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Postutopischer Sprach-Kosmos

Jean Kriers neuer Lyrikband „Herzens Lust Spiele“

© Die Berliner Literaturkritik, 11.06.10

Von Armin Steigenberger

Wer frische Luft atmen will, braucht Jean Kriers neues Buch „Herzens Lust Spiele“. So etwas hat man hierzulande noch nicht gelesen. Besser gesagt: So etwas liest man hierzulande nicht. Kein Wunder – der deutschsprachige Dichter lebt in Luxemburg. Dabei sind seine Texte gar nicht so froh und sorglos und dennoch strahlen sie bei aller Ernsthaftigkeit eine unbeschwerte, lebensbejahende Fröhlichkeit aus. Diese Fröhlichkeit ist fragil und aus vielen authentisch anmutenden Krisen gewachsen.

Sprachlich gesehen werden kunstfertig Wortfindlinge, Textsplitter, Zitatsprengsel und Satzstummel aus allen möglichen Kontexten zu einer völlig neuartigen Textur verwoben. Jean Kriers Sprache wirkt jedoch nicht nur recycelt: Alles, was er findet, wird auf äußerst reizvolle Art eingebaut, verwertet und eingearbeitet in einen erfrischenden Sprach-Kosmos, bei dessen unerwarteten Schwenks einem die Spucke wegbleibt. Krier baut aus dem vorgefundenen Wortmaterial immer Sinnreiches und Unerhörtes. Der Autor geniert sich nicht, alles herzunehmen, was (un-)heilig ist; da wird sogar hin und wieder der Tonfall des Alten und Neuen Testamentes gesampelt. Alltägliches neben Tabuisiertem, Globales wie Privates wird zusammen mit politisch Hochbrisantem und historisch Heiklem – ohne (wie es heute üblich ist) soundso viele Filter durchlaufen zu haben und politisch bis zur Inhaltslosigkeit korrigiert worden zu sein – lakonisch bei den Hörnern gepackt und nonchalant zu Papier gebracht.

Ich lebe doch – sonst wäre nicht Welt, u muss / noch hinaus zu den Toten, sie zu wecken u wenden, / die im Viehwaggon da, dass sie mal andersrum / u ab in die Fabrik oder gleich in den Ofen u / leichtbeschwingt durch den Schornstein, sonst wär / die andere Welt (…)“ schreibt Krier gleich im allerersten Gedicht seines Bandes mit dem Titel „Une incroyable façon de nous faire mourir“ (Eine unglaubliche Art, uns sterben zu lassen), bezogen auf ein Zitat von Michel Déguy. Etliche französische und lateinische Einschübe erscheinen zunächst als etwas irritierend, aber bremsen den Lesefluss nicht wirklich ab: Sie sind ein Kann, niemals ein Muss. Obiger Text endet mit der lakonischen Verszeile: „Wie gut u leicht haben ohne Welt die Toten doch reden.“ Genau das fasziniert immer wieder an diesem Buch: Mit welcher Leichtigkeit derlei tiefsinnig Absurdes einfach hingeschrieben wird, was doch inhaltlich ein kleiner Eklat ist.

Das Aufschichten und Montieren von Sprachmaterial geht über ein bloßes Sampling weit hinaus, da infolge der Textmontage auch immer wieder der syntaktische und semantische Fluss gebrochen wird. Hierin ist Jean Krier aufregend kühn, ungeheuer konsequent, mitunter eiskalt und radikal. Er weicht der Ästhetik des Ekligen gerade nicht aus, sondern zeigt hochbrisante Inhalte. „Leichten Fußes am Waldrand u Zärtlichkeit, ach wie / junges Grün, während im Haus, wo / ein Mann, Schlag u Geschrei. Im Flur / Erbrochenes u Blut, an den Wänden / obszönes Geschmier. So tobt es mit mir / durch mein Hirn.“

Kriers Dichtung ist außergewöhnlich, originell und eigenwillig und nimmt zu keinem Zeitpunkt irgendein Blatt vor den Mund. Sie konstatiert sehr deutlich, dass letztlich nichts konstatierfähig ist. „Kaum zu ertragen zwischen / Vögeln u Flut die Spannung dieser Musik. Diese gottverdammte Geige. /Un talent absolument fou im Sitzen, Warten, Furzen. Bist du aber bereit /zu dieser Opposition?“ Stellenweise bekommen die Texte etwas Irres und fast Hysterisches, sind zwischendurch provokativ und bewusst blasphemisch und scheren sich gar nicht um allzu zart besaitete Leser, wenn sie in „uralte Schmerzensspalten“ langen. „Ganz langsam wachsen nun Wunde / und Welt mir wieder zu.“ Die Texte sind stets so feinsinnig und vielfältig, dass sie immer noch einige Nebenbedeutungen in der Hinterhand haben, die man selbst bei mehrfacher Lektüre längst nicht alle entdeckt hat.

