Presseschau vom 6. Januar

Nationalsozialismus, Bibel und die Findungsprozesse der Wirtschaft

© Die Berliner Literaturkritik, 06.01.03

 

BERLIN (BLK) - Es gibt Themen, die zu jeder Zeit hochaktuell sind und deren Diskussion unerschöpflich scheint. So werden zu Beginn des Jahres drei Bücher publiziert, die sich dem Nationalsozialismus auf politische wie gesellschaftliche Weise nähern und den Gebrauch der Erinnerung mahnen. Auch die Bibel steht einmal mehr im Mittelpunkt der heutigen Presseschau, sei es in einer Neuauflage der Lutherschen Übersetzung oder als Ausgangspunkt archäologisch fundierter Geschichtsschreibung.

In seinem Buch „Krieg, Verbrechen, Blasphemie“ kartographiert Ulrich K. Preuß die Begriffe und Prinzipien zum 11. September, schreibt Niklas Bender in der FR. Indem er eine terminologische Rekonstruktion der Ereignisse unternehme, versuche er Antworten auf das Unsagbare, das verbale Loch zu geben. Doch seine kritischen Ansätze zum Wandel bewaffneter Gewalt drohten immer wieder der totalisierenden Ausrichtung auf ein fixes moralisches Ziel zum Opfer zu fallen. Dadurch verhinderten sie die Initiierung eines offenen ost-westlichen Prozesses.

Barry Bluestone und Bennett Harrison befassen sich in „Geteilter Wohlstand“ mit den beiden Kardinalfragen der Volkswirtschaft: wie man Wohlstand erzeugt und wie man ihn verteilt, berichtet Benedikt Koehler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Ihre These sei, dass ausgreifende staatliche investive Tätigkeit auch der Privatwirtschaft die Aussicht auf steigenden Wohlstand signalisiere und die Industrie zu Anschlußinvestitionen ermutige. Allerdings erstrecke sich die Vorlaufzeit für die Rentierlichkeit solcher Ausgaben auf Jahrzehnte.

Ins Herz der Religion

Die Archäologen Israel Finkenstein und Neil Asher Silberman entwerfen in „Keine Posaunen vor Jericho“ eine neue archäologisch begründete Sicht des alten Israels und des Ursprungs seiner heiligen Texte, kommentiert Christoph Bultmann in der Berliner Zeitung (BER). Das Buch sei nicht als simple Zerstörung biblischer Mythen zu lesen, sondern es sei ein konstruktiver Beitrag zu einer archäologisch fundierten Geschichtsschreibung.

Wer die Sprachgewalt der Bibel in der Originalfassung bevorzugt, der musste bislang auf die modernen Nachdrucke von Luthers Bibel aus dem Jahr 1545 zurückgreifen. Der Taschen Verlag hat nun die Ausgabe von 1534 faksimiliert und mit einem Beiheft veröffentlicht. Das Beiheft ist laut Roland Kany in der FAZ nicht ganz fehlerfrei, dennoch gehe ein hoher Reiz von dem Gesamtwerk aus, da der Leser in das Herz der jüdischen und christlichen Religion sowie in das Innerste der deutschen Sprache blicken könne.

Der Journalist Andrian Kreye beabsichtigt, mit seinem Buch „Berichte aus der Kampfzone“ auf die gravierenden Nebenwirkungen des Wirtschaftsfundamentalismus in der Dritten Welt aufmerksam zu machen, schreibt Gustav Trampe im TAG. Der Autor sei ein fesselnder Erzähler, dessen Sympathie den vielen Armen und Entrechteten dieser Erde gehöre. Trotz des ernsten Hintergrundes bereiteten die insgesamt neunzehn Reportagen dem Leser Vergnügen.

Ostdeutsche Urangeheimnisse

Seit Mitte der 80er Jahre hat Hans Blumenberg versucht, die Anthropologie und die Phänomenologie mehr oder weniger systematisch zu verbinden, berichtet Oliver Müller in der BER. Daraus sei der Band „Zu den Sachen und zurück“ entstanden, der im Nachlass des Philosophen gefunden worden sei. Das Buch enttäusche aber weitgehend, da die Idee der phänomenologischen Anthropolgie nur an einzelnen Stellen aufblitze und der Herausgeber Manfred Sommer die Edition nur spärlich kommentiert habe.

In Kathrin Schmidts neuem Roman „Koenigs Kinder“ führen die Worte ein anarchistisches Eigenleben, befindet Uta Beiküfner in der BER. Die Autorin habe nicht nur ein poetisches, sondern auch ein kluges Buch geschrieben. Es handele von der DDR, von dem was war und von dem was ist, neun Jahre nach dem Mauerfall.

