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Orientierung in einem weitgesteckten interdisziplinären Diskussionsfeld

„Einführung in die Kulturwissenschaften“ von Ansgar und Vera Nünning

© Die Berliner Literaturkritik, 04.04.08

 

STUTTGART (BLK) – Der Band „Einführung in die Kulturwissenschaften“, der von Ansgar und Vera Nünning herausgegeben wird

Klappentext: Orientierung in einem weitgesteckten interdisziplinären Diskussionsfeld. Die Einführung informiert über die gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Debatten und gibt einen systematischen und umfassenden Überblick über die verschiedenen Ansätze wie Kultursemiotik, Kulturanthropologie und New Historicism. Weitere Kapitel widmen sich der Medienwissenschaft, kulturwissenschaftlicher Geschlechterforschung, Fragen des kulturellen Gedächtnisses oder interkultureller Kommunikation.

Ansgar Nünning (geb. 1959) ist Professor für Englische und Amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Gründungsdirektor des „Gießener Graduiertenzentrums Kulturwissenschaften“ (GGK) sowie des im Rahmen der Exzellenzinitiative geförderten „International Graduate Centre for the Study of Culture“ (GCSC). Bei J.B. Metzler ist erschienen „Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie“. 4. Auflage 2008. „Metzler Lexikon englischsprachiger Autorinnen und Autoren“. 2002 (Mitherausgeber) und „Handbuch Promotion“. 2007 (Mitherausgeber).

Vera Nünning ist Professorin für Englische Philologie und Prorektorin für Internationale Beziehungen an der Universität Heidelberg; Forschungsschwerpunkte und Veröffentlichungen: englische Literatur von der Renaissance bis zur Gegenwart, kulturwissenschaftliche Ansätze in der Literaturwissenschaft, Kulturgeschichte. Bei J.B. Metzler ist erschienen „Erzähltextanalyse und Gender Studies“, 2004 (Mitherausgeberin). (tan/wip)

 

Leseprobe:

© Metzler Verlag ©

1. Kulturwissenschaften: Eine multiperspektivische Einführung in einen interdisziplinären Diskussionszusammenhang

An Versuchen, die Geistes-, Literatur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften kulturwissenschaftlich zu reformieren, zu modifizieren oder zu perspektivieren, herrscht wahrlich kein Mangel. Während sich im anglo-amerikanischen Bereich schon seit den 1960er Jahren neue Formen von Cultural Studies (vgl. Winter 2001) herausgebildet und institutionell etabliert haben, kreisen die Diskussionen hierzulande seit etwa zehn Jahren vor allem um die Möglichkeiten und Probleme einer kulturwissenschaftlichen Erneuerung der Geisteswissenschaften (vgl. Frühwald et al. 1991). Überblickt man die einschlägigen Publikationen und Auswahlbibliographien, so reflektieren die deutschen Debatten zunächst einmal die Hochkonjunktur und „geradezu triumphale Rückkehr des Kulturbegriffs“ (Daniel 1993, S. 70) sowie die steigende Prestigekurve der Kulturwissenschaft (vgl. Ullmaier 2001) bzw. Kulturwissenschaften. Allerdings sind deren Konturen und Profil bislang trotz (oder wegen?) der Fülle von Publikationen eigentümlich unscharf (vgl. aber die äußerst anregenden Bände von Henningsen/Schröder 1997; Appelsmeyer/Billmann-Mahecha 2001; Jaeger 2001a).

Zudem ist der Aufstieg der Kulturwissenschaft(en) keineswegs nur von ungeteiltem Beifall begleitet gewesen, sondern hat auch eine stattliche Zahl von Gegnern und Kritikern auf den Plan gerufen. Letztere äußern gegenüber den selbsternannten Kulturwissenschaften gerne einen (meist recht pauschalen) Dilettantismus-Verdacht, bezeichnen sie als überflüssig oder „lehnen sie aus der saturierten Perspektive des fachdisziplinären Schrebergartens heraus ab“, wie Bernd Henningsen und Stephan Michael Schröder (1997, S. 6) im Vorwort des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes pointiert bemerken. Die Frontstellungen in diesen Debatten sind klar, die verbalen Messer werden gewetzt, mit Polemik wird (auf beiden Seiten) zumeist nicht gegeizt, und für reichlich Zündstoff wird gesorgt, etwa wenn bestimmte Formen von Kulturwissenschaft „als Entertainment“ (Vollhardt 2001) (ab-)qualifiziert werden. Was im Eifer des feuilletonistischen und wissenschaftlichen Dauergefechts über ‚die Kulturwissenschaft(en)’ (bei Lichte betrachtet bereits ein notorisch schwer zu fassendes und prekäres Streitobjekt – oder gar ein Phantom?) allerdings nicht immer klar wird, ist die Antwort auf die eigentlich naheliegende Frage, worüber und auf welchen Ebenen bei dieser „unglücklichen Debatte“ (Pornschlegel 1999) eigentlich so heftig gestritten wird: über die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit einer kulturwissenschaftlichen Runderneuerung bestimmter oder aller geistes- und/oder sozialwissenschaftlicher Disziplinen; und/oder über Probleme bei der Rezeption und der „mögliche[n] bzw. unmögliche[n] Integration angelsächsischer und französischer Forschungskonzepte in die deutsche (Geistes-)Wissenschaftslandschaft“ (ebd., S. 522); und/oder über theoretische, methodische oder konzeptuelle Grundsatzfragen bestimmter kulturwissenschaftlicher Disziplinen, z. B. der Literaturwissenschaft, deren Legitimationsdauerkrise in den letzten Jahren bevorzugt unter das Generalthema ‚Literaturwissenschaft und/oder/als Kulturwissenschaft?’ (vgl. z. B. Schönert 1996; Seeber et al. 1996; von Graevenitz 1999; Voßkamp 1999; Engel 2001) gestellt wurde?

