MÜNCHEN (BLK) – Im Februar 2009 ist ist im Carl Hanser Verlag das „Pariser Tagebuch 1942 – 1944“ von Hélène Berr erschienen.
Klappentext: Was es bedeutet, jung zu sein in unsicherer Zeit: Noch im April 1942 beschreibt die Literaturstudentin Hélène in ihrem Tagebuch Paris als Stadt der Lebensfreude. Im Juni bereits muss sie den Judenstern tragen, ihr Vater wird festgenommen, und sie beendet ihre Aufzeichnungen. Als sie das Tagebuch 1943 wiederaufnimmt, legt sie Zeugnis ab vom grassierenden Antisemitismus und von dem Unrecht, das während der deutschen Besatzung geschieht. Hélène Berr steht internierten Juden und ihren Angehörigen bei. Sie schwebt in Gefahr, aber sie will nicht fliehen. Patrick Modiano hat Hélène Berr mit Simone Weil und Katherine Mansfield verglichen. Ihr Tagebuch gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen der Shoa in Frankreich.
Die französische Jüdin Helene Berr (1921-1945) studierte russische und englische Literatur und engagierte sich im allgemeinen Israelitenverband Frankreichs. Im März 1944 wurde sie verhaftet und an ihrem 23. Geburtstag deportiert Im April 1944 starb sie, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers. (rud/ber)
Leseprobe:
© Carl Hanser Verlag ©
Montag, 1. Juni
Am Vormittag noch einmal den Ancien Rivoli durchgegangen. Mama kam und brachte mir die Nachricht vom gelben Stern, ich habe sie verdrängt und gesagt: „Darum kümmere ich mich später.“ Doch ich wusste, etwas Unangenehmes war at the back of my mind. Ich bin völlig verstört von der Sorbonne nach Hause gekommen. Ich habe versucht zu lernen und zugleich meinen Bibliotheksdienst zu machen. Und ich habe die Arbeit irgendwie erledigt und nicht begriffen, was vor sich ging. Dann ist J. M. gegen drei gekommen, und Nicole und Jean-Paul, die die Vorlesung von Pons nicht hatten. Ich war in einem glorious muddle. Beim Heimkommen habe ich eine mit Bleistift geschriebene Karte von Gérard vorgefunden, uninteressant und nicht einmal besonders liebevoll. Aber es gelingt mir auch nicht, böse darüber zu sein.
Donnerstag, 4. Juni
Ich weiß nicht mehr, woran ich bin. Ich hatte einen wild morning. Die Eltern und Denise sind um sechs Uhr nach Auber gefahren. Ich wollte hier bleiben, um meine Kameraden während der Prüfungen zu sehen. Zunächst einmal war ich wegen des Lichts und der Wärme seit sechs Uhr wach. Ich habe allein gefrühstückt und bin um neun, frei wie ein Vogel in der Luft, in den hellen und noch frischen Morgen aufgebrochen. Als Erstes bin ich auf die Post gegangen, um das Buch für Sparkenbroke aufzugeben, das hat mich an letztes Jahr erinnert und mir das alles mit einemmal als etwas Vergangenes erscheinen lassen. Ich trauere dieser Zeit nicht nach, aber ich spüre eine leise Sehnsucht, wenn ich daran denke. Dann habe ich die Metro bis Odéon genommen. Am Institut hatten die Prüfungen schon wieder begonnen. Ich fühlte mich durch meine ganze Erfahrung von gestern gealtert. Unten im Institut habe ich Vivi Lafon getroffen. Sie hat mir so phantastische Sachen über den Stern gesagt, dass ich ganz beruhigt war. Sie ist so freundlich und so liebevoll, dass sie allein für mich den Geist des Instituts verkörpert. Ich bin mit ihr zusammen vom Arbeitsraum hochgegangen, dann wieder hinunter, um die anderen bei den Prüfungen zu sehen; ich plauderte gerade mit einer Kameradin, als J. M. kam. Natürlich ist er stehengeblieben, und wir haben auf der Treppe eine Stunde oder fast eine Stunde miteinander gesprochen. Dann bin ich mit ihm zu Didier und zu dem Buchhändler in der Rue Soufflot gegangen; er hat die Händler rasend gemacht, und mich auch, fast. Dann bin ich zurück ans Institut, wieder hinauf, um Vivi Lafon zu sehen, und nach einem Gespräch mit Jean gegangen. J. M. hat mich zur Metro begleitet. Er wollte, dass wir heute Nachmittag ins Konzert gehen. Deshalb suchte er nach einer Zeitung. Als mir seine Absicht klar wurde, habe ich ihm gesagt, dass ich nicht konnte. Ich bin wieder hierher gekommen, um von neuem wegzugehen und mit Mme Lévy zu Mittag zu essen. Jetzt gehe ich zu Mme Jourdan. Es ist sehr merkwürdig; nur das Adjektiv wild passt zu diesem Tag. Sobald ich beschäftigt bin, habe ich keine Zeit, deprimiert zu sein. Und heute Abend schaue ich noch einmal ans Institut, um mein Ergebnis zu erfahren.
