Neue Biografie: Elisabeth Langgässer

Hilzinger schreibt eindringlich über die deutsch-jüdische Autorin

Von: KLAUS HAMMER - © Die Berliner Literaturkritik, 10.09.09

Wer kennt diese Kurzgeschichte mit dem Titel „Saisonbeginn“ nicht? Am Ortseingang des Kurortes in den Bergen stehen sie beide nebeneinander: der gekreuzigte Jude Jesus und das Schild, dessen Aufschrift erst im letzten Satz enthüllt wird: „In diesem Kurort sind Juden unerwünscht“. Kreuzigung und Judenverfolgung in der Nazizeit werden in Parallelität gesetzt. Dieser Ort ist ein modernes Golgatha, eine Hinrichtungsstätte. Was ist aus der christlichen Botschaft in der Zeit der Judenverfolgung geworden? Das „Juden unerwünscht“-Schild ist wie eine Verhöhnung des leidenden Jesus. Dieser wird zwar verehrt, aber seine Liebesbotschaft ignoriert. Er leidet Schmerzen am Kreuz und wird zusätzlich verhöhnt durch das Schild, auf das er ständig sehen muss. In der Reaktion der Dorfbewohner auf das Schild kommt die Reaktion vieler Deutscher auf die Judenverfolgung zum Ausdruck.

Nach 1945 galt die Autorin dieser Kurzgeschichte – sie erschien in der Prosa-Sammlung „Torso“ (1947) –, Elisabeth Langgässer, als eine typische Vertreterin der deutschen Nachkriegsliteratur. Als NS-Verfolgte (Halbjüdin) schrieb sie in einem Pessimismus oder Realismus, der die Shoa immer im Hintergrund, oft auch als Thema hatte. Dabei sparte sie nicht an Kritik an den Autoren der inneren Emigration und an ihrer eigenen Haltung in der NS-Zeit, die sie als „Tändeln mit Blumen und Blümchen über dem scheußlichen, weit geöffneten, aber eben mit diesen Blümchen überdeckten Abgrund der Massengräber“ bezeichnete.

Aber schon zu ihren Lebzeiten wurde sie vielfach verkannt und war wiederholten Angriffen ausgesetzt. Ihr religiöses Welterleben, das das Wesen des Menschen von Sünde und Gnade, Verführung und Erlösung bestimmt sieht, schränkt den Rezipientenkreis weitgehend ein. Der Leser hat im Symbolwert der Welt der Natur und der Dinge die Handlung der großen Zusammenhänge wahrzunehmen, eine Doppelschichtigkeit, die den Texten der Langgässer eine heilsgeschichtliche Dimension gibt, die gemäß der geschichtsphilosophischen Vorstellungswelt der Dichterin auch ihre fragwürdige Seite hat. Nicht als freies selbstverantwortliches Individuum ist der Mensch in die Welt gestellt, sondern als prädestinierte Marionette auf dem Welttheater zwischen Gott und Satan. Es war gerade ihr theologisch-geschichtsphilosophische Weltbild, das sie in ein für ihre Zeit bezeichnendes Dilemma geführt hat.

Die Literaturwissenschaftlerin Sonja Hilzinger, die bereits Biografien von Anna Seghers, Inge Müller und Christa Wolf verfasst hat, schreibt nicht die erste Lebensgeschichte über Elisabeth Langgässer, aber es ist die bisher materialreichste, gründlichste und ergiebigste. Langgässer hat selbst in einem ihrer Briefe gesagt, sie sei eine der Stillen im Lande, aber so wie ihre dichterische Welt eine ausgesprochen kämpferische und dramatische ist, die so gut wie keine Idyllen kennt, so ist auch ihr Lebensschicksal hochdramatisch: ihr Aufwachsen in der rheinhessischen Landschaft, die spannungsreiche Parallelität ihrer Entwicklung mit der von Anna Seghers, ihre exemplarische deutschjüdische Familiengeschichte in der NS-Zeit, ihre Konflikte, Widersprüche, ihre Umstrittenheit – und das vermag die Biografin Sonja Hilzinger auch überzeugend dem Leser zu übermitteln.

