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Produkte der Kulturindustrie

Mit Formaten wie „CSI“ oder „Star Trek“ beschäftigt sich der Band „Zum aktuellen Stand des Immergleichen“

© Die Berliner Literaturkritik, 16.02.09

 

BERLIN (BLK) – Im Dezember 2008 ist im Verbrecher Verlag der Band „Zum aktuellen Stand des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie – vom Tatort zur Matrix“, herausgegeben von Karin Lederer, erschienen.

Klappentext: Nicht ob Kulturindustrie heute noch funktioniert, sondern wie, dieser Frage gehen die Texte in diesem Sammelband nach. Sie beschäftigen sich unter anderem mit der Krimireihe „Tatort“, den Serien „Star Trek“, „CSI“ und „Desperate Housewives“, sowie den Filmen „Spiderman“ und „Herr der Ringe“. Diese Produkte der Kulturindustrie werden einerseits als Ausdrucksformen gesellschaftlicher Verhältnisse kritisiert. Andererseits aber nehmen die Beiträge bei aller notwendigen Kritik an Schematismus und Standardisierung auch den der Kulturindustriekritik immanenten Bezug auf die Besonderheiten des Materials und dessen geschichtliche und gesellschaftliche Spezifik ernst. Mit Beiträgen von Tobias Ebbrecht, Renate Göllner, Karin Lederer, Florian Ruttner und Gerhard Scheit.

Karin Lederer hat unter anderem die Ferengi studiert, ist Mitherausgeberin der "Broschüre Goldhagen und Österreich. Ganz gewöhnliche ÖsterreicherInnen und ein Holocaust-Buch" (1998) und freiberufliche Lektorin in Wien. (jud)

Leseprobe:

© Verbrecher Verlag ©

Der Pilot

Florian Ruttner, Tobias Ebbrecht und Karin Lederer

 

Einleitungen und „Pilotfolgen“ von Fernsehserien stehen salopp gesagt vor einem ähnlichen Problem. Zwar wird nach misslungenen Einleitungen nicht, wie bei erfolglosen Pilotfolgen, nach denen die anschließende Serie abgesetzt wird, das folgende Buch gleich wieder eingestampft, und insofern stehen Autoren von Einleitungen weniger unter Druck als Autoren von Serienpiloten, aber es ist doch ihre Aufgabe, das Gemeinsame, das die einzelnen Beiträge verbindet, herauszustellen (gerade bei einem Sammelband), genauso wie die Piloten die Grundlage der noch zu entfaltenden Handlung legen und die verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten von Figuren und Konflikten andeuten müssen.

In den Beiträgen dieses Buches geht es um die Darstellung und Analyse von Elementen der verschiedenen Erscheinungsformen der Kulturindustrie, wobei der Schwerpunkt auf den audiovisuellen Massenmedien Film und Fernsehen liegt. Das sie vereinigende Band ist also der Begriff der Kulturindustrie, wie er von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ geprägt wurde.

(...)

In seinem „Versuch die Kulturindustrie zu verstehen“ geht es Gerhard Scheit im ersten Beitrag des Buches einerseits um die Kritik der Kulturindustrie im Horizont der modernen Literatur, andererseits um die Kritik der deutschen Ideologie in der heimischen Produktion vor dem Hintergrund der westlichen Schrittmacher. Während Becketts „Endspiel“ die Deformationen vorführt, „die den Menschen von der Form ihrer Gesellschaft angetan werden“ (Adorno), üben US-Sitcoms wie „King of Queens“ durch die Deformationen hindurch, die sie affirmieren, zivilisatorische Standards ein, wie sie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe kapitalistischer Warenproduktion jeweils möglich sind. Anders die deutsche „Tatort“-Industrie: deren Kommissare ermitteln im Auftrag der Volksgemeinschaft und darum sind hier selbst die zivilisatorischen Standards vergiftet. Die Frage, der in diesem Beitrag nachgegangen wird, ist also auch, auf welche Weise die kulturindustriellen Konsumenten sich jeweils mit politischen Instanzen identifizieren. So eröffnet Gerhard Scheit die Kritik des Staats auf diesem Gebiet – und kann dabei auf moderne Kunst und Literatur am wenigsten verzichten.

Tobias Ebbrecht rekonstruiert die Kritik der Kulturindustrie von Adorno und Horkheimer vor ihrem zeitlichen Hintergrund als Reflexion der Tendenzen in der Kultur Nazideutschlands und den Vereinigten Staaten als Exilland. Der Beitrag versucht, in amerikanischen Filmen der 40er Jahre hinter den Standardisierungstendenzen Momente der Reflexion über Geschichte und Gesellschaft aufzuzeigen. Gleichzeitig diskutiert er am Beispiel der amerikanischen und deutschen Populärkultur und ihrem Verhältnis zur Geschichte, inwieweit die „Schemata der Kulturindustrie erst in der Postmoderne zu sich selbst kommen“.

Die von Karin Lederer untersuchte, in der Kulturindustrie dargestellte Zukunft erscheint (in ihren positiven Varianten) als relativ konfliktfrei entstandenes „elektrifiziertes Schlaraffenland mit regem Wissenschaftsbetrieb“, bevölkert von folkloristischen Multi-Kulti-Männern, -Frauen und -Aliens. Im – nach eigenen Angaben – humanistischen und multikulturellen „Star-Trek“-Universum soll Aufklärung und Utopie betrieben werden. Je konkreter und konstruktiver die Utopie sich jedoch geriert, umso mehr tendiert sie dazu, autoritär zu werden oder zumindest das Bestehende zu affirmieren. „Vom utopischen Anspruch in der Science Fiction“, vom Umgang mit Kapitalverhältnis und Religion, und von den Möglichkeiten und Grenzen eines in erster Linie US-amerikanischen Genres, das es in Deutschland in der Form nicht einmal gibt, handelt der Text, der mit einem Zitat Dr. McCoys vom Raumschiff Enterprise titelt: „Hoffen? Sie halten doch die Hoffnung für einen menschlichen Fehler, Mr. Spock?“

Florian Ruttner untersucht in seinem Beitrag „CSI, Dupin und Holmes. Über die Wandlung der Rationalität in der Detektivgeschichte“ die Veränderung der Darstellung von Vernunft in den Geschichten von Edgar Allen Poe und Arthur Conan Doyle auf der einen, und der Fernsehproduktion „CSI“ auf der anderen Seite. Dabei wird der Siegeszug einer instrumentellen Vernunft nachgezeichnet, der das Mittel zum Selbstzweck wird.

Renate Göllner legt anschließend dar, warum die Desperate Housewives „Judith Butler vorzuziehen sind und sie dennoch dabei einschläft“. Die amerikanische Feministin Judith Butler hat bekanntlich keinen Begriff davon, dass diese Gesellschaft im innersten aus den stummen Zwängen kapitalistischer Verwertung besteht und in letzter Instanz durch die Androhung von Gewalt zusammengehalten wird. Die „Desparete Houswives“ hingegen, logische Fortsetzung von „Golden Girls“ und „Sex and the City“, kommen um solche Erkenntnisse nicht so einfach herum. Bei ihrer Beschäftigung mit Kulturindustrie und dem Geschlechterverhältnis stößt die Autorin auf eine verkehrte Welt: an der Universität triumphiert im poststrukturalistischen Jargon die Kulturindustrie; im Fernsehen hingegen findet die Reflexion statt – freilich nur so weit, wie sie in dieser Gesellschaft ohne Einbuße an Erfolg eben möglich ist.

Dem Zusammenhang zwischen autoritärem Charakter, dem ihm eigenen Schicksalsglauben, seiner Sehnsucht nach dem Opfer und der Kulturindustrie geht Florian Ruttner in seinem zweiten Text nach. Generell etwas verwundert über den Hype zweier Filme, die trotz sehr verschiedener Settings ähnliche Bedürfnisse ansprechen, stieß er auf einer rechtsextremen Homepage auf Fans dieser Filme, was ihn zur Frage trieb, „warum es kein Zufall ist, dass Neonazis ‚Herr der Ringe’ und ‚Matrix’ mögen.“

© Verbrecher Verlag ©

Literaturangaben:
LEDERER, KARIN (Hg.): Zum aktuellen Stand des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie – vom Tatort zur Matrix. Verbrecher Verlag, Berlin 2008. 224 S., 15 €.

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