Werbung

Werbung

Werbung

„Nachthaus“

Poetisch, unaufdringliche Gedichte von Friedrich Hirschl

© Die Berliner Literaturkritik, 28.05.10

Von Armin Steigenberger

Die meisten Gedichte in Friedrich Hirschls neuem Gedichtband „Nachthaus“ sind bunt und taghell. Hirschls Buch beginnt stark und mit einem Paukenschlag:

Starkes Herz

Es schlägt

sich durch

In bester

Einzelkämpfermanier

Und was hier anfangs so stark daherkommt, ist mit das Stärkste im ganzen Lyrikband, der thematisch gut gegliedert sich in zwei Kapitel teilt. Auch optisch wirken die Gedichte auf ihrem Weiß hübsch platziert und wohlarrangiert. Die zumeist ich-losen Texte erscheinen auf den ersten Blick als harmlos-humorige Miniaturen, die sich an der Natur und an Natürlichem (Pflanzlichem, Jahreszeitlichem, Landschaftlichem) samt dessen klassischen Bildern reiben. Die Gedichte sind unaufdringlich. Die Gedichte sind nett. Die Gedichte sind poetisch, witzig und ideenreich. „Ab und zu leise und hintergründig, dann wieder spitzbübisch und keck lädt der Autor ein zum Freiluftkabarett“, wirbt der Klappentext.

Friedrich Hirschl ist 1956 in Passau geboren und lebt dort. Er studierte Theologie und Philosophie und ist Autor mehrerer Lyrikbände. „Nachthaus“ ist sein sechster Gedichtband. Bei seinen Gedichten fällt einem das bayerische Wort Schmankerl ein. Es sind 80 kurze Texte: augenzwinkernd, dezent und charmant besitzen sie ihren ganz eigenen Plauderton; sie entbehren jedweder Reim- und Strophenform. Die Gedichte beruhen mit ihrem ganz eigenen Sprachwitz oft auf durchaus originellen Umkehrungen gängiger Redewendungen und stellen originell Bilder und Bildwelten gegeneinander.

Löwenzahnblüte

Die Sonne

staunt

nicht schlecht

über die

Konkurrenz

Obgleich der Zeilenbruch in der Regel gut platziert ist und somit noch in sich eine überraschende Wendung in petto hat, gibt es daneben auch allerhand Enjambements, die sich wohl einfach so ergeben haben und keinen wirklich sinnhaften Mehrwert mit sich bringen. So bleiben manche der vielen Ein-Wort-Verse als seltsame Solitäre stehen. Warum also (s.o., „Löwenzahnblüte“) das Verb „staunt“ einen ganz eigenen Vers bekommt, lässt sich demzufolge wohl nur durch das optische Arrangement des Autors erklären; dass also eben die Zeilenenden in etwa gleich lang werden mussten. Denn inhaltlich macht, zumal in diesem Kontext, beispielsweise der Vers „über die“ keinen allzu großen Sinn. Diese Eigenart, Verse zu bauen, ist kennzeichnend für fast alle Texte:

Skiberg

Wir fügen

ihm unzählige

Schnitte

zu

Zum Glück

hat er

eine dicke

Haut

Immer wieder blitzt ein lyrisches Wir hindurch und erschafft nahezu unbemerkt eine kollektive Sphärenmusik. Die klassischen Themen von Landschaft, Naturgewalt und natürlich-unberührtem Raum sind durchgängiger Topos, werden ungebrochen verhandelt und entwickeln ein Eigenleben. Natürlichem wird generell ein (bewusstes) Handeln angedichtet, welches mittels Redewendungen, Sprichwörtlichkeiten oder sonstiger Sprachspiele vermenschlicht wird. So bekommen Vorgänge an Himmel, in Wald und Flur vielfach menschliche Züge und werden häufig mit altbekannten Klischees personalisiert. Der „Freund Regen“ redet „unaufhörlich“ und ein „Bergriese // trägt  (…) seine Glatze / mit Würde“. „Ein großes Eis / nach dem anderen /schleckt Frau Sonne“, „Kamerad Mond (…) hat genug / vom nächtlichen Theater“, „Die Nebelsuppe / schmeckt wohl / keinem“ und die „Straße /läuft sich / schon mal /warm“. Einige wenige Texte führen urbanen Raum vor Augen. Im Text „Straßenlampen“ wird das städtische Inventar ebenso durch vermeintlich menschliches Ansinnen und Gebaren animiert. Natürliches und Landschaftliches wird aus menschlicher Optik heraus ergründet: Der „Herr Winter“ als Meister des Schnees, den man mit seinem langen weißen Bart förmlich zwischen den Wolken sitzen sieht.

