OSTFILDERN (BLK) – Im Februar 2009 ist im Hatje Cantz Verlag das Buch „Otto Dix: Lebenskunst“ von Philipp Gutbrod erschienen.
Klappentext: Wie kaum ein anderer Künstler ist Otto Dix (1891–1969) mit den historischen Ereignissen und den politischen Katastrophen in Deutschland verbunden. Vor der Jahrhundertwende in einer Arbeiterfamilie zur Welt gekommen, stürzt er sich in der Vorkriegszeit lernbegierig in die Kunst des Zeichnens und der Malerei. Von dionysischem Lebenshunger gepackt, kämpft und zeichnet er im Ersten Weltkrieg an vorderster Front. Dix gibt diesem Krieg nach 1918 das wahrhaftigste Gesicht, welches die Kunst bisher gesehen hat. Während der Weimarer Republik zeigt er sich als Spießerschreck, Dandy, Großstadttänzer, gilt aber auch als angesehener Professor. Von den Nazis bereits wenige Monate nach ihrem Machtantritt aus dem Amt gejagt, danach verfemt und bedroht, zieht sich Dix an den Bodensee zurück, um nach 1945 mit breitem Pinselstrich neue Wege zu beschreiten. Das Buch begleitet Dix durch sein bewegtes Leben und sein facettenreiches Œuvre, von den thüringischen Naturstudien und den ersten Selbstporträts über die Meisterwerke der 1920er-Jahre bis hin zu dem beruhigten und reifen Spätwerk.
Philipp Gutbrod promovierte in Heidelberg und ist mittlerweile Geschäftsführer des Auktionshauses Villa Grisebach in New York. (rud/ber)
Leseprobe:
©Hatje Cantz Verlag©
VORWORT
„Ich bin eben ein Wirklichkeitsmensch. Alles muß ich sehen. Alle Untiefen des Lebens muß ich selber erleben.“
Diese Worte äußert Dix in einem Gespräch in St. Gallen 1963, sechs Jahre vor seinem Tod. Das Bekenntnis des Wirklichkeitsmenschen Otto Dix zum schärfsten Realismus kann am Ende wie auch am Anfang seines Lebens als Leitsatz gelten. Wie kaum ein anderer Künstler ist Otto Dix mit den historischen Ereignissen und politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in Deutschland verbunden. Schon im Ersten Weltkrieg sieht er bestialisches Morden und sinnlose Tode; er registriert das Gesehene und Erlebte mit eindrucksvollen Kunstwerken. Dies allein scheint ihm wichtig zu sein: das Wirkliche darzustellen, wie es ist — egal wie abgründig oder hässlich. Hierbei macht er sich Zeit seines Lebens sein großes technisches Können in vielfältigen Stilen zu Nutze. Die Konsequenz, mit der Dix seinem Selbstverständnis als Künstler nachging, beeindruckt auch heute noch, und unzählige Ausstellungen rund um den Globus schaffen ihm immer mehr Anerkennung. Die Themen seiner Werke und deren Darstellung sowie die Person Otto Dix erregen aber auch die Gemüter und führen zu kontroversen Auseinandersetzungen. Der Künstler arbeitete fern einer gesellschaftlichen oder religiösen Moralvorstellung — heute würde man sagen ohne Political Correctness. Er wurde deshalb zu Lebzeiten mehrfach vor Gericht angeklagt sowie posthum als gewaltverherrlichend oder misogyn gebrandmarkt. Tatsächlich ist es schwer, die Motivation oder gar Intention seiner Bilder zu bestimmen, da sich Dix Erklärungen oder einer Theorie zu seinen Werken entzogen hat. Es ist daher unerlässlich, die Gemälde, Arbeiten auf Papier sowie Grafiken immer wieder im Original anzuschauen, im Sinne seines Credos „Traue deinen Augen“. Das vorliegende Buch hat sich zum Ziel gesetzt, die Zeitströmungen und weltanschaulichen Impulse, die in Dix’ Bilder eingeflossen sind, aufzudecken und so einen Überblick über den Künstler sowie sein gesamtes OEuvre zu geben. Aufgrund des großen Umfangs des Dix’schen Werks, der Vielfalt der Themen und der künstlerischen Phasen muss es hier trotz allem bei einer Auswahl bleiben. Der präsentierte Überblick dient dem Leser hoffentlich als Einstieg in eine weiterführende Beschäftigung mit dem so facettenreichen Künstler Otto Dix.