Es war glühend heiß, als ich wieder aufgebrochen bin, ich habe den 92er genommen. Bei Mme Jourdan traf ich […], und wir redeten über die Abzeichen-Frage. In diesem Augenblick war ich entschlossen, es nicht zu tragen. Ich betrachtete es als eine Schande und als Beweis der Unterwerfung unter die deutschen Gesetze. Heute Abend hat sich alles wieder geändert: Ich finde, es ist Feigheit, es nicht zu tun, gegenüber jenen, die es tun werden. Bloß, wenn ich es trage, will ich immer sehr elegant sein und sehr würdevoll, damit die Leute sehen, was es bedeutet. Ich will das tun, was am mutigsten ist. Heute Abend glaube ich, es zu tragen ist am mutigsten. Bloß, wohin soll das alles führen? Ich bin zu Großmama gegangen, wo ich Mlle Detraux getroffen habe. Großmama hat mir eine hinreißende Brosche geschenkt und einen Umschlag. Als Jean gekommen ist, hat Nicole mir plötzlich alles gesagt. Ich habe begriffen, warum sie gestern so „benommen“ war. Das hat mir einen Schock versetzt. Und dann hat die Unruhe, die so sehr an den 14. und 15. Mai 40 erinnerte, den Schmerz verdrängt. Zum Glück ist Großmama taub. Um halb sechs habe ich mit Jean wieder die Metro genommen, bis La Motte-Picquet. Am Institut habe ich eine Stunde gewartet und mit Maurice Saur und Paulette Bréant geplaudert. Die Ergebnisse wurden erst um sieben bekanntgegeben. Ich sah Cécile Lehmann kommen, die ich gestern in Schwarz erblickt zu haben meinte. Sie hat mir guten Tag gesagt, und mit ihrem schönen blauen und offenen Blick hat sie mir ohne Zittern gesagt, dass ihr Vater im Konzentrationslager Pithiviers gestorben ist. Ich weiß nicht, ob die anderen, die dabei waren, genauso empfanden wie ich. Mir war, als stünde ich plötzlich einem ungeheuren, unausweichlichen, untröstlichen Schmerz gegenüber. Jeden Dienstagmorgen, wenn ich sie sah, fragte ich sie nach ihrem Vater. Allein diese Tatsache machte ihn für mich lebendiger als alles andere. Dieser brutale Verlust, die maßlose Ungerechtigkeit dieses Endes, das ist entsetzlich — vor allem, weil ich dieses Mädchen sehr gern habe. Ich hatte überhaupt keine Lust, mich zu freuen, als alle Kameraden ankamen und mir gratulierten. Der Gedanke an diesen Tod ließ mich nicht mehr los und machte alles Übrige völlig unwichtig.
Montag, 8. Juni
Heute ist der erste Tag, an dem ich wirklich das Gefühl habe, in Ferien zu sein. Das Wetter ist strahlend schön, sehr kühl nach dem Gewitter von gestern. Die Vögel zwitschern, ein Morgen wie der bei Paul Valéry. Auch der erste Tag, an dem ich den gelben Stern tragen werde. Das sind die beiden Seiten des gegenwärtigen Lebens: die Frische, die Schönheit, die Anfänge des Lebens, verkörpert in diesem klaren Morgen; die Barbarei und das Böse, dargestellt durch diesen gelben Stern.
