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Neuer Krimi von Charlotte Link

Der Roman „Das andere Kind“ bleibt zu jedem Zeitpunkt spannend

© Die Berliner Literaturkritik, 01.09.09

Von Frauke Kaberka

Kaum jemand kannte das Mädchen, dessen Schädel mehrfach auf bestialische Weise gegen eine Mauer geschlagen wurde. Schwierig für die ehrgeizige Polizistin Valerie Almond, die in diesem Fall ermitteln soll. Und so klammert sie sich an einen Mord nach ähnlichem Schema, der nur wenige Monate später erneut die Kleinstadtidylle des nordenglischen Küstenstädtchens Scarborough trübt. Nur ist das Opfer dieses Mal eine alte Frau. Die Parallelen sind allerdings mehr als mager, so dass nicht nur Almond bald Zweifel daran hegt, einen Zusammenhang zwischen beiden Straftaten herstellen zu können.

Wieder hat sich die deutsche Erfolgsautorin Charlotte Link („Sturmzeit“, „Die Rosenzüchterin“) auf britisches Terrain gewagt und ihren neuen Roman „Das andere Kind“ in der Erzähltradition einer Agatha Christie oder P.D. James verfasst, in der modernste kriminaltechnische Ermittlungen eine untergeordnete Rolle spielen und die vor allem auf psychologische Zusammenhänge baut. Mit einem Unterschied: Almond hat weder etwas mit einem Superhirn wie Hercule Poirot oder der scharfsinnigen Miss Marple (Christie), noch mit dem kühlen Logiker Dalgliesh (James) gemein. Die von Selbstzweifeln geprägte Polizistin droht mehrfach zu scheitern, weil sie die Fälle mit Brachialgewalt lösen und damit gern eine Beförderung erreichen will.

Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist die Beckett-Farm in der Nähe Scarboroughs. Hier lebt die altjüngferliche Gwen mit ihrem Vater. Zur Überraschung der wenigen Freunde und Bekannten hat sie doch noch einen Mann zum Heiraten gefunden, den attraktiven, aber mittellosen Dave Tanner. Bei der Verlobungsfeier kommt es zum Eklat, weil die fast 80-jährige Fiona - eine Freundin der Familie und so etwas wie Mutterersatz für Gwen - dem Verlobten auf den Kopf zusagt, was sie von ihm hält: Er sei ein Parasit, der sich auf der Farm einnisten will und die unattraktive und langweilige Gwen nur wegen ihres Besitzes heiratet. Wenige Stunden später wird Fiona mit eingeschlagenem Schädel gefunden. Natürlich ist Tanner der Hauptverdächtige, zumal er als einer der wenigen auch das tote Mädchen kannte.

Geübte Krimileser werden vermuten, dass bei solchen klaren Hinweisen der Verdächtige nicht wirklich der Mörder sein kann. Aber Link gelingt es immer wieder - und das bis zum bitteren Ende - Zweifel an seiner Unschuld zu wecken. Auch eine Menge anderer Personen hätten Möglichkeiten und Motive, der alten gefühlskalten Fiona nach dem Leben zu trachten. Und dabei kommt auch das „andere Kind“ ins Spiel. Es ist ein kleiner, geistig behinderter Junge, ein „Nobody“, der während des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit Fiona aus London gekommen und vorübergehend auf der Beckett-Farm untergekommen war. Er prägt Fionas lebenslanges schlechtes Gewissen.

Nach ihrem Tod wird die Lebensbeichte der alten Dame gefunden. Aber anstatt Klarheit zu bringen, verwirrt sie noch mehr. Gekonnt vernetzt Charlotte Link die Geschicke und Geschichten ihrer Akteure räumlich und zeitlich miteinander. Zu keinem Zeitpunkt kommt es zu einem Spannungsabfall. Sicher bleiben manche Charaktere unterentwickelt, manche Fragen unbeantwortet. Doch ist das kein Makel, sondern eine notwendige Sondierung. Was besonders gefällt, ist die Studie jener Menschen und ihrer innersten Gefühle, die wesentlich sind für die Handlung. Und so offenbart die Autorin viel Einfühlungsvermögen und Kenntnis der menschlichen Natur, die ebenso unvollkommen wie vielfältig ist.

Literaturangabe:

LINK, CHARLOTTE: Das andere Kind. Blanvalet Verlag, München 2009. 670 S., 24,95 €.

Weblink:

Blanvalet Verlag


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