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Nootebooms Sommerdomizil

Geschichten über Spanien

© Die Berliner Literaturkritik, 01.06.11

BERLIN (BLK) – Im Mai 2011 ist im Insel Verlag das Buch „Die Insel, das Land“ von Cees Nooteboom als Taschenbuch erschienen. Helga van Beuningen hat es aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt.

Klappentext: „Ich bin wieder angekommen in meinem Sommerdomizil. Die herrenlose Katze hat sich zum Fressen eingefunden, die Palmen sind um einen unsichtbaren Zentimeter gewachsen, da sind die Bücher wieder, die ich vergessen habe, und ich nehme Platz gegenüber der weiß verputzten Natursteinmauer, die mich schon seit fast zwanzig Jahren mit ihrer Leere erregt.“ Jedes Jahr im Juli landet Cees Nooteboom auf den Balearen – und bringt von dort Geschichten mit. Er erzählt von Don Miguel, dem 87 Jahre alten Postboten, von einem Mädchen namens „Schnee“ und einem anderen, das „Liebe“ heißt. Er betrachtet das Land und dessen Menschen mit Zuneigung, wissend, daß er nur ein Passant ist, einer aber, der sagen kann: „Ich liebe Spanien.“

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom wurde 1938 in Den Haag geboren. Er bereiste schon früh die halbe Welt und schrieb für diverse Zeitungen und Journale. Mit seinem Roman „Rituale“ gelang ihm 1980 der internationale Durchbruch. Seitdem veröffentlichte Nooteboom zahlreiche Erzählungen und Romane. Er gehört heute zu den bedeutendsten Schriftstellern seines Landes.

Leseprobe:

©Insel Verlag©

STOCKFISCH MIT BRILLE

Ich bin wieder angekommen in meinem Sommerdomizil. Die herrenlose Katze hat sich zum Fressen eingefunden und löscht damit neun Monate Abwesenheit aus, die Palmen sind um einen unsichtbaren Zentimeter gewachsen, ich entdecke die Bücher wieder, die ich vergessen hatte, und nehme gegenüber der weiß verputzten Natursteinmauer Platz, die mich schon seit fast zwanzig Jahren mit ihrer Leere erregt. Die Mauern rund ums Haus sind aus großen Steinen zusammengefügt, der Weg hört bei mir auf. Keine Autos, kein Telefon. Nicht weit von hier eine Küste mit schroffen Felsen, weiße Fischerboote, das Meer Homers. Mein König ist jetzt der König von Spanien, doch die Stimmen, die ich zuweilen jenseits der Mauer höre, sprechen die Inselversion des Katalanischen. Die Steinmauern setzen sich bis in das ein Stück weiter gelegene Dorf fort, ich gehe an ihnen entlang, um Zeitungen zu holen, mit einem Armvoll Welt kehre ich in die Stille zurück. Ich erkenne die Geräusche wieder, das Geschrei des Bussards, immer aus derselben Ecke, der Wind in den Palmen, spielende Kinder bei einem Wassertank, wenn ihre Stimmen zu mir wehen. Jetzt muß ich mich noch meiner anderen Welt entledigen, die Uhr in die Sonne legen, so daß sie schmilzt wie Dalís Uhr und langsamer geht, muß auf den Spiegel in der Zisterne achten, damit ich rechtzeitig Wasser bestellen kann. Ich habe zwei Leben, so scheint es, eines dort, von wo ich herkomme, ein Leben, das jetzt schemenhaft wird, es existiert nicht wirklich. Das andere ist hier, ich hatte es lediglich unterbrochen. Man kann sie nicht zu zwei ganzen Leben addieren, und doch ist es, als lebte man länger. Das Leben ist eines der Menschen, Ereignisse, Reisen. In ihm wandeln sich die Zeiten, sie heißen Abreise, Fahrpläne, Termine, hier dagegen ist die Zeit aus Sand, ich brauche die Uhr nur jeden Tag umzudrehen, dann bezeichnen dieselben Körner dieselben Stunden. Die Veränderungen werden nur am Nachthimmel sichtbar, dort führen andere Uhren das Regiment, man kann ganz langsam dazu zählen.