Vieles im Leben und Schaffen der Schriftstellerin war auch ihrer Biografin unverständlich, fremd, erschreckte sie geradezu. Aber sie wollte sich – so schreibt sie im Vorwort - als Biografin „auf ihre Seite stellen und alles tun, sie zu verstehen und verständlich zu machen“. So führte Hilzinger parallel zur Biografie ein Arbeitstagebuch, um „Gefühle wie Wut und Entsetzen, das Nachspüren eigener Verdrängungen und Momente unerwarteter Nähe“ festzuhalten und darüber zu reflektieren. Schade eigentlich, dass diese persönlichen Reflexionen nicht stärker in die Biografie eingebracht wurden, aber es ging ihr ja um eine an den Fakten und Dokumenten – weniger an Mutmaßungen und fiktiven Überlegungen – orientierte Darstellung.

Indem sie die Biografie Langgässers in die Familien-, Zeit- und Literaturgeschichte einbettete und ihre „Innenwelten“ zu erhellen suchte, wollte sie das Exemplarische dieses Lebens verdeutlichen: Hilzinger folgt den Lebensstationen Langgässers und damit deren „Bewegungsgesetz, am Ende zu den Anfängen zurückzukehren, ein Lebenszyklus im wahrsten Sinne des Wortes“ – und das Zyklische war ja auch Langgässers literarisches Kompositionsprinzip. Dabei diente ihr die kommentierte Briefausgabe, die Elisabeth Hoffmann, die Enkelin Langgässers, zusammengestellt hat, als unentbehrliche Grundlage für ihre „biographische Erzählung“, wie sie dennoch ihre Biografie bezeichnet. Die Zitation beispielhafter Textpassagen – nicht nur aus den Briefen – bietet dem Leser einen unmittelbaren Zugang zu einem Werk, das aus unserem Bewusstsein zu fallen droht, doch paradigmatisch deutsche Geschichte und deutsche Schicksale vorführt.

Elisabeth Langgässer, Tochter eines konvertierten Juden, unterrichtete nach dem Studium an verschiedenen Schulen. 1928 brachte sie ein uneheliches Kind – Cordelia – zur Welt und gab den jüdischen Vater des Kindes an, ohne zu ahnen, dass Cordelia später nach den NS-Rassengesetzen als Volljüdin gelten und in immer bedrohlichere Situationen geraten wird. Im Kreis um die Zeitschrift „Die Kolonne“ betätigte sie sich als freie Schriftstellerin und Hörspielautorin. 1931 wurde sie für ihre Erzählung „Proserpina. Welt eines Kindes“ mit dem Literaturpreis des Deutschen Staatsbürgerinnen-Verbandes ausgezeichnet. Es folgten ihre „Tierkreisgedichte“ (1935), ein Zyklus von christlich inspirierten Naturgedichten, die Welt und Kosmos als göttlich durchflutete, erlösungssuchende Sphäre darstellen, und der erste Roman „Der Gang durch das Ried“ (1936), der die Suche eines Schuldbelasteten nach Erlösung von der Sünde und die Rückkehr ins Leben beschreibt.

1936 – kurz nach der Heirat mit dem Philosophen Wilhelm Hoffmann – wurde das für sogenannte Halbjuden herrschende Publikationsverbot über sie verhängt. Schwer krank wurde sie 1944 als Zwangsarbeiterin verpflichtet. Im gleichen Jahr war ihre Tochter Cordelia nach Theresienstadt deportiert worden. Seit 1948 mit der Familie wieder im heimatlichen Hessen ansässig, avancierte sie in ihren letzten Lebensjahren zu einer gefragten und aufgrund ihrer theologischen Position umstrittenen Autorin. Anna Seghers, die emigrierte Jüdin und Kommunistin, und Elisabeth Langgässer, die im Dritten Reich als „Halbjüdin“ bedrohte Katholikin, galten damals als Repräsentantinnen der äußeren und inneren Emigration. Postum wurde ihr 1950 der Georg-Büchner-Preis verliehen.

