die meisten frisch aus der Armee entlassen worden und brauchten nach drei Jahren popelgrüner Uniform, AK-47-Gewehren über der Schulter und militärischer Befehlsketten dringend emotionalen und körperlichen Auslauf. (Ich persönlich konnte nichts an der Uniform aussetzen, darin hatte ich nämlich einen richtigen Knackarsch.)

Schon nach den ersten Worten, die ich mit Boaz gewechselt hatte, war mit klar, dass ich es mit einem verantwortungsbewussten, wohlgenährten Wonneproppen zu tun hatte. Mit großer Begeisterung beschrieb er seine eigens für den Trip bereitgestellte, bestens bestückte Spezial-Reiseapotheke, die einfach alles enthielt, vom Durchfallmittel bis zum Notinhalator, sollten wir uns mit einer Krankheit anstecken, die zu plötzlichen Erstickungsanfällen führen könnte. So beschlossen wir erwartungsvoll, zusammen zu reisen, und verbrachten die nächsten Monate damit, uns impfen zu lassen und Filme zu kaufen.

Meine Mutter war begeistert. Die Nachricht meiner exotischen Reisepläne hatte bei ihr Panik ausgelöst, die sie zunächst zu überspielen suchte, bis sie begann, mir tagtäglich mehrere alternative Reiseziele zu unterbreiten. Als sie vorschlug: „Fahr doch stattdessen für ein Wochenende ans Tote Meer“, wären wir fast aneinandergeraten. Ich sah mich gezwungen, sie daran zu erinnern, dass ich einen begehrten Armeeposten im Libanon abgelehnt hatte, um in der Nähe meiner Heimatstadt stationiert zu sein und ihr zwei Jahre Gesellschaft leisten zu können. Kurz gesagt, uns beiden war klar, dass diese Reise mir allein gehörte. Ich hielt ihre Sorge für völlig legitim und war froh, dass der Reisegefährte meiner Wahl ihre Ängste milderte. In ihren Augen war Boaz der perfekte Begleiter für ihr kleines Mädchen, das unbedingt in Asien herumstromern musste: eine körperlich abstoßende, medizinisch bestens ausgerüstete Fremdschwanzbremse.

Nicht, dass ich so etwas bräuchte. Eine Schwanzbremse, meine ich. Beim Gedanken an Sex habe ich vor Angst immer eine Gänsehaut bekommen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin nur einmal in den Genuss gekommen, und das auch nur so halb. Es war mit einem marokkanischen Fallschirmjäger, der merkwürdigerweise Patrick hieß. Wir hatten uns in einer kalten Nacht vor zwei Jahren auf meinem Stützpunkt kennengelernt. Ich schob Wache, hatte die Uzi geschultert und fror mir meinen jungfräulichen Hintern ab, als plötzlich zwischen den Eukalyptusbäumen eine Gestalt auftauchte – eine männliche Gestalt in voller Montur, ein Wesen, das ein rotes Fallschirmjägerbarett trug und obendrein einen heißen Körper sein Eigen nannte. Ich traute meinen Augen nicht. Ein solch feines Exemplar galt in dieser Gegend als unbekannt, zumal mein Stützpunkt mit Mitarbeitern des Nachrichtendienstes besetzt war, was bedeutete, dass die hier stationierten Männer hochintelligent und sehr hässlich waren. Ein echter Soldat wie Patrick war ein Gott.

Aus diesem einfachen Grund musste ich mir das feine Fallschirmjägergeschöpf unter den Nagel reißen, bevor die heiße Schnalle aus der Libyendivision von seiner Existenz Wind bekam.

Patrick war gerade auf meiner Höhe angelangt, als ich einen munteren Spruch über das Stacheldrahttor katapultierte, der meine Flirtbereitschaft signalisierte und ihn abrupt innehalten ließ. Bis zum Sonnenaufgang hatte ich ihn fest an der Angel, und nach drei wonnetrunkenen Wochen voller Dates wusste ich, ich hatte eine Honigbiene für meine Kirschblüte gefunden. Gott sei es getrommelt und gepfiffen. Zu diesem Zeitpunkt war ich die einzige Jungfrau unter meinen Freundinnen. Unter den Kameradinnen in meiner Einheit. Um genau zu sein, auf dem gesamten Stützpunkt.