Die beiden Historiker Rainer Karlsch und Zbynek Zeman haben mit „Urangeheimnisse“ eine gut geschriebene und wissenschaftlich überzeugende Studie über den Uranbergbau im Erzgebirge und die Wismut AG vorgelegt, so Ilko-Sascha Kowalczuk im TAG. Die Bedeutung des ostdeutschen Urans für die sowjetische Atombombenproduktion sei kaum zu überschätzen. Daher sei das Projekt auch Staatsgeheimnis gewesen: Für den Bergbau hätten Arbeitskräfte zwangsrekrutiert werden müssen, das Abbaugebiet sei militärisches Sperrgebiet gewesen.

50 Jahre „Deutschmark“

Mit Hilfe namhafter Währungsexperten hat Jens Hölscher die Aufsatzsammlung „50 Years of the German Mark“ herausgebracht, schreibt Indira Gurbaxani in der FAZ. Es behandele diejenige Währung, die 50 Jahre lang eine der drei wichtigsten Währungen der Welt gewesen sei. Das Buch dürfte laut Kritikerin besonders für all jene Leser aus der Akademie und Praxis von Interesse sein, die aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen wollten.

In Armin Strohmeyr hat die oft verspottete Schriftstellerin Annette Kolb einen sachlichen, routiniert disponierenden Biographen gefunden, konstatiert Alexander Honold in der FAZ. Der Autor unternehme zwar in seinem Buch „Annette Kolb. Dichterin zwischen den Völkern“ nicht den Versuch, die wenig schmeichelhaften Skizzen, die unter anderem von Thomas Mann verfasst worden seien, zu retuschieren. Doch mit seinen akribisch ausgebreiteten Dokumenten und Textproben zeige er die Faszinationskraft, die von der als kapriziös und herb geltenden Frau ausgehe

Evelyn Schlag ist mit "Brauchst du den Schlaf dieser Nacht" Gebrauchslyrik im besten Sinn gelungen, schreibt Franz Haas in der Neuen Züricher Zeitung. Die österreichische Autorin dichte dem handfesten oder phantasierten Leben, aus vielfachem Anlass, aber aus einfachem Grund, die poetische Benennung des Alltäglichen. Grossartig schlicht schreibe sie von Liebe und Natur, vom Reisen und vom Vergehen der Zeit. Immer finde die Dichterin das passende Sprachregister, im Schweben zwischen Spielerei und feinem Eigensinn.

Der Wert der Erinnerung

In „Der Gebrauch der Erinnerung“ schildert Barbara Spinelli die versäumten Gelegenheiten der europäischen Politik, aus den Lehren zweier totalitärer Irrwege Konsequenzen für ein künftiges Europa zu ziehen, berichtet Hannes Schwenger im Tagesspiegel (TAG). Sie warne Europa vor einer post-totalitären „Ideologie des Enthusiasmus“, die sie nicht nur bei ihrem Landsmann Silvio Berlusconi entdecke: Die neue Rechte und alte Konservative hätten sich der optimistischen Fortschrittsmythen bemächtigt und Warner und unruhige Geister verteufelt. Als Gegenrezept empfähle sie den „Gebrauch der Erinnerung“.

Zur Ideologie der Nationalsozialisten gehörte die Vorstellung von der natürlichen Unterlegenheit der Frau, schreibt Yvonne Holl in der Frankfurter Rundschau (FR). Die Errichtung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, mit dem die SS ein Lager zur Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft schuf, thematisieren zwei neue Sachbücher: Der US-Historiker Jack G. Morrison stelle Aufbau, Zweck und Alltag in den Mittelpunkt seiner hochinteressanten Beschreibung, während sich Gerlind Schwöbel dem Glauben als Unterstützung im Überlebenskampf widmet. Beide Bücher demonstrierten, wie erst die Entfaltung von Kreativität und heimlicher Kulturförderung vielen Frauen das Überleben ermöglichte.

Tiefgreifender Wirtschaftswandel

Statt einer „Anleitung zum Konservativsein“ hat Alexander Gauland eher eine resignative und gänzlich unironische weitere „Anleitung zum Unglücklichsein“ publiziert, resümiert Ulrich Speck in der FR: Das aufmunternde Gelb des Buchumschlags konterkariere der Autor im Text mit düsteren Farben und apokalyptischen Tönen. Wer den Konservatismus als politische Kraft im einundzwanzigsten Jahrhundert wieder beleben wolle, der müsse mehr bieten als eine Bilanz der Verluste und abgrundtiefe Abneigung gegen die Spaßgesellschaft.

