MÜNCHEN (BLK) – 2008 ist die Gedichtsammlung „Ferne Quartiere“ von Timo Berger bei der Lyrikedition 2000 erschienen.
Klappentext: „Ferne Quartiere“ ist eine Gedichtsammlung mit spannungsgeladener Atmosphäre. Timo Berger ist Flaneur in Rio und Buenos Aires. Hier findet Berger den idealen Schauplatz für seine Gedichte – hier im geordneten Chaos treten die Gesetzmäßigkeiten der Dinge und Menschen viel deutlicher zutage. Hier entblößen sie ihre ursprünglichen Wahrheiten. Schlaglichtartig wird das Aufeinandertreffen von Gegensätzen beleuchtet: schwarz/weiß, arm/reich, tierisch/menschlich. Da gibt es die Poesie der Reichen und die Poesie der Armen. Gewalt ist dabei den Spannungspolen immanent.
In lakonisch stilvoller Sprache fängt Berger seine Betrachtungen ein und hängt diese an Assoziationsketten, die den eigenen Standpunkt mit reflektieren: weiß, reich, menschlich. Texte voll explosiver Schönheit.
Timo Berger, geboren 1974 in Stuttgart, lebt nach Aufenthalten in Buenos Aires und Barcelona seit 1999 als Autor und Übersetzer in Berlin. Er ist Mitgründer der Lesebühne „visch & ferse“ und war Mitorganisator des Internationalen Festivals aktueller Poesie, „Salida al Mar“, in Buenos Aires. Er veröffentlichte Erzählungen und Lyrik in Zeitschriften (u.a. ndl, lauter niemand). Bisher erschienen u.a.: „Sex and Sound“ (2004), „Erinnerungen an die Regionalliga“ (2005), „Kafka und ich“ (2006) und zuletzt „Neu Chicago“ (2007). Er erhielt Preise und Förderungen, u.a. 2006 das Literaturstipendium der deutsch-polnischen Stiftung (Villa Decius, Krakau). (vol/wip)
Leseprobe:
© Lyrikedition 2000 ©
EIN PAAR FÜßE KOSTEN NICHT DIE WELT
Einer fährt nach Rio und schickt
Postkarten aus Monte Carlo
BOTANISCHER GARTEN
Kein Papageiengespött, kein nackter
Wilder, die ersten Bilder von der Stadt
am Januarfluss stellen sich mit leichtem
Rotstich ein: Giselle und ihre Auto
Liebe: ein landeifarbener Käfer trägt
die Nouvelle Vague heiser schnurrend
durch die Kurven: in dieses Gefährt
macht mir kein Taxi-Boy Flecken
Gegen den Rückspiegel klatscht Elvis
The King, aus Hartgummi, ein Sex
Versprechen, während sich hinter uns
eine weiß gelackte Schranke senkt
Der erste Sicherheitsring, wir leben
sagt Giselle, auf der Habenseite
der Stadt, die unten in den Tälern
jede Nacht die Nacht überfällt
KOMPLIZIERTE FÄLLE
Giselle und ihre Mutter
haben zu Mittag
zwei Themen
Die Einrichtung zuletzt
besuchter Lofts
Und komplizierte Fälle
aus ihrer Praxis
Amnesie, ja [ ] / nein [ ]
Lacan, Freud
und für wen
hält sich
der Dritte?
…………
NAHERHOLUNG
Lagune. Der lange Lauf zur Schönheit
der Jogger am Ufer
Saum sonntags. Der einstudierte Hüftschwung
im Aerobic-Areal. Hula-Hoop
An der Salzwasserscheide. Männer mit nackten Brüsten
und ausgeworfenen Netzen
Mützen von Hering. Man fischt für den Stadtteil-Grill
oder die Polaroids der Greencard-Gringos
EWIGE KONSTELLATION WENIGER SEKUNDEN
Auf der Abbiegespur nach The Girl from Ipanema
bellt ein Jeep, die Boxen am Anschlag
Ein Komma kann ein Abzug sein
im Gelände, ungesichert, wird Kandis
Verteilt, über die Ampelphase ein Lotto
Fahrschein ins Glück für gefrorene Sekunden
Im Augenwinkel fest, Bewegungsmelder: Die Stadt
wie Champagner, steigt schnell zu Kopf
Vor uns im zeitweilig stöckelnden Verkehr ein Motorrad
Kurier, leicht behelmt und beharnischt
Sein Hemd weiß Reichensöhnchen Playboy
Sohn aus armem Hause Motoboy
ROTBUCHT, UNGEKLÄRT
Am Zuckerhut trudeln Tauben
oder Paraglider im Aufwind
unten auf einer rostroten Düne
stochern rabenschwarze Geier
In den Resten von Touristen
in dieser Bruthitze ist jeder
Flügelschlag ein Schlag zuviel
die Hautlappen
Der Geierhälse, gestern
im Überschwang rot lackierte
Krallen zupfen ein Dreieck
zurecht. Giselle liest im Liegestuhl
Ein Supplément. Im Schatten
der Helikopter wachen Taucher
über den Drift, das Treiben
der Völker der Strände
ENDSPIEL IN DEN TROPEN
Bringen Sie Ihren Hund nicht
an den Strand. Das ist schlecht
für Sie und noch schlechter für ihn.
Schild an der Praia Vermelha
Der Chopin im stumpfen Grün
der zweiten Oxidation stützt
seinen Kopf auf die Hand
er ist kein Strandmensch
ein einmaliger Abguss
schwitzt in Gedanken
an schnelle Triolen
und die erst in den Tropen
entwickelte Arthritis
links und rechts
Kastanien, eine Kaserne
vielleicht ein paar bless
ierte Hühner, kein Hund
© Lyrikedition 2000 ©
Literaturangaben:
BERGER, TIMO: Ferne Quartiere. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2008. 72 S., 8,50 €.
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