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Nicht sein bester Roman

Zu Martin Amis’ „Haus der Begegnungen“

© Die Berliner Literaturkritik, 16.03.09

 

Beginnen wir mit der guten Nachricht: „Haus der Begegnungen“, der neueste Roman von Martin Amis, ist nicht sein schlechtestes Werk. Aber es ist auch meilenweit von der Qualität seiner besten Werke wie „Gierig“ und „Pfeil der Zeit“ entfernt.

Es ist, obwohl es um das Leben im Gulag und in der Sowjetunion geht, ein unangenehm flaches Buch, das schneller als ein für den schnellen Verbrauch bestimmter Schmöker aus dem Gedächtnis verschwindet. Dabei geht es um wichtige Themen, und Amis hat sich einiges vorgenommen. Denn der Ich-Erzähler sieht sein Leben als eine Variante des Verfalls der Sowjetunion.

Dieser Erzähler macht sich im hohen Alter noch einmal auf den Weg zum Straflager, in dem er viele Jahre seines Lebens verbrachte. Dort will er einen Brief seines Bruders lesen, den er seit zwanzig Jahren hat. Während der Reise erinnert er sich an früher. Er schreibt für seine erwachsene amerikanische Tochter alles auf und behandelt sie dabei wie ein kleines Kind, das nicht weiß, was ein dreischenkliges Dreieck ist. Er schreibt über die Jahre, die er mit seinem Halbbruder Lew in dem Lager verbrachte, wie es ihnen gelang, nicht entdeckt zu werden (die verschiedenen Nachnamen halfen) und wie sie sich beide in dieselbe Frau verliebten.

Lew ist hässlich, war als Kind oft krank, stotterte, ist Brillenträger und ein Büchermensch. Der Erzähler ist, wenig überraschend, das Gegenteil, ebenfalls verliebt in Zoya und schockiert, als ihm Lew im Straflager sagt, dass sie ihn geheiratet habe.

Damit ist der Hahnenkampf um Zoya bereits entschieden und die beiden Brüder schleppen sich mehrere Jahre durch das Gulag. Die Erzählung ebenso. Amis beschreibt in „Haus der Begegnungen“ nicht die Schrecken des Gulag, sondern die Monotonie des Lebens in einem Gefängnis.

Deshalb liest sich die Geschichte in der ersten Hälfte immer so, als ob es zwar irgendwo einen potentiell interessanten Konflikt gibt, aber dann der Gegner (Der Staat? Die Wärter? Der Bruder?) oder das Objekt der Begierde (Die Geliebte.) entfernt wird.

Der Unterdrückungsmechanismus im Gulag bleibt blass. Es entsteht sogar der Eindruck eines normalen Gefängnisses in einer kalten Umgebung, bei dem die männlichen und die weiblichen Insassen ohne Probleme miteinander verkehren können.

Das mag historisch absolut richtig beschrieben sein. Immerhin hat Martin Amis fleißig recherchiert. Aber „Haus der Begegnungen“ ist kein Sachbuch, sondern ein Roman. Allerdings kein guter. Denn die Geschichte eines Kampfes zweier Männer um die gleiche Frau und auch die Schrecken des Straflagers und des Stalinismus verschwindet in bleierner Langeweile und den gestelzten Formulierungen eines alten Mannes gegenüber seiner erwachsenen Tochter, wie: „Ich möchte jetzt ein außerordentlich attraktives junges Mädchen beschreiben, und meine Erfahrung sagt mir, dass dir das nicht gefallen wird, weil auch du eins bist.“

Auch später, wenn der Erzähler entlassen wird, scheinen die Jahre im Lager ihn nicht verändert zu haben. Alles geht seinen gewohnten Gang weiter. Lew und Zoya bleiben zusammen. Lew wird zunehmend seltsamer. Der Erzähler stürzt sich ins pralle Leben. Er darf nur einige Städte nicht mehr besuchen. Aber dafür macht er eine Erfindung, die ihm später ein Vermögen erbringt. Und er flüchtet in die USA. Dort heiratet er.

„Haus der Begegnungen“ ist ein weiteres Buch von Martin Amis, in dem er als ernster Autor überzeugen will und scheitert. Er möchte die Schrecken einer totalitären Gesellschaft schildern und produziert am Ende doch nur Langeweile.

Dabei hat er bereits in „Pfeil der Zeit“ gezeigt, wie die unfassbaren Taten einer totalitären Gesellschaft literarisch verarbeitet werden können. Damals schrieb er eine Satire, in der die Zeit rückwärts ablief und so auch die Judenvernichtung rückwärts ablief. Das Buch hat 200 Seiten und liest sich wie 100 Seiten. „Haus der Begegnungen“ hat 240 Seiten und liest sich wie 500 Seiten.

Literaturangaben:
AMIS, MARTIN: Haus der Begegnungen. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München 2008. 240 S., 19,90 €.

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