Kriers Gedichte zeigen schonungslos auf, was geht und vergeht. Sie sind dabei selten larmoyant und nie melancholisch; immer kontert stattdessen eine heitere, gewitzte Selbstironie. Die Texte sprechen ihre Inhalte aus, sagen direkt, was sie meinen und behalten dabei immer noch ein Geheimnis für sich. Redewendungen aus dem alltäglichen Gebrauch werden umgekehrt und verfremdet. Hier wird solide und mehrschichtig orchestriert. Hier wird überraschend virtuos gedichtet. Hier werden Konflikte benannt, hier werden sogar Utopien verschnitten und ad absurdum geführt.

„Zur Hölle mit der Freiheit: Schreien sie, sobald in der Sprache kocht das Meer /u müdes Abwinken, die Träume suchen das Weite, / wo Dunkles aufgehoben gut u Ausscheidungen nicht /der frühen Jahre überzeugen, obwohl auf der Straße /Boris hüpft u singt u klacken die Absätze der Frauen. / Du spürst, wie der alte Stein an der Schläfe pulst.“

Postutopisch lebt sich’s besser. Die lyrische Stimme bei Krier ist sarkastisch und gleichzeitig anrührend ehrlich. Utopien sind passé. Die Stimmungslagen wechseln schnell, „obschon du doch frei bist, / neue Konstellationen zu schaffen u hinter jeder Tür / unter Anrufung des Herrn dein Süppchen zu kochen“. So finden sich auch Anklänge und Zitate aus der Apokalypse – dem Ende des Neuen Testamentes. Doch auch die Apokalypse haben die Texte schon hinter sich und so möchte man eigens das Wort postapokalyptisch erfinden – da sie von Endzeitgedichten (mit ihrem entsprechenden Sound) weit entfernt sind. „Lass schnauben, lass Totentanzbeine dann schwingen / – das ist das Ende vom Lied vom Ende der Zeit.“

Seh dir, Engel, für immer nach. Bring vor dem Eingriff, / dem letzten, bitte, die Flaschen noch zum Container“, lesen wir am Ende eines Gedichts mit dem witzigen Titel „In der Dezembergegend“. Hier schreibt ein 60-jähriger Dichter, mit einem lakonisch-bitteren und ebenso heillos gut gelaunten Blick auf das Leben. Die lyrische Stimme hat so vieles schon hinter sich, dass es eine Freude ist. Es ist überhaupt erstaunlich, was diese Gedichte alles schon hinter sich haben! Allzu jugendliche Hoffnungen, die meisten Lebens-, Beziehungs- und Sinnkrisen, den (altersbedingten?) Frust im Bett, den 60. Geburtstag, den Glauben an die Politik, an das eigene Glück, das Trauern um die eigene Vergänglichkeit, den Glauben an Gott, an die katholische Kirche und die verbesserbare Welt. Nein! Die Dinge liegen, wie sie liegen, die Welt ist, wie sie ist. Jean Kriers Dichtung ist hierin postpathetisch, postsemantisch, postsyntaktisch… und so könnte man noch eine ganze Reihe höchst erfrischender Post-Komposita erfinden. Fazit: So etwas liest man hierzulande (noch) nicht. Weil hierzulande keiner so etwas schreibt. „Es wird Zeit, / den Fisch in die Sonne zu werfen. On s’amuse bien ici. “

Jean Krier ist 1949 in Luxemburg geboren, wo er auch heute lebt. Er studierte Germanistik und Anglistik in Freiburg im Breisgau. Seine Texte erschienen zahlreich in Literaturzeitschriften (u.a. „Akzente“, „Manuskripte“, „Sprache im technischen Zeitalter“) und sind im Rundfunk zu hören.

Literaturangabe:

KRIER, JEAN: Herzens Lust Spiele. Gedichte. Poetenladen Verlag, Leipzig 2010. 88 S., 15,80 €.

Weblink:

Poetenladen Verlag


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