 

1. Produktive Grenzüberschreitungen, Internationalität, Perspektivenvielfalt und Pluralisierung der kulturwissenschaftlichen Landschaft

Der damit grob umrissene Diskussionszusammenhang ist neben seiner oft etwas diffusen und unfokussierten Natur vor allem durch drei übergreifende Tendenzen gekennzeichnet, die im Folgenden kurz charakterisiert werden sollen:

  • erstens durch eine Reihe von sehr produktiven Grenzüberschreitungen,
  • zweitens durch seinen internationalen Charakter bzw. – bezogen auf die deutschen Debatten – eine oftmals recht eklektische Rezeption angelsächsischer und französischer Theorie- und Forschungskonzepte und
  • drittens durch seine polyphone und multiperspektivische Qualität. Nicht zuletzt diese Mehrstimmigkeit und Perspektivenvielfalt haben zu einer solchen Pluralisierung der Kulturbegriffe und Kulturtheorien, Ansätze, Richtungen und Methoden sowie kulturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen und Untersuchungsgegenstände geführt, dass „ein methodisch-konzeptuelles Paradigma kulturwissenschaftlichen Arbeitens“ (Pornschlegel 1999, S. 521) bislang nicht zu erkennen ist.

Grenzüberschreitend sind die Debatten um ‚die’ Kulturwissenschaft(en) gleich in mehrfacher Hinsicht: Es sind nicht bloß viele kulturwissenschaftlich orientierte Disziplinen daran beteiligt (und davon betroffen), sondern das ‚Programm’ der Kulturwissenschaft(en) ist selbst von Grenzerweiterungen und Grenzüberschreitungen geprägt. Zu den Ausgangspunkten dieser Diskussionen zählen nämlich Kritik an der bisherigen institutionellen Aufteilung wissenschaftlicher Disziplinen und das Bemühen, disziplinäre Grenzen zu überwinden. Beides speist sich wiederum aus der Einsicht, dass die Erforschung kultureller Phänomene einerseits Produktive Grenzüberschreitungen interdisziplinärer Zusammenarbeit bedarf, kulturwissenschaftliche Untersuchungen aber andererseits durch ein institutionelles Problem behindert werden, das Mittelstraß (1987, S. 156) einmal als „Asymmetrie von Problementwicklung und disziplinärer Entwicklung“ bezeichnet hat: Da ‚Kultur’ (was immer darunter im Einzelfall zu verstehen ist) zu jenen Phänomenen zählt, die quer zur fachwissenschaftlichen Spezialisierung stehen und die einem nicht den Gefallen tun, „sich als Probleme für disziplinäre Spezialisten zu definieren“ (ebd., S. 154 f.), ist eine Diskrepanz entstanden zwischen der Entwicklung der kulturellen Probleme, die es zu untersuchen gilt, und der traditionellen Verfassung und Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Disziplinen.

Ein wichtiger Grund für die allseits geforderte kulturwissenschaftliche Erneuerung der Geistes- und Sozialwissenschaften wird daher vor allem darin gesehen, dass die Kulturwissenschaften „auch der Rückgewinnung wissenschaftlicher Wahrnehmungsfähigkeiten“ (ebd., S. 155) dienen können. Sie rücken nämlich kulturelle Problemfelder in den Blick, die bislang vor allem deshalb wenig Beachtung gefunden haben, weil sie zwischen den Erkenntnisinteressen der Literatur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften liegen und vom disziplinären Suchraster nicht erfasst werden. Eine interdisziplinäre Weiterentwicklung der Geistes und Sozialwissenschaften hin zu Kulturwissenschaften gilt somit nicht nur als ein viel versprechender Weg, um bestehende Erkenntnisgrenzen zu überwinden, sondern sie eröffnet auch neue Möglichkeiten „ ‚transdisziplinärer’ Zusammenarbeit“ (Müller 1999, S. 576).

