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Pathologischer Kulturkritiker: Oswald Spenglers autobiographischer Versuch „Eis heauton“

Spengler war einer der bekanntesten Vertreter der „Konservativen Revolution“

© Die Berliner Literaturkritik, 31.01.08

 

In seiner Dissertation „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ (1961) untersuchte der Historiker Fritz Stern das Leben dreier deutscher Kulturkritiker. Die gegen Aufklärung und den Fortschritt gerichteten Ideen Paul de Lagardes, Julius Langbehns und Arthur Moeller van den Brucks hatten vor allem bei der rechtsradikalen Intelligenz der Zwischenkriegszeit Konjunktur und fanden Eingang in die ideologischen Kämpfe jener Jahre. Einer von Sterns interessantesten Befunden: Hinter markigen Worten und hohem Pathos verbargen sich beschädigte Leben und verkrachte Existenzen, Männer, die weder mit ihrer Zeit noch mit ihren Mitmenschen ins Reine kamen.

Stern beschränkte sich seinerzeit auf drei rechtsradikale Ideologen, beanspruchte aber gleichwohl exemplarische Aussagen über sie zu machen. Ob ihm dies angesichts des denkerischen Durcheinanders der „Konservativen Revolution“, zu der die Drei gehörten, gelungen ist, bleibt offen. Dafür, dass seine Erkenntnisse auf andere rechtsradikale Denker jener breiten Strömung übertragbar sind, sprechen indes unter anderem die erstmals in Deutschland veröffentlichten autobiographischen Skizzen Oswald Spenglers.

Spengler war einer der bekanntesten Vertreter der „Konservativen Revolution“ und der erste Band seines 1918 erschienen Hauptwerkes „Der Untergang des Abendlandes“ wurde sogleich ein Bestseller. Darin reformulierte er die nicht ganz neue Idee, dass Zivilisationen einem Zyklus von Entstehen und Vergehen unterliegen. Das Abendland befände sich in der Blüte seiner Entwicklung und ginge unaufhaltsam zugrunde. In der kriegs- und krisengebeutelten Weimarer Republik fand Spenglers selbstbewusster Versuch „Geschichte vorauszubestimmen“ viele Leser und auch heute hallt seine Dekadenztheorie nach, so etwa bei dem Autor des „Kampfs der Kulturen“, Samuel P. Huntington.

Obgleich Spengler kein Nationalsozialist war, diese im Gegenteil als „Prolet-Arier“ verachtete, trugen seine Werke zum ideologischen Sammelsurium bei, aus dem sich antidemokratische Rechte aller Couleur bedienen konnten. Im „Untergang des Abendlandes“ schloss er die Wiederkehr eines Goethes aus, glaubte aber noch an die Ankunft eines Machtmenschen, eines „Caesar“. In seiner kleinen Schrift „Preußentum und Sozialismus“ schließlich bemühte er sich, „den deutschen Sozialismus von Marx zu befreien“ und zu zeigen, dass „altpreußischer Geist und sozialistische Gesinnung“ zusammengehörten, versuchte also das Modewort Sozialismus für die Rechte zu erschließen. Wie deren „Sozialismus“ dann aussah, ist hinlänglich bekannt.

Ein Blick auf das Foto des Autors lässt ahnen, dass Oswald Spengler kein besonders zufriedener Mann gewesen sein kann. Ein kahler Kopf mit zusammengezogener Stirn, verachtendem Blick und herabhängenden Mundwinkeln. Wie groß allerdings die Diskrepanz zwischen dem apodiktischen Autor seiner Bücher und dem pathologisch unglücklichen Ich seiner Selbstreflexionen ist, zeigen erst die Aufzeichnungen „Eis heauton“ aus dem Nachlass.