Für meine sexuelle Aufklärung war noch immer die Schriftstellerin Judy Blume zuständig. Es war so weit gekommen, dass es mir Unbehagen bereitete, mit den anderen Mädels meiner Einheit abzuhängen. Ich fühlte mich viel sicherer, wenn ich sie aus einiger Entfernung dabei beobachten konnte, wie sie sich auf dem Wiesenstück in der Nähe des Fahnenmastes zusammenrotteten und sich darüber austauschten, wie geil sie nach all dieser Zeit fern der Heimat auf ihre Freunde waren. Wie sie ihren Freunden Carepakete mit Keksen und anzüglichen Botschaften schickten, um ihnen nach ihren nervenaufreibenden Patrouillen durch die Wohnviertel von Jenin oder Ramallah den Feierabend zu versüßen. Wie viel Glück sie hatten, dass ihre Freunde so potent waren und sie trotz ihrer militärisch bedingten Erschöpfung letzten Samstag sechsundvierzigmal vögeln konnten. (Ich war auch mit Soldaten ausgegangen, die durch diverse Wohnviertel der Westbank und Gazas patrouillierten. Die Wochenenden bestanden keineswegs aus Sex und Gebäck, sondern daraus, dass ich ihren haarsträubenden Anekdoten zu lauschen hatte, wie sie Backöfen, Kühlschränken und anderen umfangreichen Küchengeräten ausweichen mussten, die regelmäßig von unfreundlichen palästinensischen Dächern hinabgeschleudert wurden.)

Wenn ich mich selbstsicher genug fühlte, ging ich zu ihnen auf die Wiese, fest entschlossen, sie zu beobachten und daraus zu lernen. Doch irgendwie funktionierte das nie so richtig.

„Hey, Iris, komm doch rüber zu uns!“, rief Tamar mir manchmal zu. Tamar war eine hübsche, blauäugige Zuckerschnitte mit erstaunlich femininem Igelschnitt.

„Okay“, antwortete ich und gesellte mich mit böser Vorahnung und voller Sehnsucht zu ihnen.

In diesen Momenten setzte Dannah, ein lockenmähniger Vamp, gern einen diabolischen Gesichtsausdruck auf und steckte sich eine Zigarette an. Vor ihr hatte ich Angst.

„Haste schon mal gemerkt, dass diese Bäume wie Wichse riechen?“, fragte sie.

„Was?“, erwiderte ich, völlig auf dem falschen Fuß erwischt.

„Soll das heißen, du kannst es nicht riechen?“ Tamar schnappte nach Luft und zeigte auf die sieben Eukalyptusbäume, deren Äste über uns hingen. Ich atmete tief ein.

Für mich roch es lediglich nach Artischocken.

Aber ich war keineswegs bereit, mich für diese denkwürdige Diskussion zu disqualifizieren.

„Ja … wow!“, machte ich, immer noch nicht sicher, ob der Geruch von Wichse nun etwas Gutes sei oder nicht. „Riecht echt nach Wichse, wow … ja!“

»Der Saft von meinem Freund riecht nicht so«, ließ Sharon uns wissen. Sharon war ein reiches Mädchen aus Jerusalem, sie lebte in einem schönen Haus und besaß makellose Haut.

„Na, dann haste Glück gehabt!“, erwiderten die Mädchen mit kichernder Aufrichtigkeit.

„Und du, Iris, was glaubst du, wie Wichse riecht?“

„Hmm … ich weiß nicht, wie Wichse riecht … ich bin immer zu sehr damit beschäftigt, sie zu schlucken.“

Hysterisches Gelächter drang aus der Östrogeneinheit, woraufhin ich stillschweigend zurück zum Gebäude wetzte, um jeder ausführlicheren Unterhaltung aus dem Weg zu gehen.

Wie ich mich nach dem Tag sehnte, an dem ich wissend und anmutig über die übel riechenden Säfte der Natur sprechen könnte! Ich hoffte, dass dieser Tag nun dank Patrick bald kommen würde. Am besten noch vor nächstem Dienstag.

© Goldmann ©

Literaturangaben:
BAHR, IRIS: Moomlatz oder Wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren. Aus dem Amerikanischen von Andrea O'Brien. Goldmann, München 2009. 256 S., 7,95 €.

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