Allerdings ist zu Recht betont worden, dass die jeweiligen Disziplinen nur dann substantielle Beiträge zu dem interdisziplinären Projekt der Kulturwissenschaften leisten können, wenn sie sich auf ihre jeweiligen fachlichen Kompetenzen – über die etwa Literaturwissenschaftler im Umgang mit fiktionalen Texten und Geschichtswissenschaftler im Umgang mit historischen Quellen verfügen – besinnen, denn „interdisziplinäre Kompetenz setzt disziplinäre Kompetenzen voraus“ (Mittelstraß 1987, S. 154). Ähnlich argumentiert Scherpe (1999, S. 22), wenn er zu Recht darauf hinweist, dass „eine an Anthropologie, Ethnologie, an Geographie und Mythenforschung oder Medienwissenschaft orientierte Literaturwissenschaft sich nicht legitimieren und Geltung erlangen [kann], wenn sie die neu gewonnenen Untersuchungsfelder nicht aus eigener Kompetenz heraus zu beschreiben vermag: Sie hat ihren Anteil am ‚Thema’, am Verfahren und am Erkenntnisziel zu definieren.“ Die in inter- und transdisziplinärer Zusammenarbeit implizierte Überschreitung von Grenzen zwischen Disziplinen setzt somit fachspezifische Standards, Methoden und Kompetenzen voraus: „Kulturwissenschaft zielt jedoch nicht auf Aufhebung der Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen (die im Gegenteil auf der Basis ihrer Funktionsprämissen, Methoden und theoretischen Grundannahmen arbeiten müssen), sondern auf ihre Überschreitung im Dienste einer wechselseitigen Erhellung“ (Müller 1999, S. 576 f.).

Darüber hinaus sind die Kontroversen um ‚die’ Kulturwissenschaft(en) auch insofern grenzüberschreitend, als sie nicht bloß interdisziplinär, sondern auch international verlaufen. Vergleicht man etwa die anglo-amerikanischen Debatten über die Cultural Studies mit den deutschen Diskussionen um die kulturwissenschaftliche Erneuerung der Geisteswissenschaften, dann wird deutlich, dass es zwischen den nationalspezifischen Wissenschaftstraditionen nicht bloß Gemeinsamkeiten oder zumindest Parallelen, sondern vor allem auch eine Reihe von unübersehbaren Unterschieden gibt, die bislang noch nicht deutlich herausgearbeitet worden sind und aufgrund derer die Konturen der entsprechenden Forschungsrichtungen noch recht unscharf sind. Trotz einiger inhaltlicher und methodischer Parallelen sind die Begriffe ‚Kulturwissenschaft’ und ‚Kulturwissenschaften’ z. B. zu unterscheiden von den in Großbritannien und den USA entwickelten Formen von Cultural Studies, zu deren Merkmalen eine marxistische Gesellschaftstheorie, eine ideologisch geprägte Zielsetzung und eine weitgehende Eingrenzung des Gegenstands auf die Populärkultur (popular culture) der Gegenwart zählen.

Die interdisziplinären Grenzüberschreitungen und die internationale Dimension der kulturwissenschaftlichen Theoriedebatten sind auch zwei der Hauptgründe für die ausgeprägt polyphone und multiperspektivische Qualität, die für den dynamischen Diskussionszusammenhang, der unter dem Begriff ‚Kulturwissenschaft(en)’ firmiert, kennzeichnend sind. Der „Perspektivenvielfalt der Handlungswelt“ (Bachmann-Medick 1996b, S. 26) entspricht eine analoge Vielstimmigkeit und Multiperspektivität auf der Metaebene der wissenschaftlichen Disziplinen, Forschungsrichtungen und Ansätze. Daraus resultiert eine Pluralisierung der Kulturbegriffe und Kulturtheorien, der Ansätze und Methoden sowie der kulturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen, Themen und Untersuchungsgegenstände. Die vielfach erhobenen Forderungen nach einer kulturwissenschaftlichen Erweiterung der Gegenstandsbereiche und Forschungsstrategien hat inzwischen zur Entwicklung einer Vielzahl konkurrierender Theorien, Ansätze und Forschungsrichtungen geführt, deren kleinster gemeinsamer Nenner darin gesehen wird, dass sie ‚kulturwissenschaftlich ausgerichtet’ sind. So reicht das Spektrum dominant kulturwissenschaftlich orientierter Konzeptionen z. B. in der Literaturwissenschaft von rezeptions-, wirkungs- und funktionsgeschichtlichen Ansätzen über den New Historicism (vgl. Glauser/Heitmann 1999), den Cultural Materialism und die Diskursanalyse bis hin zu kultursoziologischen, kulturanthropologischen und kultursemiotischen Ansätzen, um nur einige der besonders einflussreichen Richtungen zu nennen (vgl. die entsprechenden Kapitel dieses Bandes).

© Metzler Verlag ©

Literaturangaben:
NÜNNING, ANSGAR / NÜNNING, VERA (Hrsg.): Einführung in die Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven. Metzler Verlag, Stuttgart 2008. 392 S., 19,95 €.

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