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Opportunisten und Wendehälse

Richard Wagners neuer Roman „Belüge mich“

© Die Berliner Literaturkritik, 19.05.11

WAGNER, RICHARD : Belüge mich. Aufbau Verlag Berlin 2011, 313 S., 22,95 €.

Von Sibylle Peine

Die schwierige Suche nach den Wurzeln war schon Thema in Wagners Familien- und Heimatroman „Habseligkeiten“. Sein neuestes Werk „Belüge mich“ ist erneut eine schmerzliche Reise zurück in die Vergangenheit, in ein zerrissenes, von Diktatoren und Ideologien beherrschtes Land, in dem Menschen vor allem durch Anpassung und Tarnung überlebten. Dass Wagner diese düstere Vergangenheit umtreibt, ist nicht verwunderlich. Derfrühere Ehemann der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wurde in Rumänien jahrelang von der Geheimpolizei Securitate überwacht und sogar von Freunden ausspioniert.

Gegenwart und Vergangenheit sind in „Belüge mich“ aufs Engste miteinander verknüpft. Protagonistin ist die junge Journalistin Sandra Horn. Sie ist rumänischer Abstammung, aber in Deutschland geboren und aufgewachsen. Von Rumänien weiß sie nicht viel. Eines Tages erhält sie den Auftrag, in Bukarest einen Ableger jener Frauenzeitschrift zu gründen, bei der sie in München arbeitet. Eh sie sich versieht, wird der ursprünglich rein berufliche Auftrag zu einer spannenden und berührenden Entdeckungsreise in die eigene Familienvergangenheit.

Auf der Suche nach einer passenden Geschichte für das neue Frauenmagazin stößt Sandra Horn auf die rätselhafte Story der Lauretta Luca. Die Kommunistin war in den 1930er Jahren „Miss Bukarest“. Männer umschwärmten sie wie Motten das Licht. Aber eines Tages wurde die junge Frau tot aufgefunden, angeblich Selbstmord durch Zyankali. Bei Sandras Recherchen stellt sich heraus, dass nicht nur ihr eigener Großvater, der Kommunistenjäger Ypsilon Horn, in die Geschichte verwickelt war, sondern ebenfalls ihr Großonkel Victor Albu, Kellner in der „Tangobar“ und später Geheimpolizist. Auch der Vater ihres Freundes, ein berühmter Tangosänger jener Zeit, gehörte zu den Männern, die Lauretta begehrten.

Doch nur vordergründig geht es hier um diese Boulevardgeschichte. Das eigentliche Drama dahinter ist größer: Menschen werden durch Ideologien, autoritäre Systeme und Sicherheitsapparate korrumpiert, verbogen und zerstört. Ein früherer Kommunistenjäger dient sich ohne Umschweife den neuen roten Machthabern an, ein ehemaliger Geheimpolizist wird zum Dissidenten, ein verfolgter Architekt steigt zum Großbaumeister des Regimes auf. Opportunisten, Wendehälse überall. Aber auch stille Helden wie der traurige Tangosänger, der nicht korrumpierbar ist.

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Wagners Sprache ist klar und lakonisch. Manchmal werden Hauptsätze wie schlichte Regieanweisungen aneinandergereiht: „Sie schließt die Tür zum Bad. Sie ist wieder im Zimmer, macht den Fernseher an. Der Ton ist sehr laut. Sie betrachtet die Fernbedienung. Sie schaltet den Ton ab.“ Umso vielschichtiger ist der Aufbau des Romans. Immer wieder wechseln die Zeitebenen, überlagern sich Gestern und Heute. Verwirrend ist nicht nur die Vielzahl der Personen, sondern auch ihre Beziehung untereinander. Alle sind irgendwie miteinander verwandt und verwoben.

Wagner zeigt überzeugend den irritierenden Opportunismus von Menschen unter den Bedingungen einer Diktatur auf. Allerdings ist die komplexe politische Geschichte Rumäniens dem deutschen Leser nicht so präsent. Hinzu kommt die verschlungene Struktur des Romans. Leicht kann man sich deshalb am Ende im Labyrinth der Erzählung verlieren.

Weblink: Aufbau Verlag


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