Der tief greifende Wandel in der Kreditwirtschaft war auslösendes Moment für den Aufbau eines Kompetenzzentrums „Bankenarchitektur im Informationszeitalter“ an der Hochschule Sankt Gallen; die von den Bankpraktikern und Wissenschaftlern erarbeiteten Beiträge liegen nun in Buchform vor, berichtet Jochen Ingenschay in der FAZ. Der Band nähere sich dem Thema Neugestaltung von Strukturen und Leistungen im Privatkundengeschäft auf einem recht hohen Abstraktionsgrad, die Beiträge spiegelten gut den gegenwärtigen Zustand wider. Daher sei das Buch für Banken und Dienstleistungsproduzenten wertvoll, die einen solchen Findungsprozess in ihrem Hause anstoßen wollten.

Duktus und Aufbau des Buches von Bruno Wagner entspricht laut Hanno Beck in der FAZ den gängigen Publikationen der Enthüllungsbelletristik: Ein zielgerichteter Aufbau fehle, der Absolutheitsanspruch sei mehr abgeschmackt denn abgeschmeckt. Von dem Autor, der sich in seinem Buch „Burn Rate. Wie Fondsmanager unser Geld verbrennen“ die Investmentbranche als Feindbild ausgesucht habe, habe man sich mehr gewünscht: Diskurs statt Apodiktik, Analyse statt anekdotischer Evidenz, Abwägung statt Pauschalverurteilung. (nic/eis)

Literaturangaben:
BLUESTONE, BARRY/ HARRISON, BENNETT: Geteilter Wohlstand. Campus Verlag, Frankfurt 2002. 400 S., €34,90.
BLUMENBERG, HANS: Zu den Sachen und zurück. Hrsg. von Manfred Sommer. Suhrkamp, Frankfurt 2002. 354 S., €35,90.
FINKENSTEIN, ISRAEL/ SILBERMAN, NEIL ASHER: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. Aus dem Englischen von Miriam Magall. C.H. Beck, München 2002. 381 S., €26,90.
GAULAND, ALEXANDER: Anleitung zum Konservativsein. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart / München 2002. 136 S., €16,90.
HÖLSCHER, JENS (HRSG.): 50 years of the German Mark. Palgrave, Basingstoke 2002. 229 S., £47,50.
KARLSCH, RAINER/ ZEMAN, ZBYNEK: Urangeheimnisse. Das Erzgebirge im Brennpunkt der Weltpolitik 1933 – 1960. Ch. Links Verlag, Berlin 2002. 320 S., €19,90.
KREYE, ANDRIAN: Berichte aus der Kampfzone. Die globalisierte Welt und ihre Rebellen. Droemer Verlag, München 2002. 286 S., €19,90.
LEIST, SUSANNE / WINTER, ROBERT (HG.): Retail Banking im Informationszeitalter. Integrierte Gestaltung der Geschäfts-, Prozess- und Applikationsebene. Springer-Verlag, Berlin 2002. 439 S., €49,95.
LUTHER, MARTIN: Das Buch der Bücher. Die Luther-Bibel von 1534. Vollständiger Nachdruck mit einem Beiheft von Stephan Füssel. Taschen Verlag, Köln 2002. Zwei Bände 1824 S., Beiheft 64 S., zusammen €99,99.
MORRISON, JACK G.: Ravensbrück. Das Leben in einem Konzentrationslager für Frauen 1939 bis 1945. Aus dem Amerikanischen von Susanne Klockmann. Pendo Verlag, Zürich 2002. 367 S., €24,90.
PREUß, ULRICH K.: Krieg, Verbrechen, Blasphemie. Wagenbach Verlag, Berlin 2002. 160 S., €17,50.
SCHLAG; EVELYN: Brauchst du den Schlaf dieser Nacht. Gedichte. Zsolnay-Verlag, Wien 2002. 117 S., Sfr. 27,90.
SCHMIDT, KATHRIN: Koenigs Kinder. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002. 344 S., €22,90.
SCHWÖBEL, GERLIND: Nur die Hoffnung hielt mich. Lembeck Verlag, Frankfurt am Main 2002. 367 S., €14.
SPINELLI, BARBARA: Der Gebrauch der Erinnerung. Europa und das Erbe des Totalitarismus. Antje Kunstmann, München 2002. 440 S., €24,90.
STROHMEYR, ARMIN: Annette Kolb. Dichterin zwischen den Völkern. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002. 336 S., €22,50.
WAGNER, BRUNO: Burn Rate. Wie Fondsmanager unser Geld verbrennen. Droemersche Verlagsanstalt, München 2002. 288 S., €22,90.

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