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Ich bin am Tag nach Mittsommernacht angekommen. Manchmal denke ich, ich bin einer der wenigen Primitiven, die diese Zaubernacht noch fühlen. Das muß vom Krieg herrühren. Worten habe ich mich nie entziehen können, und das Wort Sonnenwende muß ich irgendwo aufgeschnappt haben, wenngleich ich mich an niemanden erinnern kann, der es benutzt hat. Ich habe also nicht gesehen, wie es ausgesprochen wurde. Vielleicht eine Rundfunksendung über das germanische Erbe, weiß der Himmel. Jedenfalls hat es sich in meinem Kinderhirn eingenistet und ist erst viel später wieder hervorgekommen, als es verstanden werden konnte. Da gab es auf einmal viel mehr zu verstehen: Ich las von solstice und equinox, und beide Wörter riefen, als ich sie im Wörterbuch nachschlug, Erstaunen hervor. Die Übersetzung des zweiten in meine Sprache lautete evening, Tagundnachtgleiche, aber das war einfach ein niederländisches Wort, man konnte es niederländisch aussprechen, und doch tat das keiner, man hörte es nie. Evening: Wenn Tag und Nacht gleich lang sind, zweimal im Jahr. Die Engländer hatten jeden Tag einen evening, Wahnsinn. Und solstice: zonnestilstand, Sonnenwende. Ich habe noch einmal nachgesehen, es steht wirklich so da. Von früher geblieben ist mir ein festliches Gefühl bei der Sonnenwende im Winter: Von jetzt an werden die Tage länger. Ich bin ein Sommerkind, ich feiere diesen Tag mit einem Glas Champagner und denke an mein Haus im Süden und bilde mir ein, es wartet auf mich.

Und was ist Mittsommernacht? Das ist ein Tag, aus dem sich die Nacht entfernt hat, und trotzdem ist es eine Nacht. Une nuit blanche, eine Nacht, in der man nicht schläft. Feuer, Shakespeare, Hexen, Zauberei, Geilheit, Geisterbeschwörung, Ingmar Bergmans schönster Film. Schöner als James George Frazer (in Der Goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker) kann ich es nicht sagen: »Die Sommersonnenwende oder der Mittsommertag ist der große Wendepunkt im Lauf der Sonne, da sie ihre Schritte am Himmelswege abwärts zu lenken beginnt, nachdem sie vorher Tag für Tag immer höher hinaufgestiegen war.« Haben unsere fernen Vorfahren diesen Punkt gefeiert oder beschworen? Nein, zuvor eine andere Frage: Gibt es das, Vorfahren? Wann beginnt die erkennbare Familie in einer Menge anonymer Toter zu verschwinden? Unwiderruflich läßt sich eine logische Linie von Gebärmutter zu Gebärmutter zurückverfolgen, doch dabei stellt sich kein anderes Gefühl ein als eines der Rätselhaftigkeit: daß man angeblich von dort stammt, aus diesem Gewimmel vorchristlicher Schemen, die den alljährlichen Rückzug der Sonne aufhalten, ihr in ihrer Schwäche beistehen wollten. Große Feuer, Umzüge mit brennenden Fackeln rund um die Felder, Burschen, die allen möglichen Unrat verbrannten, damit übelriechender Rauch die Drachen vertriebe, die, geil von der ranzigen Sommerhitze, „sich in der Luft paarten und Brunnen und Flüsse vergifteten, indem sie ihren Samen hineinfallen ließen“ (Frazer). Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein brannten diese Feuer in ganz Europa, ein Mädchen, das neun Feuer sah, hieß es, würde binnen Jahresfrist heiraten, Wagenräder wurden mit Pech beschmiert, angezündet und, brennend wie das Rad der Sonne, die Hügel hinuntergerollt, krankes Vieh wurde durch das Feuer getrieben, damit es genas, das öffentliche Feuer wurde an glühenden Ästen nach Hause gebracht, wo man den Herd damit anzündete. Frazer beschreibt sämtliche Riten und Spielarten in allen Ecken und Winkeln Europas, von denen zu seiner Zeit noch viele lebendig waren; im Kern geht es bei all diesen verschiedenen Bräuchen um das Feuer, das auf der Erde entfacht wird, um Ersatz für jenes aus dem Himmel zu schaffen, eine Beschwörung des Winters mit seinen tödlichen Gefahren, ein Sich-Aufbäumen gegen das Dunkel, in der Angst die Phantasie entzündete. Es gibt keinerlei Grund, sich nach diesen Zeiten zurückzusehnen, und dennoch schlummert in den Tiefen meiner Seele ein Heide, der in der größten Hitze des Sommers an das Messer des Winters denkt, an das Verschwinden des Lichts. Heute sind es 35 Grad in Zamora, 41 in Badajoz, 34 in Zaragoza. Einstweilen ist die Dunkelheit noch fern.

©Insel Verlag©

Literaturangabe:

NOOTEBOOM, CEES: Die Insel, das Land. Geschichten über Spanien. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. (insel taschenbuch 4024). Insel Verlag, Berlin 2011. 121 S., 7 €.

Weblink:

Insel


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