MÜNCHEN (BLK) – Im Juni 2011 ist im dtv Rafik Schamis „Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat“ erschienen. Schami publiziert schon seit den Achtziger Jahren und gilt mittlerweile als einer der bedeutendsten Schriftsteller deutscher Sprache.
Klappentext: Seit beinahe vierzig Jahren lebt Rafik Schami nun schon in Deutschland, seinen staunenden und kritischen Blick auf den deutschen Alltag hat er dabei nicht verloren. Unnachahmlich charmant erzählt er in den teilweise erstmals veröffentlichten Erzählungen aus den Jahren 1990 bis 2010 von den Deutschen und ihren sprachlichen Eigenheiten, wundert sich über die unerschütterliche Konsequenz, mit der deutsche Gäste bei Einladungen selbst gemachten Nudelsalat mitbringen, muss erfahren, dass ein Kaufhaus kein Basar ist, verrät, warum er kein Amerikaner wurde, und schließt - beinahe - Freundschaft mit der sprechenden Stubenfliege Subabe. Neue, unveröffentlichte und bearbeitete Erzählungen aus den Jahren 1990 und 2010.
Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und kam 1971 nach Deutschland. Der promovierte Chemiker gilt als einer der bedeutendsten Autoren deutscher Sprache und seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in etwa 25 Sprachen übertragen. Der Name ‚Rafik Schami’ bedeutet ‚Freund aus Damaskus’ und ist das Pseudonym, unter dem der Schriftsteller arbeitet. Sein eigentlicher Name lautet Suhail Fadil.
Leseprobe:
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Warum wir
keine Amerikaner wurden
Ein Onkel meines Vaters war nach Florida ausgewandert. Nach einem langen Arbeitsleben als Bäcker und Konditor war er ein reicher Mann geworden, aber kinderlos geblieben. Unter keinen Umständen wollte er sein Vermögen eines Tages einmal dem amerikanischen Staat vererben. Und da er als guter Araber auch nach vierzig Jahren noch eine starke Bindung zu seiner Sippe fühlte, schrieb er seinen drei Neffen, die ebenfalls alle Bäcker waren, sie sollten ihm Familienfotos schicken, da er Sehnsucht nach ihnen habe. In Wahrheit wollte er prüfen, wem gegenüber er möglicherweise Sympathie empfinden könnte.
Für uns in Damaskus bedeutete das einen überstürzten Fototermin. Wir bekamen neue Kleider und stellten uns im Innenhof unseres Hauses vor Blumen und Pflanzen in Pose. Der Fotograf war schlecht gelaunt, weil mein Vater dessen Kulissen aus Schwänen und Palmen rundweg abgelehnt hatte. „Schwäne bringen Unglück“, erklärte er dem Mann, meiner Mutter aber flüsterte er auf Aramäisch zu: „Das kostet sonst viel mehr.“
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Mein Bruder Antonios hörte nicht auf, Faxen zu machen und vulgäre Dinge über den wirklich hässlichen Fotografen zu erzählen. Außerdem rief er dauernd dazwischen, er wolle als Hintergrund lieber ein Plakat vom Wilden Westen, und brachte meine Schwester Marie und mich immer wieder zum Lachen. Nur mein ältester Bruder stand unbeeindruckt und mit unbeweglicher Miene neben uns. Das war mehr, als der Fotograf ertragen konnte. „Wir sind doch hier nicht in einer Kaserne, mach dich locker“, schimpfte er. Dann hustete er und spuckte auf die glänzenden Fliesen des Innenhofs. Meine Mutter hasste nichts auf der Welt mehr als Männer, die spuckten. Aus diesem Grund hatte sie meinem Vater eine ganze Schublade voll feinster Taschentücher geschenkt. Sie verfluchte den Fotografen als Barbaren und als Sohn eines Barbaren und schaute angeekelt auf den mächtigen Batzen Spucke. Genau diese Miene war später auf dem Foto zu sehen.
Mein Bruder Antonios und ich bekamen die ersten Ohrfeigen. Marie blieb verschont, weil sie in ihrem weißen Kleid engelsgleich dastand und viel zu klein war für eine große Ohrfeige vom väterlichen Kaliber. Nach der zweiten Ohrfeige heulten wir. Der Fotograf verfluchte uns und mahnte meinen Vater barsch, seine Hand bei sich zu lassen. Diese Formulierung kam in meinem Leben nur einmal vor – die Hand bei sich lassen. Ich habe sie in bitterer Erinnerung und deshalb in meinen dreißig Büchern nicht ein einziges Mal gebraucht.
Als Antonios nicht aufhören wollte, Witze zu reißen, gab ihm mein ältester Bruder, stellvertretend für den Vater, einen kräftigen Tritt. Schlagartig verwandelte sich Antonios in einen Schauspieler, tat so, als wäre die Kamera des Fotografen, damals ein beachtlicher Kasten aus Holz, eine Filmkamera, und warf sich wie Robert Mitchum nach einem Faustschlag in einer Bar zu Boden. Der Fotograf bat ihn mit süßlicher, aber zugleich giftiger Stimme aufzustehen. Antonios richtete sich auf und wischte sich mit dem rechten Handrücken über seinen Mundwinkel. Es gab nichts zu wischen, aber diese Geste gehörte zur Filmszene. Ich bog mich vor Lachen und mein Vater drehte mir gegen alle Gesetze der Physik, Biologie und Pädagogik mein rechtes Ohr um 180 Grad herum. Und staunte selbst, wie das Ohr in seine Ausgangsposition zurückschnellte. Dieses Staunen ließ sein Gesicht auf dem Foto nicht gerade intelligent erscheinen.
Ich mache es kurz. Das Foto wurde nach Amerika geschickt. Der Onkel in Florida hat nie geantwortet. Und so blieben wir Syrer.
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Literaturangabe: SCHAMI, RAFIK: „Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat – Und andere seltsame Geschichten“. dtv, München 2011. 208 S., 9,90 €.
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