„Über unsere Lebenskunst schreibst Du, ‚wir wären Popanze’. Sind wirs heute nicht mehr? Es mag der Fall sein, das [sic] in meinen Briefen immer eine Anschauung die andere auffrißt. Mir ist es überhaupt jetzt furchtbar wüst im Kopf. […] ich suche mir jetzt überall wehzutun und suche gerade die unangenehmen Wahrheiten.“
Otto Dix in einem undatierten Brief an Hans Bretschneider, wohl 1911
DRESDNER SEZESSION – GRUPPE
Wenige Monate nachdem Dix aus dem Krieg zurückgekehrt war, fährt er Anfang 1919 nach Dresden und knüpft nahezu nahtlos an sein vorheriges Leben an. In
Dresden studiert er — nun an der Kunstakademie aufgenommen und mit eigenem Arbeitsraum — bei Max Feldbauer und später bei Otto Gußmann. Es ist bemerkenswert, dass sich Dix nach seiner an der Kunstgewerbeschule abgeschlossenen künstlerischen Ausbildung sowie nach den überstandenen Kriegserfahrungen wieder in den Rang eines Studenten fügt. Dies hat sicherlich mit der durch die Akademie gesicherten Versorgung mit Malutensilien und einem Atelier zu tun sowie mit einem ausgeprägten Wissensdrang. An der Akademie erfährt Dix entscheidende technische Impulse, die zu Neuerungen in seiner Kunst führen werden.
Während der Maler im Krieg kämpfte, hat sich in Dresden die Kunstszene weiterentwickelt, und so trifft Dix bei seiner Rückkehr auf eine junge, progressive und bereits gut organisierte politische Kunstszene, die sich während des Kriegs aktiv für den Frieden eingesetzt hatte. Der Expressionismus war in den Kriegsjahren in Dresden durch Ausstellungen und Bücher, aber auch durch Theateraufführungen präsent: 1916 wurde im Albert-Theater (Neustädter Schauspielhaus) Walter Hasenclevers Drama Der Sohn uraufgeführt, wie auch das Schlüsselwerk des expressionistischen Theaters, Mörder, Hoffnung der Frauen von Oskar Kokoschka, der zu dieser Zeit in Dresden lebte. Die Stadt bleibt auch in den folgenden Jahren ein Zentrum des modernen Theaters mit Aufführungen von August Stramms Erwachen, Georg Kaisers Gas I und Gas II sowie Friedrich Wolfs Das bist Du, zu dem der junge Künstler Conrad Felixmüller das Bühnenbild entwirft.
„Wahrheit — Brüderlichkeit — Kunst“
Dix lernt gleich bei seiner Rückkehr nach Dresden den Maler Conrad Felixmüller kennen, der ihm den Eintritt in die progressiven Künstlerkreise erleichtert. Er fi ndet in dem sechs Jahre Jüngeren einen guten Gesprächspartner für Themen der Kunst und Politik. Felixmüller, der bereits mit 15 Jahren in die Kunstakademie aufgenommen wurde, hat sich wie viele andere fortschrittliche Künstler seiner Generation während des Ersten Weltkriegs mit der Arbeiterbewegung solidarisiert und politische Kunstwerke geschaffen. Diese Identifizierung mit der Arbeiterklasse ist – wie auch bei Dix – in der Herkunft des Künstlers zu suchen, da er als Sohn eines Schmieds aus einfachen Verhältnissen stammt. Als er Dix kennenlernt, hat sich Felixmüller bereits durch seine politischen Werke einen Namen gemacht und ist Gründungsmitglied der im Oktober 1917 ins Leben gerufenen Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft Dresden. Ähnliche linke Künstlergruppen entstehen in dieser Zeit in mehreren deutschen Städten und sind als direkte Folge der russischen Oktoberrevolution von 1917 zu sehen. Wie die Arbeiter- und Soldatenräte der Novemberrevolution in Deutschland, die ihrerseits nach den Sowjets der russischen Oktoberrevolution gegründet wurden, organisieren sich moderne Künstler, um mithilfe von Ausstellungen und unabhängigen Zeitschriften gemeinsame Ziele zu verfolgen. So gründet Felixmüller mit den Schriftstellern und Verlegern Heinar Schilling und Felix Stiemer die ab Januar 1918 im Felix Stiemer Verlag erscheinende und von dem Künstler grafisch gestaltete Kunst- und Literaturzeitschrift Menschen, die sich durch eine klare Antikriegshaltung auszeichnet. Dix wird später mehrere Zeichnungen und Gemälde in ihr veröffentlichen. Felixmüller gründet jedoch auch, bald nachdem sie sich kennengelernt haben, zusammen mit Dix eine links orientierte Künstlergruppe mit dem Namen „Dresdner Sezession – Gruppe 1919“, zu der auch unter anderem Gela Forster, Otto Griebel, Otto Lange, Otto Schubert und Lasar Segall gehören. In einem Brief an Kurt Günther schreibt Dix Anfang 1919 nach seinem Beitritt: „Wir die radikalen Dresdener, haben eine Sezession gegründet […]. Es gehören alle Leute dazu, die in Dresden als Expressionisten etwas zu geben haben.“ Im Gründungsmanifest stehen als Hauptgrundsätze geschrieben: „Wahrheit – Brüderlichkeit – Kunst“. Die erste Ausstellung der Gruppe findet bereits im April und Mai 1919 im Kunstsalon Emil Richter statt und die zweite ebendort im Juli und August des gleichen Jahres. Im Gegensatz zu den Expressionisten der ersten Stunde um die Künstlergruppe Die Brücke, deren Stil eine starke Geschlossenheit unter den Malern aufwies, zeichnen sich die figürlichen Expressionisten der Dresdner Sezession durch eine deutlich politische Ausrichtung sowie eine breit gefächerte Stilvielfalt aus. In den Werken der Künstler sind Einflüsse aus dem Expressionismus, Kubismus, Futurismus und Realismus zu sehen. Der Maler Max Pechstein beschreibt diesen Strudel der kreativen Elemente mit den folgenden Worten: „Weil wir auch Kubisten des Lebens sind — durchdrungen von Formvorstellungen und auseinandergeworfen im Leben strudelnd im Strom der Zeit! … Dynamismus allseitig. Explosive Kraft … Ausdruck von innen her (Vision) … nicht im einzelnen Ich … der Stil bestimmt von der Geist-Aera unserer Zeit.“
Der hier erwähnte ekstatische Ausdruck war bei Dix schon stellenweise in den Kriegszeichnungen zu sehen, wenn auch durch einen starken Realismus gebrochen. Nach dem Krieg zeigt sich erst einmal kein entscheidender Wandel in seiner Malweise, die expressive Formensprache seiner Arbeiten auf Papier aus dem Ersten Weltkrieg wird nun in großformatige Gemälde übertragen. So zeichnet sich zum Beispiel das von Felixmüller in Auftrag gegebene Bild Familie Felixmüller (Abb. Seite 84) durch prismatische Brechungen sowie rauschhaft wirbelnde Motive aus. Im Bild nimmt Felixmüller, von unten links bis oben rechts sich streckend, die gesamte Diagonale ein. Seine rechte Hand liegt beschützend auf dem Kopf seines Sohns Luca, die linke ist energisch mit auseinandergestreckten Fingern nach oben empor gereckt. Mit Augenblitzen, die durch Spiegelungen seiner Brille erzeugt werden, wird Felixmüller sowohl als leidenschaftlicher politischer Anführer als auch durch sein fürsorgliches Handauflegen als liebevoller Vater dargestellt, die Menschen ermahnend wie auch antreibend. Seine Frau Londa — im Gegensatz zum eckig gemalten Ehemann mit runden Formen als „Mutter Erde“ dargestellt — hält und beschützt ihr Kind mit beiden Händen. Ihre üppigen Formen stellen gleichzeitig mit Blumen besprengte Hügel dar, die sich über die ganze untere Hälfte des Bildes ziehen. Das Gemälde wird bis 1962 im Besitz der Familie Felixmüller bleiben.
©Hatje Cantz Verlag©
Literaturangabe:
GUTBROD, PHILIPP: Otto Dix: Lebenskunst. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2009. 128 S., 33 Abb., davon 27 farbig, 24,80 €.
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