Gestern haben wir in Auber gepicknickt. Als Mama um Viertel nach sechs in mein Zimmer kam (sie fuhr mit Papa und Denise sehr früh los), öffnete sie die Fensterläden; der Himmel leuchtete hell, aber mit goldgelben Wolken, die nichts Gutes verhießen. Um Viertel vor sieben lief ich, allein im morgendlichen Haus, barfuß in den kleinen Salon, um auf das Barometer zu schauen. Der Himmel verdüsterte sich rasch. Donner grollte. Aber nie zuvor haben die Vögel so laut gesungen. Um halb acht bin ich aufgestanden und habe mich von Kopf bis Fuß gewaschen. Ich habe mein rosarotes Kleid angezogen, ich fühlte mich frei wie ein Vogel in der Luft, mit den nackten Beinen. Während ich frühstückte, prasselte Regen nieder, es war immer noch sehr schwül. Ich ging in den Keller hinunter, um Wein zu holen, fast hätte ich mich verirrt. Um halb neun verließ ich das Haus. Ich hatte nur einen Gedanken im Kopf: Ohne Zwischenfall bis zum Bahnhof kommen. Denn gestern ist die Verordnung in Kraft getreten. Die Straßen waren noch menschenleer. In der Halle der Gare Saint-Lazare habe ich endlich aufgeatmet. Ich wartete eine Viertelstunde. Als Erster kam J. M., er trug eine Jacke aus weißer Tussahseide, in der er wie ein amerikanischer Schauspieler wirkte. Er war sehr schön. Dann kam Françoise, sehr unternehmungslustig. Als ich sie fragte: „Wie geht‘s?“, antwortete sie: „Schlecht“, und ich verstummte, weil es nicht ihre Art ist, solche Antworten zu geben. Daraufhin erklärte sie mir in ihrem schnellen Tonfall und mit abgewandtem Blick, wie immer, wenn sie von ihrem Vater spricht, dass ihr Vater wahrscheinlich aus Compiègne abgeholt worden ist, zur Räumung eines von den Engländern bombardierten Bahnhofs, Köln. Ich brachte kein Wort heraus. Inzwischen war Molinié eingetroffen, zweimal lief er wieder weg, um Besorgungen für seine Mutter zu machen (Rue de la Pépinière). Kurz darauf kamen die Pineaus und Claude Leroy, und schließlich Nicole. Bis halb zehn haben wir auf Bernard gewartet. Dann sind wir zu den anderen gegangen (Nicole, Françoise und die Pineaus, die schon im Zug saßen). Es gab das übliche Hin und Her wegen der Plätze. Zuletzt saß ich mit Molinié an einem Ende, und am anderen Ende saßen die Pineaus und Claude Leroy, und in der Mitte Nicole, Françoise und Morawiecki. Es regnete hoffnungslos, und der Himmel war grau und verhangen. Doch irgendetwas sagte mir, dass alles gut würde. In Maisons-Laffitte stiegen viele Leute aus, und ich setzte mich mit Molinié zur mittleren Gruppe. An der nächsten Haltestelle setzte sich Jean Pineau neben mich. Mir war, als hätte ich ihn noch gar nicht gesehen. Plötzlich habe ich ihn wiederentdeckt. Nach diesem Tag habe ich ihn mit J. M. verglichen, und obwohl ich ihn noch nicht sehr gut kenne, ist er am Ende der Sieger. Alle sind von ihm angetan, sogar die Eltern, von seiner Energie und seinem moralischen Wert; es ist merkwürdig, er ist der einzige Junge, von dem man sagen kann, dass er moralisch gesehen von einer seltenen Art ist. Was bei ihm durchscheint, ist Energie und Geradheit.
