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Politikdebatten auf Leipziger Buchmesse

Juli Zeh und Co. rebellieren gegen Überwachungsstaat

© Die Berliner Literaturkritik, 13.03.09

 

Von Sebastian Döring

LEIPZIG (BLK) - George Orwells Überwachungsstaat erobert Deutschland im Jahr 2057. Das Horrorszenario der deutschen Autorin Juli Zeh (34) ist eine „Gesundheitsdiktatur“, das Regierungssystem in ihrem neuesten Buch „Corpus Delicti“ (Schöffling, Frankfurt/Main) - für sie kein Roman, sondern „ein Prozess“, sagte die vielfach ausgezeichnete Autorin auf einer Lesenacht der Leipziger Buchmesse in der Nacht zu Freitag. „Das Rauchverbot hat ein gewisses ‚Jetzt reicht's’-Gefühl ausgelöst. Wenn man sein Leben lang in die Kneipen geht, und auf einmal darf man nicht mehr rauchen dort - das ist ein gravierender Eingriff in die Persönlichkeit.“ Es ist ein Aufregerthema für die rund 500 Zuhörer, die lauthals diskutieren, als Zeh in der traditionsreichen Moritzbastei spricht. In dem Gewölbekeller tranken und trafen sich schon Goethe und Schiller.

Das Massaker von Winnenden und die prompten Politiker-Forderungen nach mehr Videokameras zeigen laut Zeh, dass die „Maßnahmen der Überwachung jeglichen praktischen Nutzen entbehren“. Es sei an der „Zeit zu fragen, was ist denn eigentlich die Idee dahinter“. Die Autorin, die im vergangenen Sommer von der Großstadt aufs Land gezogen ist, glaubt, dass ihr Stoff Wirklichkeit werden kann. „Von implantierten Computerchips in unseren Körpern sind wir nicht mehr allzu weit entfernt.“ Ihr Roman sei „nicht der Versuch, die Zukunft vorauszuahnen“. „Der Präventionsstaat hat sich etabliert.“

Es ist die Nacht der jungen Rebellen. „Der Kampf um Aufmerksamkeit korrumpiert“, sagt der Nachwuchsautor Steffen Juhran (18) zu den Ermunterungen von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) an die Autoren, um Aufmerksamkeit zu kämpfen. „Ich versuche eigentlich nur Texte zu schreiben, die ich selber gerne lese“, sagt der Gewinner des Wettbewerbs „Jugend schreibt“. Der junge Wilde kokettiert mit seiner Unerfahrenheit: Er verhaspelt sich beim Vortragen, stockt, hat eine Manuskriptseite „verlegt“.

Aufbruchstimmung machte sich unter den 53 Autoren in der Moritzbastei breit. Ihre Texte spielen an U-Bahn-Stationen, Flughäfen, Weltmetropolen wie London. „Ich verliere mich völlig in der Stadt und Du willst noch weitergehen“, schreibt etwa Juhrans Mitstreiterin Laura Neumann (19) in ihrer Novelle „Weil wir den Wind lieben und alles“. „Meistens sitze ich irgendwo und es bewegt sich alles, wenn ich schreibe. Ich hör so Stimmen.“ Dabei müsse sie sich drosseln, nicht dem Zwang, mit Klischees zu spielen, zu verfallen. So widmet sich auch der nicht mehr ganz so junge Jungautor Michael Stavaric (37, „Böse Spiele“) „Klischees, die Männer von Frauen haben und umgekehrt“. Das müssen Leser mögen, auch seine Nebensätze. „Im Grunde mache ich weiter Lyrik, das aber in einer narrativen Sprache. Es ist mehr die Arbeit wie an einem Musikstück, die Melodie einer bestimmten Zeit.“

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