Ihr bedeutendster Roman ist zweifellos „Das unauslöschliche Siegel“ (1947) – und ihm widmet Hilzinger auch ihre besondere Aufmerksamkeit. Durch die symbolisierende Erzähltechnik besitzt der Roman eine labyrinthische Struktur. Diese Struktur spiegelt das Labyrinthische der Zeit, bedarf aber andererseits der durchlaufenden Kommentierung der Dichterin, die allerdings eingestehen muss, dass sie bei dem Versuch, ihre Zeit darzustellen, gescheitert sei. Die drei Bücher des Romans werden von zwei erläuternden Partien, „Proszenium“ und „Epilog“, gerahmt. Im „Proszenium“, also vor Einsetzen der Handlung, erfolgt der Eintritt in den Raum des Romans. Das Haus Mundus wird ausdrücklich als „wahrhaftes Labyrinth“ bezeichnet. Hermes, der Totenführer, ist sein Besitzer, Chronos, die Zeit, die ihre eigenen Kinder frisst, sein Auktionar. Schauplatz des Romans ist also die dem Tod gehörende und der Zeit verfallene Welt. In ihr vollzieht sich das Schicksal von Herrn Belfontaine, eines Juden aus gutbürgerlichen Kreisen. Seine Erfahrungen werden mit denen seiner Verwandten und Freunde verwirrend kunstvoll verknüpft. Der dauernde Wechsel der einzelnen Schauplätze – in Deutschland und Frankreich – sowie der dauernde Wechsel der Zeitebenen – des Ersten Weltkrieges und der 1920er Jahre – ermöglichen die symbolische Auslegung sowie die Übertragung der Ereignisse in die unmittelbare Gegenwart.

Hilzinger bezeichnet ihn als „christlichen Roman“. Langgässer habe ihr Buch als „Exemplifizierung der christlichen Gnadenlehre mit den Mitteln der Literatur“ verstanden. In der Tat, das ist kein Zeitroman. Im Schicksal Belfontaines wird vielmehr das Leiden des Menschen an seiner Zeitlichkeit schlechthin beschrieben. Belfontaine – das jüdische Schicksal erscheint als Menschenschicksal – ist Hiob, ist Ahasver, der Geschlagene und der Unbehauste, aber er ist auch der trotz aller Wirrsale in Gottes Liebe Geborgene, der in diese Liebe Zurückkehrende. Langgässer will Trost spenden: durch Religion. Erst der „Epilog“ vollzieht die Übertragung auf die unmittelbare Gegenwart. Im Kriegsjahr 1943 sind in einem dörflichen Pfarrhaus vier Männer mit der Reparatur der Verdunkelung beschäftigt. Während eines Luftangriffs gesellen sich drei Feuerwehrleute hinzu. Ihr Alltagsgespräch öffnet sich ins Mythische, aber gerade dadurch wird die vorangegangene Romanhandlung in den gegenwärtigen Alltag zurückgeführt.

„Der Laubmann und die Rose. Ein Jahreskreis“ (1947) enthält dann Mysteriengedichte, die in verschiedenen religiös-symbolträchtigen, zyklisch geordneten Naturbildern das Geheimnis der Schöpfung und der Erlösung behandeln. Sie zeigen – schreibt Hilzinger – „die unerlöste Natur in ihrer Verwandlung, im Durchgang zu einer von heidnischen Resten befreiten und erlösten Über-Natur, dem Reich des Logos, in dem es weder Geburt noch Tod und deshalb auch keine Zeitlichkeit mehr gibt“. Unter dem Endruck des Weltkriegs schildert der postum erschienene Roman „Märkische Argonautenfahrt“ (1950) die Erlebnisse einer schicksalhaft verbundenen, heilsuchenden Gruppe von Menschen während einer Pilgerfahrt. Hier wird das menschliche Leben mit einer Schiffsfahrt verglichen, als die Fahrt der „Argo“, die die suchenden Argonauten zum ersehnten Ziel des Goldenen Vlieses bringen soll.

Aber alle scheinbaren Lösungsmöglichkeiten erweisen sich als dämonische und magische Täuschungen, die aus der gefallenen Welt aufsteigen. Erst als die irdische Argo scheitert und die Fahrt aus Raum und Zeit hinausführt, gelangen die Pilger zum wahren Goldenen Vlies, dem sie als gänzlich Verwandelte gegenübertreten. Das Goldene Vlies erweist sich nun als etwas Überirdisches, das von jeder dinglichen Magie befreit ist: die Gnade, das „Haus zu dem Goldenen Vlies“, das die „heile Ordnung“ enthält. Ist das Schreiben als Gottesdienst, als Erinnerungsarbeit, als Spuren-Verwischen, als Maskierung?, fragt Hilzinger. In der Erklärung Langgässers ihrer Tochter Cordelia gegenüber, dieser Roman sei „ein Versuch, die verschiedenen deutschen Häresien, die typisch deutschen Sünden in verschiedenen Schicksalen darzustellen“, sieht die Biografin das ins Unkenntliche verallgemeinerte Bekenntnis der Schuld, ihre eigene Tochter nicht bewahrt haben zu können vor Verfolgung, Deportation und Konzentrationslager.