Montagabend
Mein Gott, ich habe nicht geglaubt, dass es so hart sein würde. Den ganzen Tag über hatte ich großen Mut. Ich ging mit hocherhobenem Kopf und habe den Leuten so fest ins Gesicht geblickt, dass sie die Augen abwandten. Aber es ist hart. Übrigens schauen die meisten Leute nicht hin. Am schlimmsten ist es, anderen Leuten zu begegnen, die ihn tragen. Heute Morgen bin ich mit Mama ausgegangen. Zwei Knirpse auf der Straße zeigten mit dem Finger auf uns und sagten: „Äh? Hast du gesehn? Jude.“ Doch sonst verlief alles normal. Auf der Place de la Madeleine haben wir Monsieur Simon getroffen, der anhielt und vom Fahrrad stieg. Ich fuhr allein mit der Metro weiter bis Étoile. Von der Place de l‘Étoile bin ich ins Artisanat gegangen, um meinen Arbeitskittel abzuholen, dann habe ich den 92er genommen. Ein junger Mann und ein junges Mädchen warteten, ich sah, wie das junge Mädchen seinen Begleiter auf mich aufmerksam machte. Dann redeten sie miteinander. Instinktiv habe ich den Kopf gehoben — in die pralle Sonne —, ich hörte: „Das ist empörend.“ Im Bus war eine Frau, wahrscheinlich eine maid, die mir schon vor dem Einsteigen zugelächelt hatte und die sich mehrere Male umdrehte und lächelte; ein eleganter Herr schaute unverwandt auf mich: Ich konnte nicht erraten, was dieser Blick zu bedeuten hatte, aber ich schaute stolz zurück. Ich bin noch einmal aus dem Haus gegangen, um an die Sorbonne zu fahren; in der Metro hat mich wieder eine Frau aus dem Volk angelächelt. Mir stiegen Tränen in die Augen, ich weiß nicht warum. Im Quartier Latin waren kaum Leute unterwegs. Es gab nichts zu tun in der Bibliothek. Bis vier saß ich herum, träumte vor mich hin, in dem kühlen Raum, durch dessen heruntergelassene Rolläden ockergelbes Licht drang. Um vier ist J. M. hereingekommen. Es war eine Erleichterung, mit ihm zu sprechen. Er hat sich vor mein Schreibpult gesetzt und blieb dort bis zum Schluss, plauderte und sagte manchmal auch gar nichts. Eine halbe Stunde lang ging er weg, um Karten für das Konzert am Mittwoch zu holen; dazwischen kam Nicole. Nachdem alle die Bibliothek verlassen hatten, habe ich meine Jacke hervorgeholt und ihm den Stern gezeigt. Aber ich konnte ihm dabei nicht ins Gesicht blicken, ich machte ihn ab und heftete das blauweißrote Sträußchen, mit dem ich ihn befestigt hatte, an mein Knopfloch. Als ich aufschaute, sah ich, dass er mitten ins Herz getroffen war. Ich bin sicher, er hat nichts geahnt. Ich fürchtete, unsere ganze Freundschaft könnte dadurch plötzlich zerbrechen, kaputtgehen. Doch anschließend sind wir bis Sèvres-Babylone gegangen, er war sehr nett. Ich frage mich, was er gedacht hat.
Dienstag, 9. Juni
Heute war es noch schlimmer als gestern. Ich bin erledigt, als hätte ich einen Spaziergang von fünf Kilometern gemacht. Mein Gesicht ist angespannt, weil ich mich ständig zusammennehmen musste, um die Tränen zurückzuhalten, die mir, ich weiß nicht warum, in die Augen stiegen. Heute Morgen war ich zu Hause geblieben, um Geige zu üben. Bei Mozart hatte ich alles vergessen. Aber heute Nachmittag ging alles wieder los, um zwei sollte ich Vivi Lafon nach der Agrég abholen. Ich wollte den Stern nicht tragen, schließlich habe ich es doch getan, weil ich meinen Widerstand feige fand. Zuerst waren da zwei kleine Mädchen in der Avenue de La Bourdonnais, die mit dem Finger auf mich gezeigt haben. Und dann in der Metro, Station École Militaire (als ich ausstieg, sagte eine Dame zu mir: „Guten Tag, Mademoiselle“), sagte mir der Kontrolleur: „Letzter Wagen.