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„Philosophische Temperamente“

Televampyrismus, Fernsauger und das Patchwork der lokalen Lebensspiele

© Die Berliner Literaturkritik, 28.01.10

Von Armin Steigenberger

Wer meint, er wisse doch bereits einiges über Philosophie und brauche deshalb dieses Buch nicht, liegt völlig falsch; wer meint, es handle sich hier um eine konventionelle Philosophiegeschichte, ähnlich die der vor 40 Jahren erschienen „Philosophischen Hintertreppe“ von Wilhelm Weischedel – nur eben aus Sloterdijkschem Blick – liegt ebenso falsch.

 Hier wird ein komplett neuer Zugang zur Philosophie und ihren Hauptfiguren eröffnet, der in dieser Form bisher nicht da gewesen ist. Man ist vom ersten Satz an bereits Teilnehmer am philosophischen Diskurs der Jetztzeit. Man betritt hier die Philosophie immer von vorne durch den Haupteingang; man liest Texte, die durchaus als Primärtexte gelten können. Und damit ist Sloterdijks Buch über philosophische Temperamente wohl eher kein Buch für völlige Philosophieneulinge. Obgleich schon das Vorwort mit der Überzeugung des Autors einleitet, „daß es in die Philosophie keine Einführung geben kann, vielmehr muss von der ersten Minute an die philosophische Disziplin selber sich vorstellen, als Modus des Denkens fürs erste, als Modus des Lebens in der Folge.“ Das ist für die nachfolgenden Texte ein klares Programm.

In ihrer optimistischen Frühzeit hatte die philosophische Erziehung nicht weniger im Sinn als eine Umbeseelung oder Umbegeisterung der Individuen; sie setzte sich das Ziel, aus verworrenen Stadtkindern erwachsene Weltbürger zu machen, aus inneren Barbaren zivilisierte Reichsmenschen, aus berauschten Meinungsinhabern besonnene Wissensfreunde, aus trübseligen Sklaven der Leidenschaften heitere Selbstbeherrscher“, lockt der Klappentext.

Das Buch bietet 19 gedankliche Streifzüge, in sich geschlossene Essays, allesamt in ähnlichem Aufbau konstruierte „Denker-Vignetten“ zu allen wichtigen Köpfen der Philosophie, die zunächst „scharf“ machen – also mit scharfsinnigen Thesen verblüffen – und letztlich eröffnen, was an allen Meisterdenkern bis heute das Wesentliche war und ist. Das Wesentliche wird hier völlig neu und mit erstaunlichen Blickwinkeln vom Autor herausgearbeitet: nicht selten frappiert eine tiefschürfende und überraschend aktuelle Lesart des schon Bekannten. So kommt das Kapitel über Platon völlig ohne den Begriff der Dialektik aus (und ohne den der „Platonischen“ Liebe sowieso!), bei Descartes lässt Sloterdijk das kartesische Cogito ergo sum weg, bei Kant braucht er kein Apriori oder Aposteriori und erklärt auch nicht umständlich das Wesen des Kategorischen Imperativs — wie dies so manche selbsterklärte Einführungen gerne tun. Man atmet von vornherein eine ungewohnt freie und wohltuend klare Luft. Dennoch erfährt man gerade dadurch den Kern der jeweiligen Philosophie umso genauer. Der Journalist und Rezensent Ijoma Mangold nannte dieses Buch eine „Übersetzung der Philosophiegeschichte in Peter Sloterdijks eigenes Vokabular“. Hinreißend ist in der Tat Sloterdijks Sprache: Der Philosoph entwickelt zur Erklärung ganz eigene Termini und Theoreme, die in aufregende Schlussfolgerungen münden. So spricht Sloterdijk bei Marx über Telekommunikation und erfindet den Begriff des „Televampyrismus“, der Fernseher wird zum „Fernsauger“, zu Wittgenstein erklärt er, dass gerade dieser in der Lage war, „das Patchwork der lokalen Lebensspiele und ihrer Regeln ans Licht zu heben“.

Der schulische Aspekt, wie man üblicherweise Philosophie anhand ihrer probaten Begrifflichkeiten Schritt für Schritt kennenlernt, in der Weise, wie auch die bekannten Einführungen mit ihren Themen umgehen, fehlt hier völlig. Ohne einschlägiges Vorwissen ist das Buch gleichwohl nicht immer verständlich, da das Buch sofort in medias res geht. Man sollte im Vorfeld schon ein wenig Philosophie betrieben haben und sich auch etwas mit dem Vokabular auskennen, sonst kann man Sloterdijks Gedankengängen und Schlussfolgerungen vielleicht nicht immer folgen.

Der 62 jährige Autor Peter Sloterdijk ist Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung sowie Professor für Kulturphilosophie und Medientheorie an der Wiener Akademie der bildenden Künste und vielen Lesern bekannt vom Philosophischen Quartett (ZDF). 1983 gelang ihm der Durchbruch mit seinem Werk „Kritik der zynischen Vernunft“. Im Herbst 2009 richtete sich die Medienaufmerksamkeit auf die „Sloterdijk-Debatte“ in den Leserbriefspalten der FAZ, ausgelöst durch Thesen des Philosophen über Kapitalismus und Sozialstaat.

Jeder einzelne Essay der „Philosophischen Temperamente“ überzeugt. Der Titel selbst ist ein Spiel mit Worten: denn es sind sowohl die Persönlichkeiten der großen Philosophen an sich gemeint, als auch ihre Ideen und „mächtigen Argumente“ als Ingredienzen und Beimischungen im gedanklichen Schmelztiegel des Abendlandes.

Die Aufsätze entwickeln einen sowohl kurzweiligen wie tiefschürfenden Gesamtabriss der philosophischen Geistesgeschichte, entrollen Argumente und Thesen und zeigen geschichtliche Zusammenhänge; zeigen darüber hinaus, wie diese Thesen die Welt bis heute formen. Dies gelingt Sloterdijk in hochverdichteter und dennoch nicht überfrachteter Form. Genau genommen handelt es sich bei den „Philosophischen Temperamenten“ um 19 Vorworte, die in ebendieser Form allesamt schon in der Reihe „Philosophie jetzt!“ erschienen sind. Die „Philosophischen Temperamente“ sind zusammen mit ihrem eigenen also „nur“ 20 Vorworte, die es allerdings in sich haben. Sloterdijk legt dar, dass es aufgrund von „rechtlichen Schwierigkeiten“ nie zum Heidegger-Lesebuch und dem Adorno-Reader  gekommen ist, doch auch die restlichen 19 Denker ergeben in summa ein stimmiges und in sich geschlossenes Bild der Geistesgeschichte.

Der mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnete Autor schrieb ein glänzendes junges Buch über 19 alte Männer der Philosophie, das nicht für einen Moment langweilig wird.

 

Literaturangabe:

SLOTERDIJK, PETER: Philosophische Temperamente – von Platon bis Foucault.  Diederichs Verlag, München 2009. 144 S., 14,95 €.

Weblink:

Diederichs Verlag

 

 


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