Immer wieder in der Lebensgeschichte Langgässers ist ihre Beziehung zur Tochter Cordelia erörtert worden – und auch Hilzinger wendet sich diesem beklemmenden Kapitel besonders zu. Weil sonst ein Judenstern an der Haustür kleben würde, musste Cordelia damals aus dem Haus. In ihren damaligen Briefen beschönigte die Dichterin die Situation. Langgässer erfuhr 1946, dass ihre Tochter überlebt hatte, aber erst 3 Jahre später sahen sie sich wieder. Beide Biografien – die der Mutter wie der Tochter – korrigieren sich gegenseitig. Die Perspektive Cordelias wirft rückblickend doch ein anderes Licht auf Langgässer. Die Berichte der Tochter nutzte dann Langgässer für ihre literarische Arbeit. Versuchte sie als Schreibende eine emphatische Annäherung an deren Leid? Wollte sie als Schuldige Buße tun und Vergebung erlangen? Aber warum verschwieg sie, dass es sich um die Notizen der eigenen Tochter handelt?

Hier spricht Hilzinger deutliche Worte. Schon die uneheliche Schwangerschaft und die jüdische Herkunft waren für die junge Langgässer Makel, die man am besten wohl verschwieg. In der weiblichen Familienlinie – bei der Mutter der Dichterin wie auch bei ihr selbst – wiederholte sich nicht nur die uneheliche Schwangerschaft, sondern auch das „Muster“ der Rettung der durch einen Makel „entwerteten“ Frau durch einen Mann, Wilhelm Hoffmann, der sie „trotzdem“ liebt. Ihrem Selbstverständnis als Frau und Katholikin entsprechend ersehnte sich Langgässer einen „priesterlichen“ Mann, der sie, die „gefallene Natur“, erlöst. Dagegen begriff Cordelia, dass sie einer anderen Gemeinschaft, der ihrer jüdischen Mithäftlinge, zugehörte. Sie fand ihre Identität als Überlebende der Shoa, als Jüdin – nicht im religiösen Sinne, sondern in ihrer Zugehörigkeit zu einer Leidensgemeinschaft. Jahrzehnte nach dem Tod der Mutter schrieb Cordelia Edvardson ihre Geschichte auf, in dem Roman „Gebranntes Kind sucht das Feuer“, in dem sie eine Gegenposition zu Langgässers im „Unauslöschlichen Siegel“ vertretenen Auffassung von der „Chimäre der Vernunft“ und der „finsteren Aufklärung“ bezieht.

Langgässers Standpunkt zum Verhältnis Christentum und Judentum wird von Hilzinger kritisch untersucht, Illusionen und Täuschungen der Dichterin werden aufgedeckt, Verwerfungen, die sich da auftun, Befremdliches, was sich da ergibt, werden offen benannt. Die Biografin macht deutlich: Hier haben wir es mit einem Werk zu tun, das gerade in seiner Gebrochenheit nahezu modellhaft für das Schicksal einer ganzen Generation in Deutschland erscheint. Zudem ist die Kenntnis des individuellen Schicksals Langgässers unabdingbare Voraussetzung für ein richtiges, angemessenes Verständnis ihres Werkes. Diese Biografie könnte wesentlich zur Wiederentdeckung Elisabeth Langgässers beitragen.

Literaturangabe:

HILZINGER, SONJA: Elisabeth Langgässer. Eine Biografie. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2009. 498 S., 29,90 €.

Weblink:

Verlag für Berlin-Brandenburg

Klaus Hammer, Literatur- und Kunstwissenschaftler, schreibt als freier Buchkritiker für dieses Literaturmagazin. Er ist als Gastprofessor in Polen tätig


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