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Paradiesvögel in Mauve – Ronald Firbanks „Die Blume unter dem Fuße“

Ein anspruchsvolles Buch zum Träumen

© Die Berliner Literaturkritik, 07.04.08

 

Ronald Firbanks Romane sind schrullig. Das ist wohl der Grund, warum sich trotz überragender Textqualitäten nur wenige Menschen an diesen Autor herantrauen. Naturgemäß wird er in seinem Heimatland, dem Vereinten Königreich, stärker beachtet als in Deutschland. Aber es ist nicht nur die Sprache, die Interesse beflügelt oder dämpft. Es sind auch die Umstände – zum Beispiel der, dass einer der größten Beförderer des derzeitigen Firbank-Interesses der britische Booker-Prize-Gewinner Alan Hollinghurst ist.

Dieser hatte während seines Studiums zum Autor geforscht, später einen Band bei Penguin herausgegeben und einige Essays über Firbank veröffentlicht. Solch ein berühmter Helfer fehlt in Deutschland. Auch die Verfügbarkeit der Texte auf Deutsch ist ein Problem. Bisher lag lediglich ein einziger Text in deutscher Fassung vor, denn Firbanks Ton erleichtert nicht gerade die Übersetzung. Dennoch ist es nun endlich passiert. Nachdem Hanser 1970 „Firbanks Concerning the Eccentricities of Cardinal Pirelli“ („Die Exzentrizitäten des Kardinals Pirelli betreffend“) in einer Übersetzung von Werner Peterich herausgebracht hatte, versucht sich jetzt ein relativ kleiner Verlag an der Übersetzung des wohl interessantesten Romans des britischen Autors: „The Flower beneath the Foot“, auf Deutsch „Die Blume unter dem Fuße“, übersetzt von Christine Wunnicke.

Schon der Titel des Werks macht einen wundern, nicht wegen der altmodischen Dativendung auf -e, sondern wegen der Blume. Eine Blume muss natürlich ein Symbol sein, und unter dem Fuß ist sie zertreten. Man erwartet ein Buch voller Gewalt, ein Buch über Kindesmisshandlung, über Tierversuche, über die Grausamkeiten des Erwachsenwerdens oder über andere unschöne Aspekte der Realität. Doch in dieser Erwartung geht man fehl. Natürlich ist die Blume ein Symbol. Aber mit Realität oder gar mit Realismus hat Firbanks Buch bei Leibe nicht zu tun. Der Herausgeber fasst die Handlung folgendermaßen zusammen: „Wir befinden uns in Kairoulla, einer mitteleuropäischen Metropole. Die Hofdame Laura de Nazianzi liebt ‚Seine Mattigkeit’ Prinz Yousef, doch der liebt die Hofdamen im Allgemeinen, soll jedoch eine englische Prinzessin heiraten. Der Staatsbesuch des Königs und der Königin von Dattelland belebt den Außenhandel und ermöglicht ‚Ihrer Traumverlorenheit’ der Königin von Pisuerga, die so erzielten Mehreinnahmen in eine Ausgrabungsexpedition zu den Ruinen von Chedorlahomor zu investieren, ‚einem Faubourg von Sodom’. Dort verunglückt der ehrenwerte Eddy Monteith, den die Leser erst kurz zuvor kennen gelernt haben, als er seinen Reisealtar in der britischen Botschaft aufstellte. Die Herzogin von Varna hat arge wirtschaftliche Probleme, die auch der kleine Blumenladen nicht aus der Welt schaffen kann, den sie insgeheim mit der Unterstützung eines tunesischen Jungen betreibt, der des Nachts in phantastische Gewänder gehüllt Geschäfte mit „geblendeten“ Männern macht. Nachdem der erhoffte Geldsegen ausbleibt, den die etwas halbseidene Lady Wetme der Herzogin für die Einführung bei Hofe in Aussicht gestellt hatte, entflieht sie ihren Gläubigern nach Dattelland. Auf der kleinen Insel St. Helena verbringt Graf Cabinet ein fideles Exil in Gesellschaft eines gern nackt badenden Ministranten. Der Graf von Tolga wiederum betreibt ein Privat-Hamam, und seine Frau erkundet auf einer Bootsfahrt die Reize von Olga Blumenghast.“

Blumen gibt es überall im Roman, oft haben sie eigenartige Farben, meist sind sie irgendwie lila, mauve, flieder oder bläulich rosa – ein bisschen wie Schutzumschlag und Deckel des Buches aus dem Männerschwarm-Verlag, ein bisschen auch wie die Zeit der 1890er Jahre, die von Thomas Beer „Das mauve Jahrzehnt“ genannt wurde, ein bisschen wie die (ehemalige) Erkennungsfarbe der Schwulen und Lesben oder wie die Farbe der „besseren Leute“ zur Mitte des 19. Jahrhunderts in England.

Ronald Firbank, 1886 geboren, gehörte zu einer Familie dieser „besseren Leute“. Er musste sich nie Sorgen um seine Finanzen machen. Sein Großvater, ein Mann aus dem Eisenbahngeschäft, vermachte ihm ein erträgliches Einkommen, das Firbank dazu nutzte, durch die Welt zu reisen. Dem Wohlstand der Familie entsprechend genoss Firbank eine fast vollständig private Bildung. Die einzige Ausnahme war Cambridge. Doch selbst dort legte er keinerlei Prüfungen ab. 1905 veröffentlichte Firbank die Erzählungen „Odette d’Antrevernes“ und „A Study in Temperament“. Diesen folgten eine Reihe Romane, darunter auch „Caprice“ (1917), eine spektakuläre Aufsteigergeschichte im Theatermilieu, und „Valmouth“ (1919), ein Heilbadroman um die erotische Masseuse Mrs. Yajñavalkya. Nach „The Flower beneath the Foot“ (1923) und dem Drama „Zoubaroff“ (1920) wurde „Prancing Nigger“ (USA) / „Sorrow in Sunlight“ (UK, 1924) das erste Firbank-Buch, das nicht von ihm selbst, sondern von einem Verleger finanziert wurde.

In diesem Roman, der eine Familiengeschichte auf den Karibischen Inseln erzählt, taucht auch der Autor persönlich auf, als Name einer Orchidee, einer „schmuddeligen fliederfarbenen Blüte unvorstellbarer Seltenheit“. So muss er sich selbst in der Tat wahrgenommen haben, er, der Dandy und Ästhet, der homosexuelle Exot im „Café Royal“, dem französischen Café-Restaurant in der Regent Street 68, das ab 1880 für einige Jahrzehnte Treffpunkt von Literaten wie Oscar Wilde, „Aleister“ Crowley, Max Beerbohm und Bernard Shaw war und später in Romanen von D. H. Lawrence und Arnold Bennett auftauchte.

Obwohl Firbank Teil der Londoner Literaturszene war, erntete er als Romancier wenig Bestätigung und Unterstützung. Dennoch schuf er in seinen vierzig Lebensjahren einen eigenen Stil. Seine Verwendung des Dialogs, seine schräge Erzählweise, seine knallbunte Fantasie und seine hochkomprimierten Bild- und Sprachgeflechte lassen ihn heute vor dem Hintergrund seiner Zeit als unglaublich innovativ erscheinen. Seine Verdienste um die Abkehr von den Realismuskonzepten des 19. Jahrhunderts scheinen manchem gar größer als die James Joyces. Firbank ist wohl in die Liste der vielen britischen Modernisten einzureihen, die noch heute als „vormodern“ gebrandmarkt werden, weil sie nicht zur Avantgarde à la Bloomsbury Group gehörten.

Die Übersetzerin der „Blume unter dem Fuße“ hat sich durchweg für einen leicht angestaubten Ton entschieden, um der Schrulligkeit der Handlung und der Kulisse zu Hofe gerecht zu werden. Dieses Vorgehen trifft das Original an einigen Stellen jedoch nicht ganz, da gerade diese Brechungen und Kontraste das Hofleben lebendiger scheinen lassen. Gerade das sporadische Hereinbrechen des Alltäglichen und des Trivialen ist eine Besonderheit der Firbank’schen Texte. Da wird am Anfang des Textes aus einem Buch vorgelesen, das wahrscheinlich ein Ratgeber für Jungen aus den 1890er Jahren ist, „Sylvanus Stalls What a Young Man Ought to Know“. In der von Firbank zitierten Passage geht es um die Zielhaftigkeit des Lebens. Heißt es im Original noch recht konkret „Live with an aim, and let that aim (die Sonne) be high.“, wird es im Deutschen diffuser: „Lebe mit Ziel und ziele hoch!”. Auch der Kommentar zur Vorlesegeschwindigkeit aus ebendiesem Buch klingt altmodisch: „‚Sie liest in solch einem Tempo’, beklagte sie sich, ‚und als ich sie fragte, wo sie gelernt habe, so rasant zu lesen, gab sie zur Antwort: ‚Auf den Leinwänden der Lichtspielhäuser!’“ Hätte man zur Zeit der Textfassung im Deutschen sehr wohl das Wort „Lichtspielhaus“ gebraucht, ist es hingegen heute so stark als altmodisch markiert, dass es keine Übersetzung des Originals „cinema“ mehr ist.

Sicher ist es fast unmöglich, Firbank adäquat zu übersetzen. Sicher müssen da gute Einfälle her. Christina Wunnike schafft dies häufig, zum Beispiel, wenn im Original der Name eines Shakespeare-Dramas als „Julia Sees Her“ verhunzt wird. Wunnicke macht daraus „Julias Zeh, Sir“, was sicher nicht die schlechteste aller möglichen Lösungen ist, wenn es den Leser auch an eine brandenburgische Gegenwartsschriftstellerin denken lässt.

Die Abweichungen von der Vorlage sind meist schlüssig und dienen der leichteren Lektüre. Die Übersetzerin hilft dem Leser, mit Firbanks Textgewebe fertig zu werden. Seine Sprache bleibt dabei nicht auf der Strecke. Sie ist das, was die Lektüre so wertvoll macht. Auf einer Seite findet man mehrere jener geistreichen und erstaunlichen Formulierungen oder Bilder, die Firbank selbst auf eine seiner unzähligen himmelblauen Notizkärtchen geschrieben hätte und die sicher auch einigen dieser Karten entstammen.

Diese Übersetzung ist ein Muss für die Menschen, die sich das sehr lohnenswerte Ziel gesetzt haben, Firbank näher kennenlernen zu wollen, jedoch des Englischen nicht in dem Umfang mächtig sind, um die gesamte Schrulligkeit, die vielen Anspielungen und Zwischentöne herauszuhören. Irgendwie ist es auch ein Buch für „Desperate-Housewives“-Zuschauer, zumindest, wenn man die Rolle der Männer in beiden Texten betrachtet, wird man Parallelen sehen. Und es ist ein Buch für Paradiesvögel jeglicher Couleur (nicht nur blass-lila) und die, die gern in eine Welt abtauchen möchten, die ganz anders, vollkommen fantastisch ist, ohne dabei einem speziellen Trend-Genre anzugehören.

Von Heiko Zimmermann

Literaturangaben:
FIRBANK, RONALD: Die Blume unter dem Fuße oder Bericht von den frühen Lebensumständen der heiligen Laura de Nazianzi. Übersetzt aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Christine Wunnicke. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2008. 184 S., 18 €.

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