Werbung

Werbung

Werbung

Poetische Konfrontation von Gegensätzen

Timo Berger entblößt in „Ferne Quartiere“ ursprüngliche Wahrheiten der Menschheit

© Die Berliner Literaturkritik, 31.07.08

 

MÜNCHEN (BLK) – 2008 ist die Gedichtsammlung „Ferne Quartiere“ von Timo Berger bei der Lyrikedition 2000 erschienen.

Klappentext: „Ferne Quartiere“ ist eine Gedichtsammlung mit spannungsgeladener Atmosphäre. Timo Berger ist Flaneur in Rio und Buenos Aires. Hier findet Berger den idealen Schauplatz für seine Gedichte – hier im geordneten Chaos treten die Gesetzmäßigkeiten der Dinge und Menschen viel deutlicher zutage. Hier entblößen sie ihre ursprünglichen Wahrheiten. Schlaglichtartig wird das Aufeinandertreffen von Gegensätzen beleuchtet: schwarz/weiß, arm/reich, tierisch/menschlich. Da gibt es die Poesie der Reichen und die Poesie der Armen. Gewalt ist dabei den Spannungspolen immanent.

In lakonisch stilvoller Sprache fängt Berger seine Betrachtungen ein und hängt diese an Assoziationsketten, die den eigenen Standpunkt mit reflektieren: weiß, reich, menschlich. Texte voll explosiver Schönheit.

Timo Berger, geboren 1974 in Stuttgart, lebt nach Aufenthalten in Buenos Aires und Barcelona seit 1999 als Autor und Übersetzer in Berlin. Er ist Mitgründer der Lesebühne „visch & ferse“ und war Mitorganisator des Internationalen Festivals aktueller Poesie, „Salida al Mar“, in Buenos Aires. Er veröffentlichte Erzählungen und Lyrik in Zeitschriften (u.a. ndl, lauter niemand). Bisher erschienen u.a.: „Sex and Sound“ (2004), „Erinnerungen an die Regionalliga“ (2005), „Kafka und ich“ (2006) und zuletzt „Neu Chicago“ (2007). Er erhielt Preise und Förderungen, u.a. 2006 das Literaturstipendium der deutsch-polnischen Stiftung (Villa Decius, Krakau). (vol/wip)

 

Leseprobe:

© Lyrikedition 2000 ©

EIN PAAR FÜßE KOSTEN NICHT DIE WELT

Einer fährt nach Rio und schickt

Postkarten aus Monte Carlo

 

BOTANISCHER GARTEN

Kein Papageiengespött, kein nackter

Wilder, die ersten Bilder von der Stadt

am Januarfluss stellen sich mit leichtem

Rotstich ein: Giselle und ihre Auto

 

Liebe: ein landeifarbener Käfer trägt

die Nouvelle Vague heiser schnurrend

durch die Kurven: in dieses Gefährt

macht mir kein Taxi-Boy Flecken

 

Gegen den Rückspiegel klatscht Elvis

The King, aus Hartgummi, ein Sex

Versprechen, während sich hinter uns

eine weiß gelackte Schranke senkt

 

Der erste Sicherheitsring, wir leben

sagt Giselle, auf der Habenseite

der Stadt, die unten in den Tälern

jede Nacht die Nacht überfällt

 

KOMPLIZIERTE FÄLLE

Giselle und ihre Mutter

haben zu Mittag

zwei Themen

 

Die Einrichtung zuletzt

besuchter Lofts

 

Und komplizierte Fälle

aus ihrer Praxis

 

Amnesie, ja [ ] / nein [ ]

Lacan, Freud

und für wen

hält sich

der Dritte?

…………

 

NAHERHOLUNG

Lagune. Der lange Lauf zur Schönheit

der Jogger am Ufer

 

Saum sonntags. Der einstudierte Hüftschwung

im Aerobic-Areal. Hula-Hoop

 

An der Salzwasserscheide. Männer mit nackten Brüsten

und ausgeworfenen Netzen

 

Mützen von Hering. Man fischt für den Stadtteil-Grill

oder die Polaroids der Greencard-Gringos

 

EWIGE KONSTELLATION WENIGER SEKUNDEN

Auf der Abbiegespur nach The Girl from Ipanema

bellt ein Jeep, die Boxen am Anschlag

 

Ein Komma kann ein Abzug sein

im Gelände, ungesichert, wird Kandis

 

Verteilt, über die Ampelphase ein Lotto

Fahrschein ins Glück für gefrorene Sekunden

 

Im Augenwinkel fest, Bewegungsmelder: Die Stadt

wie Champagner, steigt schnell zu Kopf

 

Vor uns im zeitweilig stöckelnden Verkehr ein Motorrad

Kurier, leicht behelmt und beharnischt

 

Sein Hemd weiß Reichensöhnchen Playboy

Sohn aus armem Hause Motoboy

 

ROTBUCHT, UNGEKLÄRT

Am Zuckerhut trudeln Tauben

oder Paraglider im Aufwind

unten auf einer rostroten Düne

stochern rabenschwarze Geier

 

In den Resten von Touristen

in dieser Bruthitze ist jeder

Flügelschlag ein Schlag zuviel

die Hautlappen

 

Der Geierhälse, gestern

im Überschwang rot lackierte

Krallen zupfen ein Dreieck

zurecht. Giselle liest im Liegestuhl

 

Ein Supplément. Im Schatten

der Helikopter wachen Taucher

über den Drift, das Treiben

der Völker der Strände

 

ENDSPIEL IN DEN TROPEN

Bringen Sie Ihren Hund nicht

an den Strand. Das ist schlecht

für Sie und noch schlechter für ihn.

Schild an der Praia Vermelha

Der Chopin im stumpfen Grün

der zweiten Oxidation stützt

seinen Kopf auf die Hand

er ist kein Strandmensch

ein einmaliger Abguss

schwitzt in Gedanken

an schnelle Triolen

und die erst in den Tropen

entwickelte Arthritis

links und rechts

Kastanien, eine Kaserne

vielleicht ein paar bless

ierte Hühner, kein Hund

© Lyrikedition 2000 ©

Literaturangaben:
BERGER, TIMO: Ferne Quartiere. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2008. 72 S., 8,50 €.

Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: