Werbung

Werbung

Nach einem Schicksalsschlag muss Freda sich neu definieren

Amelie Frieds neuer Roman – Unterhaltung mit „Herz und Hirn“

© Die Berliner Literaturkritik, 05.05.09

Von Britta Schmeis

Das wäre wohl eine Horrorvorstellung für jede Frau: Der Mann bleibt nach einem Bergausflug verschollen. Zwei Jahre später finden die Ermittler nicht nur den Rucksack des Mannes, die Frau muss auch die schmerzliche Entdeckung machen, dass ihr Mann ein Doppelleben führte, ihn Nöte, Sorgen und Bedürfnisse quälten, von denen sie nie etwas ahnte. Und dann ist da noch die gerade volljährige Tochter, die ihrer gluckenhaften Mutter entfliehen muss. In Amelie Frieds neuestem Roman „Immer ist gerade jetzt“ geht es um eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung und um eine Frau, die sich nach einem Schicksalsschlag mit all seinen Konsequenzen neu definieren muss.

„Panik-Mom“ nennen Josys Freundinnen Freda, sie weiß das, und doch kann sie nicht aufhören, sich ständig um ihre 18-jährige Tochter Sorgen zu machen – nicht immer ganz zu unrecht. Etwa wenn Josy nach ihrer eigenen Geburtstagsparty die Nacht in der Ausnüchterungszelle der Polizei verbringen muss. Doch bei Freda nimmt die ständige Sorge mitunter krankhafte Züge an. „Sofort produzierte ihr Kopf eines der vielen Katastrophenszenarien, die sie seit dem Verschwinden von Alex regelmäßig heimsuchten.“ Dass sie dabei Josy ständig unterschätzt, dafür aber ihre eigenen Ängste auf die Tochter projiziert, sieht Freda nicht. 

Die Bedürfnisse und Sorgen ihres „kopfgesteuerten, jeglichen Eso-Kram völlig

 

abholden Mannes“ hat sie offensichtlich auch nicht gesehen. Denn vor seinem Verschwinden hatte der eine „Lebenskrise“, suchte Antworten etwa in Büchern über Buddhismus, wie sie sich von ihrer ehemaligen Kollegin Marie und späteren Zweitfrau ihres Mannes erzählen lassen muss. „Offenbar hast Du ihn damals überhaupt nicht verstanden, und da hat er sich eben anderswo Unterstützung geholt“, wirft ihr Marie prompt an den Kopf.

Abwechselnd erzählt Amelie Fried mal die Geschichte von Freda, mal von Josy, die zwar eng miteinander verknüpft sind und doch weite Strecken unabhängig voneinander ablaufen. Schließlich müssen Mutter und Tochter jeweils ihren eigenen Weg finden: Josy geht für ein soziales Jahr nach Oaxaca, einer von politischen Konflikten und Armut geprägten Region in Mexiko. Freda muss sich – von ihrer Tochter zurückgelassen – mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen – und schafft es dabei, wieder „ins Leben zurückzukehren“.

„Immer ist gerade jetzt“ ist ein locker zu lesender, spannender Unterhaltungsroman, der allerdings kaum eine menschliche Krisensituation auslässt: Ausnüchterungszelle, moderne Prostitution, Kuckuckskinder, Zweitleben, Vergewaltigung und eine lebensbedrohliche Entführung in Mexiko. Fried mutet ihren Lesern so einiges zu. Manche Entwicklungen sind dabei ein wenig allzu absehbar, die eine oder andere Lebensweisheit kommt etwas platt daher, und die Selbstreflexion Fredas bleibt größtenteils aus. Trotzdem gelingt es Fried auch in ihrem achten Roman, die Bandbreite menschlicher Beziehungen und Lebenssituationen mit „Herz und Hirn“ – wie sie selbst sagt – zu beschreiben und dabei noch die Aufmerksamkeit auf ein für uns so weit entferntes Problem zu lenken: die politischen Verhältnisse in Mexiko und dort vor allem die Armut der Kinder. Ihnen hat Fried ihren Roman gewidmet.

FRIED, AMELIE: Immer ist gerade jetzt. Heyne, München 2009. 400 S., 19,95 €.


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: