WOLFENBÜTTEL (BLK) – Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk hat am Sonntag (4. Mai 2008) in Wolfenbüttel den Lessing-Preis für Kritik 2008 entgegengenommen. Mit ihm werde einer der wenigen auch einer größeren Öffentlichkeit bekannten philosophischen Denker im deutschen Sprachraum geehrt, teilte die Jury mit. Der Preis wurde in der Herzog August Bibliothek verliehen, die Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) einst leitete.
Auf perspektivenreiche, risikobereite, oft auch provokative Weise betrete Sloterdijk immer wieder neue Denkräume, begründete die Jury ihr Votum. Damit bereichere der 1947 in Karlsruhe geborene Sloterdijk die öffentliche Diskussion um eine eindrucksvolle Bandbreite von Themen und Lesarten, hieß es weiter.
In seiner neuesten Publikation „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“ (2007) greift Sloterdijk Lessings Ringparabel auf. Er sieht sie als Versuch der „Domestikation der Monotheismen aus dem Geist der guten Gesellschaft“ und begegnet der Intoleranz mit dem Plädoyer für eine wechselseitige Anerkennung des Nahen Ostens und Europas. „Damit steht Sloterdijk auch in der Tradition von Lessing“, sagte Helmut Berthold von der Lessing-Akademie.
Die 1971 gegründete Lessing-Akademie hat sich zum Ziel gesetzt, das Erbe der Aufklärung im Sinne von Lessing zu pflegen. Vor allem die Gedanken der Toleranz und einer freien Gesellschaft sollten wach gehalten werden, heißt es. Der Lessing-Preis für Kritik wird seit 2000 alle zwei Jahre von der Lessing-Akademie und der Stiftung Nord/LB-Öffentliche vergeben. Der jeweilige Preisträger erhält 15.000 Euro und darf einen Förderpreisträger vorschlagen, der 5000 Euro bekommt. Sloterdjk entschied sich für den 1970 geborenen Schriftsteller und Journalisten Dietmar Dath.
Bisherige Preisträger waren der Literaturwissenschaftler und Journalist Karl Heinz Bohrer, der Autor und Regisseur Alexander Kluge, die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek und der israelische Historiker und Publizist Moshe Zimmermann. (dpa/car)
Peter Sloterdijk – Philosoph, Kulturwissenschaftler, Talkmaster
HAMBURG (BLK) – Peter Sloterdijk gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Gesellschaftsphilosophen. Anstelle der reinen Lehre im Elfenbeinturm sucht der streitbare Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung den politischen Diskurs – sei es mit scharfer Kritik am Konsumterror oder mit provokanten Thesen zur Menschenzüchtung. „Philosophie ohne akademischen Zeigefinger“ für den wissenschaftlich unbelasteten Normalbürger verspricht Sloterdijk seit 2002 in der ZDF-Talkshow „Philosophisches Quartett“.
Der 1947 in Karlsruhe geborene Sloterdijk studierte in München und Hamburg Philosophie, Germanistik und Geschichte. 1976 promovierte er im Fachbereich Sprachwissenschaften der Universität Hamburg mit der Dissertation „Literatur und Organisation von Lebenserfahrung“. Sloterdijk lebt in Karlsruhe, Wien und Südfrankreich.
International bekannt wurde er 1983 mit seiner „Kritik der zynischen Vernunft“. Es gehört zu den meistverkauften philosophischen Werken des 20. Jahrhunderts. Das Buch behandelt den Zynismus als gesellschaftliches Phänomen der europäischen Geschichte, den er als „das aufgeklärte falsche Bewusstsein“ kritisiert. Hier zeichnet Sloterdijk ein überwiegend düsteres Bild der modernen Konsum- und Informationsgesellschaft.
1998 legte er mit „Sphären I – Blasen, Mikrosphärologie“ den ersten Band einer „Geschichte der Menschheit“ vor. Es folgten 1999 „Sphären II – Globen, Makrosphärologie“ und 2004 „Sphären III – Schäume, Plurale Sphärologie“, wo er die Dimensionen des Begriffs der Globalisierung auslotet.
In die Schlagzeilen geriet Sloterdijk 1999 nach seiner umstrittenen Rede „Regeln für den Menschenpark“ unter anderem über Gentechnik, Selektion und Menschenzüchtung. Begriffe aus dem NS-Sprachgebrauch trugen ihm den Vorwurf ein, nach weit rechts abgedriftet zu sein. Der Philosoph selbst sprach von einem gezielten Rufmord. Im Jahr 2005 wurde Sloterdijk mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet. (dpa/wip)