Etwas Schnee

Vom Himmel

Briefpapier

er wünscht sich

Post

von uns

Friedrich Hirschls Lyrik ist Ausdruck einer teils anmutig kindlichen, teils recht naiven und ebenso braven Dichtergedankenwelt. Diese ist in einer speziellen (Dichter-) Fachsprache geschrieben – einem poetischen Jargon, der in punkto Klangfarben, Bildwelten und Sprachkunst ein doch relativ bescheidenes Repertoire hat. In diesem Kontext wirken die paar wenigen Anglizismen im Gedichtband wie Fremdkörper.

Gelegentlich wirkt es, als sei da immer ein und dasselbe Gedicht mit sehr ähnlichen Kunstgriffen variiert worden: eine zündende (sprachliche) Idee wird zum Träger des Gedichts, das in knappen Worten auf genau eine Pointe zuläuft. In sich sind die Naturbilder insoweit statisch, als der Himmel immer noch blau, der Schnee weiß, die Sonne gelb und der Winter kalt sind. Von diesen festen Größen (und leider auch Schablonen) wird ausgegangen; diese arglosen Vorstellungen sind Ursprung für Hirschls spielerische Dichtung. Was hierbei an aparten, passepartouthaften Miniaturen in all ihrer Miniatürlichkeit entsteht, hat dessen ungeachtet einige poetische Valenz.

Hirschls Lyrik zum Schmunzeln ist rundweg unpolitisch und sicher ein Stück weit gemacht, um den Leser abtauchen zu lassen in einen weitgehend harmonisierten und fast niedlichen „Puppenstubenkosmos“, wo einem die Alltagswelt mit ihren gesellschaftlichen Schwierigkeiten und ständigen Katastrophen einem tunlichst nicht zuleibe rücken möge. „Es sind die hellen, bewohnbaren Orte darin, die Geborgenheit und Lebensfreude bieten und weit werden für Träume“, schreibt Rosa Maria Bächer auf das Titelgedicht „Nachthaus“ bezogen. In einige wenige Gedichte ist dennoch die Jetztzeit mit ihrer Problematik immerhin ansatzweise hineingesickert, wie man als Leser mit einigem Aufatmen registriert. Ansonsten ist nicht der Funke einer Kritik an Umweltzerstörung o.ä. in den Texten zu finden, was vielen Gedichten gerade auf dem Hintergrund der vielen Naturimpressionen eine verträumte, mehr oder minder lebensferne Idyllenhaftigkeit verleiht.

Werbepause

Die Litfaßsäule

im weißen Freizeitkleid

erholt sich

vom Werbestress

Hirschls Texte wirken eher zum Meditieren gemacht. Etliche seiner knappen und manchmal lakonischen Poeme, die selten in die Tiefe gehen, könnte man beruhigende Mandalas nennen; meistens lesen sie sich sehr angenehm und zergehen wie Bonmots auf der Zunge: beinahe sind es tröstliche Bilder, bei denen man zuschauen, nachdenken und entspannen kann – um auf eine Fernsehsendung der 80er und frühen 90er Jahre anzuspielen. Verstören will Hirschl ganz und gar nicht.

Aggressiv

Die Sonne

bereitet

dem Strauch

einen heißen

Tanz

Ohne

Schattendeckung

steht er

schon bald

schwer

angeschlagen

kurz vor

dem

K.o.

Indes kann man insgesamt froh sein, dass Hirschls Gedichte sich (wie heute wieder üblich) weder mit Bukolik noch mit der inzwischen recht häufig anzutreffenden Form der betulich-esoterischen Innerlichkeit auseinandersetzen, mit der Natur heute (als eifrig verklärtes, leider vollends zerstörtes aber dennoch zu rettendes Gut?) vielfach in ätherischen, blumigen und unverfänglichen Versen besungen wird. Zudem sind die Gedichte in „Nachthaus“ auf angenehme Art weit entfernt von dem, was heute an Senryü-, Tanka- und Haiku-Verschnitten auf dem Markt ist. Hier bleiben Hirschls Texte bei sich und haben längst ihren eigenen Stil gefunden.

Dennoch wünscht man sich bei der Lektüre hin und wieder ein Gedicht, das diesen auf die Dauer ein wenig einlullenden Gleichklang der Naturreflexionen einmal sprengen möge, das gegen den Strich gebürstet ist und seine Gegenstände von woanders hernimmt als von da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Hier könnte das Wort- und Sprachmaterial weiter, viel weiter aufgebrochen werden. Hier könnten Naturbilder zusätzliche Konnotationen tragen. Hier könnte in bester Jandl-Tradition weiter hinter die Worte gekrochen werden. Ein wenig mehr Experiment und Mut zur sprachlich delikaten Raffinesse könnte den Gedichten bestimmt nicht schaden. Hier wäre noch vieles möglich.

Literaturangabe:

HIRSCHL, FRIEDRICH: Nachthaus. Gedichte. Verlag Karl Stutz, Passau 2009. 94 S. 14,80 €.

Weblink:

Verlag Karl Stutz


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: