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Peter Härtling wird 75

Vom Flüchtlingskind zum renommierten Autor

© Die Berliner Literaturkritik, 13.11.08

 

Von Harald Schmidt

MÖRFELDEN-WALLDORF (BLK) – Peter Härtling bekommt täglich Post von Kindern. Sie haben in der Schule eines seiner Bücher gelesen, vielleicht „Das war der Hirbel“ oder „Ben liebt Anna“. Keine Frage: Seine Jugendliteratur, die oft von Kindern in schwierigen Lebenssituationen erzählt, berührt viele junge Leser. Doch Härtling ist nicht nur als Autor von Jugendbüchern vielfach ausgezeichnet worden: Er gilt als einer der produktivsten und vielseitigsten deutschen Autoren und hat neben Gedichten und Theaterstücken zahlreiche Romane verfasst. Am 13. November feiert Härtling, der im südhessischen Mörfelden-Walldorf lebt, seinen 75. Geburtstag.

Zur Literatur kommt Härtling über „den ‚Grund-Schock’ seines Lebens“, dem Zweifel an der Ehrlichkeit Erwachsener: „Ich habe als Kind und Jugendlicher erlebt, wie eine ganze erwachsene Generation sich verstellte und plötzlich sehr demokratisch war, obwohl sie kurz vorher noch den Arm zum Hitlergruß erhoben hatte. Diese schnelle Verwandlung hat mich zum Schreiben gebracht“, sagt Härtling. Er schreibe, um sich Geschichte klarzumachen, um mit seiner Geschichte fertig zu werden. Ohne Erinnerung könne der Mensch nicht existieren.

Härtling wird 1933 in Chemnitz geboren. Sein Vater stirbt 1945 in russischer Gefangenschaft. Im gleichen Jahr flüchtet Härtling mit seiner Mutter nach Österreich, wo er den Einmarsch der russischen Armee miterlebt. Die Familie setzt ihre Flucht fort und siedelt sich 1946 im württembergischen Nürtingen an. Im selben Jahr nimmt sich Härtlings Mutter das Leben.

Härtling findet früh zur Literatur, seine Liebe gilt Thomas Mann und Wolfgang Borchert. Weil sein Deutschlehrer ihm die Verehrung für diese „Vaterlandsverräter“ austreiben will, verlässt er vorzeitig die Schule und volontiert bei der „Nürtinger Zeitung“. In dieser Zeit erscheint sein erstes Buch, die Gedichte „poeme und songs“ (1953), bis Anfang der 60er Jahre folgen drei weitere Gedichtbände. „Härtling ist keineswegs nur ein fleißiger Arbeiter, seine Gedichte aus dieser Zeit fallen durch große Eigenständigkeit auf“, schreibt der Herausgeber der Härtling-Werkausgabe, Klaus Siblewski, in einem Nachwort zum Gedichtband „Sätze von Liebe“, den der dtv-Verlag zum 75. Geburtstag des Autors herausbringt.

Bis 1955 arbeitet Härtling als Redakteur bei der „Heidenheimer Zeitung“ und leitet dort ein Jahr lang das Feuilleton. 1962 stößt er zur Berliner Zeitschrift „Der Monat“. 1967 wird er Cheflektor beim Verlag S. Fischer und lernt Literaten kennen wie Ingeborg Bachmann, Arno Schmidt, Heinrich Böll oder Günter Grass.

Seit 1974 ist Härtling freier Schriftsteller. In seinem Werk arbeitet er die NS-Vergangenheit auf, den Krieg, die Flucht und das Deutschland der Nachkriegszeit. „Ich merke immer wieder, dass unsere sehr schnelle Zeit, die unglaublich viel entdeckt und wieder verwirft, dazu führt, dass die Vergangenheit eigentlich kaum mehr präsent ist“, sagt er. Deswegen versuche er mit Büchern wie „Krücke“ (1987) oder „Nachgetragene Liebe“ (1980) auch für junge Leute seine Vergangenheit zu erzählen, die auch ihre Vergangenheit sei.

Zu seinen wichtigsten Werken zählt er seinen Roman „Hölderlin“ (1976). Darin nimmt das schwäbische Nürtingen, das Hölderlin und Härtling viele Jahre Heimat war, einen breiten Raum ein. „Das Buch war für mich bedeutend, weil ich damit die große Auseinandersetzung mit der biografischen Literatur begann. Ich glaube, ich habe eine Form gefunden, die bis heute gültig ist.“ Inzwischen hat Härtling auch Biografie-Romane etwa über Schubert, Schumann, den jungen Mozart oder E.T.A. Hoffmann geschrieben – und dafür reichlich Lob erhalten.

Derzeit arbeitet der vierfache Vater und siebenfache Opa an einem Roman über Patchwork-Familien. Sein erstes Jugendbuch war 1970 erschienen. Zuvor hatte er mit seinen eigenen Kindern Bücher gelesen und festgestellt, dass ihn die Kinderliteratur enttäuschte: „Ich fand die Bücher sehr kitschig und kindisch-bemüht. Ich dachte mir, das kannst Du vielleicht besser.“

Härtling, der kurz vor seinem 70. Geburtstag einen Herzinfarkt und einen Gehirnschlag erlitten hatte, verbringt seine Freizeit gerne an der Ostsee oder in Norditalien. Er liest, hört Musik und unterhält sich mit seinen Kindern und Enkeln. „Die Enkel helfen mir, lebendig zu bleiben. Sie helfen meinem Kopf, nicht unbedingt meinem Körper.“ Früher sei er viel gelaufen, aber „heute machen die Beine nicht mehr richtig mit“. Mit der Politik hat der ehemalige Startbahn-West-Aktivist und Redenschreiber für SPD-Politiker nicht mehr viel am Hut. Er empfindet ihren Zustand als „so schändlich, dass einem die Spucke wegbleiben muss“: „Wenn mich heute Politik ärgert, kann ich einen Aufsatz schreiben, aber ich lasse mich nicht mehr reinziehen. Ich bin ein aufmerksamer und oft verdrossener Bürger.“


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