“ Das Gerücht, das sich gestern verbreitet hatte, stimmte also. Es war, als würde ein böser Traum plötzlich Wirklichkeit. Die Metro fuhr ein, ich stieg in den ersten Wagen. Beim Umsteigen habe ich den letzten genommen. Es waren keine Abzeichen zu sehen. Aber im Nachhinein stiegen mir Tränen des Zorns und der Empörung in die Augen, ich musste den Blick auf etwas heften, damit sie versiegten. Um Punkt zwei kam ich in den großen Hof der Sorbonne, ich glaubte, Molinié in der Mitte zu erblicken, war mir aber nicht sicher und wandte mich deshalb zur Halle unterhalb der Bibliothek. Er war es doch, denn er kam mir hinterher. Er redete sehr freundlich mit mir, doch sein Blick mied meinen Stern. Wenn er mich ansah, schaute er weiter nach oben, und unsere Augen schienen zu sagen: „Achten Sie nicht darauf. „ Er hatte gerade seine zweite Prüfung in Philosophie hinter sich. Dann verabschiedete er sich, und ich ging zum Fuß der Treppe. Die Studenten schlenderten umher, warteten, manche sahen mich an. Kurz darauf kam Vivi Lafon herunter, eine Freundin von ihr erschien, und wir stellten uns in die Sonne. Wir sprachen über die Prüfung, aber ich spürte, dass alle Gedanken um dieses Abzeichen kreisten. Sobald sie allein mit mir sprechen konnte, fragte sie, ob ich denn keine Angst hätte, jemand könnte mir mein blauweißrotes Sträußchen herunterreißen, und dann sagte sie: „Ich kann die Leute einfach nicht damit sehen.“ Ja, ich weiß; es tut den anderen weh. Aber wenn sie wüssten, was für eine Kreuzigung es für mich ist. Ich habe gelitten, dort, in dem sonnigen Hof der Sorbonne, unter all meinen Kameraden. Mir schien plötzlich, dass ich nicht mehr ich selbst war, dass sich alles verändert hatte, dass ich eine Fremde war, als befände ich mich mitten in einem Albtraum. Ich sah bekannte Gesichter um mich herum, doch ich spürte ihren Kummer und ihre Betroffenheit. Es war, als hätte ich ein rotes Brandmal auf der Stirn. Auf den Treppenstufen standen Mondoloni und der Mann von Mme Bouillat. Sie wirkten betroffen, als sie mich sahen. Und dann war da noch Jacqueline Niaisan, die mit mir sprach, als ob nichts wäre, und Bosc, der verlegen wirkte, aber ich habe ihm die Hand hingestreckt, um ihm über seine Befangenheit hinwegzuhelfen. Ich war ganz natürlich, an der Oberfläche. Aber ich habe einen Albtraum durchlebt. Irgendwann kam Dumurgier, dem ich ein Buch geliehen hatte, und fragte mich, wann er mir meine Mitschrift zurückgeben könne. Er wirkte natürlich, aber ich hatte den Eindruck, das war Absicht. Als ich endlich J. M. herauskommen sah, ich weiß nicht, was in mir vorging, es war eine plötzliche Erleichterung, als ich sein Gesicht sah, weil er Bescheid wusste und mich kannte. Ich rief ihn; er drehte sich um und lächelte. Er war sehr blass. Dann sagte er: „Entschuldigen Sie, ich weiß wirklich nicht mehr, wo ich bin.“ Ich begriff, dass er völlig durcheinander und erledigt war. Aber trotzdem lächelte er und sah kein bisschen so aus, als habe er sich irgendwie verändert. Nach einer Weile fragte er mich, ob ich irgendetwas vorhätte. Er sagte, er komme gleich wieder zu mir in den Hof, er wolle nach Molinié schauen. Ich bin zurück zu der Gruppe mit Vivi Lafon, Marguerite Cazamian und einer anderen Kleinen, die bezaubernd ist. Kurz darauf nahmen sie mich mit in den Luxembourg. Ich weiß nicht, ob J. M. zurückgekommen ist. Aber es war besser, nicht auf ihn zu warten. Für uns beide: ich war zu nervös, und er hätte geglaubt, ich wäre seinetwegen gekommen. Im Luxembourg haben wir uns mit Zitronenwasser und Orangeade an einen Tisch gesetzt. Sie waren bezaubernd. Vivi Lafon, Mlle Cochet, die seit zwei Monaten verheiratet ist, die Kleine, deren Namen ich nicht weiß, und Marguerite Cazamian. Aber ich glaube, keine von ihnen hat verstanden, wie sehr ich leide. Hätten sie verstanden, dann hätten sie gesagt: „Aber warum tragen Sie es überhaupt? „ Vielleicht waren sie ein wenig schockiert zu sehen, dass ich es trage. In manchen Augenblicken frage ich mich selbst, warum ich das tue, natürlich weiß ich, ich tu‘s, weil ich meinen Mut erproben will.
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Literaturangabe:
BERR, HELENE: Pariser Tagebuch 1942 – 1944. Übersetzt aus dem Franzsischen von Elisabeth Edl. Vorwort von Patrick Modiano. Hanser Verlag, München, 318 S., 21,50 €.
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