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Neue Susan-Sontag-Biographie

Presseschau vom 16. Januar 2008

© Die Berliner Literaturkritik, 16.01.08

 

BERLIN (BLK) – Sowohl die „FAZ“ als auch die „SZ“ rezensieren die neue Biographie über die Schriftstellerin und Essayistin Susan Sontag (1933-2004) des deutschen Journalisten Daniel Schreiber. Den Krimi „Am Ende war die Tat“ von Elizabeth George bezeichnet die „NZZ“ als ermüdend. Außerdem in der Presseschau: Kerstin Dombrowski, Ernst-Peter Wieckenberg und „Fotografien 1967 bis 2007“.

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“

Eine erschöpfende Biographie der amerikanischen Essayistin Susan Sontag liege mit Daniel Schreibers „Susan Sontag. Geist und Glamour“ nicht vor, urteilt die „FAZ“. Allein der Titel verrate schon die Ausrichtung und die Grenzen des Buches. Schreiber gehe es nur um das Phänomen Susan Sontag im Spiegel der Medien. Akribisch habe sich Schreiber in einjähriger Recherchearbeit durch die Artikel amerikanischer Tageszeitungen über Sontag gearbeitet, sowie Interviews mit ihren Freunden geführt. Aus diesen Versatzstücken, schreibt die „FAZ“, sei keine Hommage an die Essayistin, Schriftstellerin und Filmemacherin entstanden, jedoch eine strenge Chronistenarbeit, die Widersprüche und Unglaubwürdigkeiten aufdecke.

Als eine wunderbar hintergründige, visuelle Selbstbefragung, in der Dauer und Augenblick zusammenfallen würden, lobt die „FAZ“ Erika Sulzer-Kleinemeiers „Fotografien 1967 bis 2007“. Auch wenn sie darin Staatszenen und Staatsleute festhalte, so geschehe dies leicht, unaufdringlich und doch unbarmherzig genau. Der ehemaligen „Spiegel“- und „Stern“-Fotografin gelinge es Widersprüchlichkeiten, Unstimmigkeiten und Ambivalenzen sichtbar zu machen. Der Schwerpunkt der Arbeiten liege auf der Zeit zwischen Studentenrevolte Ende der Sechziger und dem Fall der Mauer.

Die ehemalige Boulevardjournalistin Kerstin Dombrowski habe ihre journalistischen Erfahrungen nun in einem Buch versammelt, informiert die „FAZ“. Die Geschichten würden zeigen, wie gnadenlos die Wirklichkeit für eine schockierende Schlagzeile manipuliert werden würde. Was ihrem Bericht trotz der enthüllenden Geschichten fehle, ist die Frage nach dem System dahinter. Es bleibe offen, wie es sich mit den „Strippenziehern“ auf der einen und den Konsumenten auf der anderen Seite verhalte. So lese sich, kritisiert die „FAZ“, Dombrowskis Buch über weite Strecken als „Erinnerung an eine Zeit, die die Autorin in manchen Momenten gerne vergessen würde“.

Jan Golinski schildere in seinem Buch „British Weather and the Climate of Enlightenment” wie das Wetter im 18. Jahrhundert Gegenstand nationaler Aufmerksamkeit wurde. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts hätten die Briten begonnen, systematisch das Wetter zu beobachten. Man hätte in ihm die Grundlage für Wohlfahrt und Gesundheit erkannt. Der damalige Diskurs über Klima und Wetter sei bereits sehr modern gewesen, meint die „FAZ“. Das mache Golinskis Rückblick besonders reizvoll.

„Neue Zürcher Zeitung“

Als eine erschöpfende Notlösung bezeichnet die „NZZ“ den „analytischen Kriminalroman“ „Am Ende war die Tat“ von Elizabeth George. Bezug nehmend auf die Figur Helen Lynley aus ihrem letzten Roman habe die Autorin versucht, die Hintergründe des Mordes an Lynley aufzuklären. Dabei sei jedoch eine Milieustudie über das verhängnisvolle Geflecht von Armut, Drogen und Gewalt entstanden, in dem jeder Hoffnungsfunke durch neue Rückschläge erlösche, kritisiert der Rezensent. Neben den elendsdramatischen Aspekten ermüde den Leser die Vorhersehbarkeit der Geschehnisse, meint die „NZZ“.

„Süddeutsche Zeitung“

Ernst-Peter Wieckenberg, ein besonderer Kenner des 18. Jahrhunderts, sei es mit seinem Buch gelungen, Johan Melchior Goeze (1717-1786), einen wirkungsmächtigen Vertreter der protestantischen Orthodoxie, von den klischeehaften Vorurteilen zu befreien, lobt die „SZ“. In gut lesbarem Kontext habe Wieckenberg das Wichtigste über Goezes Herkunft, seine Studienzeit, seine politische, soziale und religiöse Lage sowie die Beziehung zu G. E. Lessing verfasst, meint der Rezensent. Besonders interessant seien bei seinen Ausführungen die dargestellten Veränderungen von Goezes Lebenswelt. Dadurch sei es Wieckenberg gelungen, Goeze fern von den Klischees eines Zänkers oder Zensors zu charakterisieren, schreibt die „SZ“.

Die beste Einführung in das Leben der Susan Sontag habe Daniel Schreiber mit seiner Biographie „Geist und Glamour“ verfasst, findet die „SZ“. Trotz manch gedanklicher Unschärfen, anfänglicher Amateurpsychologie und kleineren Fehlern sowohl im Inhalt als auch in der Rechtschreibung könnte Susan Sontag kaum besser erfasst werden, kommentiert der Rezensent. Mit Respekt, aber ohne das Negative Sontags zu verschweigen, habe sich Schreiber der „letzten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts“ genähert, schreibt die „SZ“.

Als vielleicht bestes Werk Jürgen Tellers benennt die „SZ“ die gesammelten Briefe des ehemaligen Lektors und verhinderten Akademikers. Wohltuend seien seine Schriften an Familie und Freunde wie beispielsweise an Ernst Bloch, den Teller zeitlebens verehrte. Durch die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit, die der einstige Cheflektor bei Reclam jenseits von Zensur und aller Moden festhielt, werde nicht bloß ein deutscher Lebenslauf deutlich, sonder auch die Hineinwirkung der deutschen Geschichte in Tellers Leben, teilt der Rezensent mit. (rei/wag/wip)

Literaturangaben:
DOMBROWSI, KERSTIN: Titten, Tiere, Tränen, Tote. Eine Boulevardjournalistin auf der Jagd. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008. 205 S., 8,95 €.
GEORGE, ELIZABETH: Am Ende war die Tat. Deutsch von Ingrid Krane-Müschen und Michael J. Müschen. Blanvalet-Verlag, München 2007. 672 S., 21,95 €.
GOLINSKI, JAN: British Weather and the Climate of Enlightenment. University of Chicago Press 2007. 284 S., 18 £.
SCHREIBER, DANIEL: Susan Sontag. Geist und Glamour. Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin 2007. 342 S., 22,95 €.
SULZER-KLEINEMEIER, ERIKA: Fotografien 1967 bis 2007. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2007. 204 S., Abb., 28 €.
TELLER, JÜRGEN: Briefe an Freunde. Herausgegeben von Hubert Witt und Johanna Teller. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007. 612 S., 29,80 €.
WIECKENBERG, ERNST-PETER: Johan Melchior Goeze. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2007. 263 S., 19,95 €.

Presseschau vom 15. Januar 2008

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