Spengler hat 141 kurze, teils nur stichwortartige Fragmente für eine Autobiographie notiert. Sie sollte den Titel „Einsamkeit“ tragen, ein zentrales Motiv der Selbstbetrachtungen. In ihnen zeigt sich Spengler auf romantisch-verklärte Weise als Sonderling, voller Begabung und Sensibilität und ohne einen Zugang zur Welt. Bestimmend für sein Leben war das „Urgefühl Angst“, wie es der Spengler-Kenner Gilbert Merlio in seinem nützlichen Nachwort auf den Punkt bringt.

Es gab kaum etwas, vor dem sich der Junge und später der Mann nicht fürchtete: „Wenn ich mein Leben betrachte, ist es ein Gefühl das alles, alles beherrscht hat: Angst. Angst vor der Zukunft, Angst vor Verwandten, Angst vor Menschen, vor Schlaf, vor Behörden, v. Gewitter, v. Krieg, Angst, Angst.“ So, wie er fast alles fürchtete, verachtete der einsam lebende Lehrer und Schriftsteller auch jeden möglichen Trost. Seine eigene Zeit war ihm zuwider, die Kunst und Literatur darin reiner „Plunder“, einen Goethe oder Nietzsche, ihm würdig erscheinende Vorbilder, gäbe es nicht mehr.

Als Mann litt er unter „schrecklicher Angst vor allem Weiblichen“. Die angedeuteten Liebschaften endeten unglücklich, und sei es nur dadurch, dass das Mädchen von der Straße mit ihm zu sprechen versuchte. Selbst die Vorstellung von dem möglichen Glück, auf einem Gut mit Frau und Kindern zu wohnen, schreckte ihn ab: „das krankhafte Bedürfnis nach Einsamkeit würde mich bis zum Haß, zur Lust am Wehetun reizen – und weil ich das voraussehe, tut mir der bloße Gedanke leid, ein solches Mädchen dahin zu bringen.“

Erstaunlich an Spenglers missmutigen, resignierten Gedanken ist, dass sie sich auch auf sein eigenes Schaffen erstreckten. Schon in seiner Jugend floh er in die Lektüre historischer und kulturphilosophischer Werke, erfand fiktionale Reiche und deren Geschichte, die selbst die Gehälterlisten der Staatsminister enthielt. Erfüllt hat sie ihn, zumindest in seiner eigentlichen Schaffenszeit, aber nicht: „Dieser grenzenlose wochenlange Ekel vor aller philos. Tätigkeit. Wo einem die elendste Beamtenexistenz würdiger erscheint, wo man sich danach, sehnt, die simpelste Tagelöhnerarbeit zu verrichten, um nur das Gefühl der eigenen Überflüssigkeit und des Schmarotzertums loszuwerden.“

Obwohl die Aufzeichnungen gerade einmal 80 Seiten füllen, legt man das Bändchen mit seiner unablässigen Abfolge von (Selbst-) Verachtung, Ängsten und (Selbst-) Vorwürfen gerne wieder aus der Hand. Hat man dann, wie der Klappentext verspricht, „das traurige Geheimnis seiner [Spenglers] totalitäten Haltung nach außen“ durchschaut? So viel nicht, wenn das Werk mehr als der Autor ist und sich nicht allein aus dessen Befindlichkeiten heraus erklärt. Spenglers Selbstbespiegelung gibt indes ein lehrreiches Beispiel für einen krankhaft egozentrischen Intellektuellen, der begabt, aber unfähig zu einem fruchtbaren Leben war. Man mag das als tragisch begreifen und darin „Geständnisse des unerschrockenen Denkers“ (Botho Strauß) sehen. Entlasten wird das den (auto-) destruktiven Niedergangspropheten aber nicht.

Von Thomas Hajduk

Literaturangaben:
SPENGLER, OSWALD A.G.: Ich beneide jeden, der lebt. Die Aufzeichnungen „Eis heauton“ aus dem Nachlaß. Mit einem Nachwort von Gilbert Merlio. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2007. 143 S., 17,90 €.

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