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Passend zu Olympia – China verstehen

Vielzahl neuer Bücher

© Die Berliner Literaturkritik, 24.07.08

 

Von Iris Auding

HAMBURG (BLK) – Die Olympischen Spiele in Peking, die Unruhen in Tibet, das Erdbeben in Sichuan: China steht im Fokus der Weltöffentlichkeit. Doch was macht dieses Land von den Dimensionen eines Erdteils aus, wie leben seine 1,3 Milliarden Menschen, wie nehmen sie den Westen wahr und der sie? Welche Rolle spielt die Vergangenheit für die Gegenwart, welchen Einfluss übt die chinesische Kultur weltweit aus, welchen Stellenwert hat Sport in der Gesellschaft der Volksrepublik? Der Leser hat die Qual der Wahl: Die Verlage haben in diesem Jahr eine Vielzahl von Neuerscheinungen und Sonderausgaben herausgebracht.

Auf sehr persönliche Weise nähert sich Katharina Rutz dem Phänomen China: Sie widmet sich in der Reihe des Herder Verlags „Ein Jahr in …“ der chinesischen Hauptstadt und nimmt den Leser mit auf ihre Streifzüge durch eine Millionenmetropole im Umbruch, jeder Monat entspricht einem Kapitel. Die junge Frau, die für ein internationales Hotel arbeitet, lässt sich auf Peking ein – sie schreibt subjektiv und streckenweise durchaus unterhaltsam. Angestrengt wirken die chronologische Erzählweise und die oft abrupten Übergänge. Zahlreiche Themen von Kalligraphie über Kirche bis Küche werden angerissen, vieles bleibt oberflächlich und manches auch klischeehaft. Tiefe will das Buch vermutlich aber auch gar nicht vermitteln. Rutz hat eine Liebesklärung an Peking geschrieben, passend für Einsteiger.

Der Sinologe Hans van Ess will ein umfassendes Bild vermitteln und vor allem die chinesische Sichtweise darstellen. Dazu beantwortet er die „101 wichtigsten Fragen“ – Wo verläuft die Seidenstraße?, Was hält die Kommunistische Partei von den Menschenrechten?, Sind die Chinesen geborene Fälscher? – kurz, knapp und kompakt. Manchmal entsteht allerdings der Eindruck, dass der Autor zu sehr die Perspektive Chinas einnimmt: Zum Beispiel wenn es um Mao Zedong, Tibet und das Verhältnis zu Afrika geht. Auch über die Auswahl der Fragen lässt sich streiten. Insgesamt gesehen, gelingt es van Ess aber, Einblicke zu gewähren und Wissen zu vermitteln.

Eine „Kleine Geschichte Chinas“ vom Altertum bis in die Gegenwart hat der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer verfasst. Er beschreibt die Weltoffenheit der Tang-Zeit (618 bis 906), die Kontakte zwischen China und Europa, die Ausrufung der Volksrepublik 1949, die Kulturrevolution, die wirtschaftliche Öffnung Ende der 1970er Jahre, die Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 und schließt mit den Olympischen Spielen. Teilweise wirkt die Einteilung der Kapitel willkürlich, wenn etwa der Zeitraum von 907 bis 1644 in einem Abschnitt zusammengefasst wird. Nichtsdestotrotz bietet das Buch einen fundierten Abriss, Karten, Bilder und Texteinschübe wie der zur Verbotenen Stadt lockern die Kapitel auf.

Keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt Thomas O. Höllmann: Er beschränkt sich auf das alte China von 221 vor Christus (Gründung des Kaiserreichs) bis 1279 (Beginn der Mongolenherrschaft). Anhand von 60 bei Ausgrabungen entdeckten Objekten beschreibt der Sinologe und Ethnologe die chinesische Gesellschaft. Ein Lackschirm aus dem Grab eines Kaisers dient dazu, den Status des „Sohns des Himmels“ zu erläutern; ein Höhlenbild vom Zähneputzen illustriert das Thema Körperpflege; eine Kamelreiterfigur leitet das Kapitel Reise und Transport ein. Querverweise, Zitate, Karten, Bilder, Tabellen sowie detaillierte Anmerkungen und weiterführende Literaturhinweise runden das gelungene und durchdachte Buch Höllmanns ab.

Für Leser, deren Interesse an China besonders tief geht, ist „Das große China-Lexikon“ des Instituts für Asienkunde Hamburg zu empfehlen. Es enthält 441 Artikel, gegliedert in zwölf Rubriken von Geografie über Staat, Politik, Recht bis hin zu Kunst. Das Lexikon will Wissen über das moderne China von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart vermitteln und greift – wenn nötig – auch weiter in die Vergangenheit zurück. Das knapp 1000 Seiten umfassende Buch ist ein Standardwerk für Wissenschaftler und Laien.

Literaturangaben:
RUTZ, KATHARINA: Ein Jahr in Peking – Reise in den Alltag. Herder, Freiburg 2008. 191 S., 12,95 €.
ESS, HANS VAN: Die 101 wichtigsten Fragen – China. Verlag C.H. Beck, München 2008. 160 S., 9,95 €.
SCHMIDT-GLINTZER, HELWIG: Kleine Geschichte Chinas. Verlag C.H. Beck, München 2008. 296 S., 19,90 €.
HÖLLMANN, THOMAS O.: Das alte China – Eine Kulturgeschichte. Verlag C.H. Beck, München 2008. 328 S., 29,90 €.
STAIGER, BRUNHILD / FRIEDRICH, STEFAN / SCHÜTTE, HANS-WILM (Hrsg.): Das große China-Lexikon. Geschichte, Geographie, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft, Kultur. Eine Veröffentlichung des Instituts für Asienkunde Hamburg. Primus Verlag, Darmstadt 2008. 974 S., 49,90 €.

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