„Ich werde an mir selbst zugrunde gehn. / Ich, das sind zwei, ein Möchte sein und Bin – / Und jenes wird zum Schlusse dies erwürgen“, so beginnt Christian Morgenstern sein Gedicht „Entwickelungsschmerzen“. Über Messies, also im Allgemeinen über Menschen, die verwahrlosen und ihre Wohnung vermüllen, gibt es immer wieder Medienberichte, die den „Normalbewohner“ schaudern lassen, ihm ein Kopfschütteln wert sind und das wohlige Befinden in ihm auslösen: „Ich bin kein Messie.“ Doch Vorsicht! In Deutschland leben mehr als eine Million Menschen, die, so der Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms, Blomberg, Symptome von „zwanghaftem Horten“ aufweisen. Sie sind nicht mehr in der Lage, das für eine Selbststabilisierung notwendige gewohnheitsmäßige Handeln, also ihre Zeit und räumliche Umgebung in ihrem Alltag zu organisieren. Diese Form einer chronischen Desorganisation wird als Messie-Syndrom bezeichnet.
In der Verhaltensforschung und Psychotherapie wurde diese Handlungsblockade lange nicht ernst genommen. Erst seit einigen Jahren gibt es Erkenntnisse, die vor allem aus den USA kommen, dass Messies eben nicht nur die Wohnung vermüllen, sondern auch sich und ihre soziale Umgebung gesundheitlich und gesellschaftlich schädigen. Der (schleichende und von den Betroffenen selten wahrgenommene) Verfall von Persönlichkeitsstrukturen, Isolation, bis hin zu aggressiven und schizophrenen Verhaltensweisen, sowie Umdefinitionen von materiellen und geistigen Werten, das sind Auswirkungen des Messie-Syndroms. Weil ein „Messie“ die Symptome meist selbst nicht erkennen kann oder will, weil es sich eben um eine zwanghafte, suchtartige Krankheit handelt, ist es wichtig, dass Angehörige, Freunde und Nachbarn wissen, wie ein Messie-Syndrom, vielleicht sogar bereits bei der Entstehung erkannt werden kann. Da sind erst einmal die Störung der Aufmerksamkeitsorganisation, der Selbstorganisation, des Bio-Rhythmus und die Impulsivität zu nennen.
Wenn Messies also Menschen mit gestörten und blockierten Verhaltensformen sind, die sich aus ihrer Krankheit nicht selbst befreien können, bedarf es einer Therapie. Es gibt mittlerweile, auch in deutscher Sprache eine Reihe von Ratgebern, die darüber Auskunft geben, wie dem Messie-Syndrom begegnet werden kann. Wenn sie seriös und kompetent verfasst sind, zeigen sie Schritte auf, die von der Selbstwahrnehmung über die Selbstdiagnose bis hin zur Therapie reichen. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile Selbsthilfegruppen und Einrichtungen, wie etwa die Anonymen Messies, analog zu den Anonymen Alkoholikern und anderen Suchterkrankten, die sich in Selbsthilfegruppen zusammentun und ihre Verhaltensstörungen gemeinsam zu bewältigen versuchen. Als Erkennungsmerkmale für Messies kann gelten, dass es sich um Menschen handelt, die sich über einen langen Zeitraum blockiert und gehemmt fühlen, die in vorgefassten Ideen verhaftet bleiben, die in einmal gelernten Gedanken und Reaktionen festgefahren sind, die keinen Anfang und kein Ende kennen.
Wenn man davon ausgeht, dass es bei Messies überhaupt nichts nützt, sie erzieherisch, moralisch oder gar mit Zwangsmaßnahmen von ihrem Verhalten abzubringen, ist zu fragen, welche Therapien denn helfen können, das Messie-Syndrom zu bewältigen. Wie bei fast allen Suchterkrankungen kommt es darauf an, dass die Süchtigen in die Lage versetzt werden, ihr Problem selbst zu erkennen und bereit werden, es zu lösen. Vertrauen zu sich selbst erwerben und in andere setzen zu können, das ist, wie die amerikanischen Psychologen und Psychotherapeuten Fugen Neziroglu, Jerome Bubrick und Jose A. Yaryura-Tobias zum Ausdruck bringen, ein Weg zur Lösung ihrer Zwangsstörung. Es geht also darum, sich erst einmal selbst auf den Weg zu machen, um dem Messie-Syndrom Herr zu werden. Dazu können Fragebögen helfen, die eine Selbsteinschätzung und eine Selbstreflexion in Gang bringen. Wichtig ist dabei, das wurde bereits oben erwähnt, hier nicht mit dem „Therapiehammer“ dran zu gehen, sondern mit einer Methode, die aus der kognitiven Verhaltenstherapie stammt und unsere Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen bewusst macht, sie für die jeweilige Situation ins Spiel bringt, eine positive, negative oder neutrale Bewertung ermöglichen will sowie die Gefühle, Körperreaktionen und Verhaltensweisen wirken zu lassen. Dabei ist es freilich notwendig, beim Erkennen des Messie-Syndroms andere Verhaltensformen zu unterscheiden und nicht „das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Wenn also das Messie-Syndrom als „zwanghaftes Horten“ bezeichnet wird, kommt es darauf an, zwischen „Sammeln“ und „Horten“ zu unterscheiden; eine freilich nicht ganz leichte Aufgabe, denn wer von uns hat nicht irgendwann schon mal beinahe „triebhaft“ gesammelt – es gibt nichts, was Menschen irgendwann, irgendwo und irgendwie nicht sammeln – so dass aus einer „Sammelleidenschaft“ auch eine Form wird, die Leiden schafft. Beim Messie-Syndrom kann es sich um eine zwangsneurotische Persönlichkeitsstörung (OCPD) handeln, die dazu führt, „dass eine Person mehrere Wesenszüge oder Charaktereigenschaften aufweist, die seelische Leiden verursachen, zwischenmenschliche Beziehungen beeinträchtigen oder sich anders negativ auswirken können“. Es kann sich auch in Form einer zwanghaften Verhaltensstörung zeigen, die sich als Depression geltend machen.
Nun ist natürlich jemand, der die Zeitungen und Illustrierten über mehrere Wochen aufbewahrt und sie auf dem Fußboden stapelt, noch kein Messie; „aber wenn bei Ihnen die Zeitungen, die sich in einem halben Jahr angesammelt haben, auf dem Fußboden des Wohnzimmers verstreut liegen, sodass Sie Mühe haben, vom einen zum anderen Ende des Raumes zu gelangen“, sollten Sie aufmerksam auf ihr „Sammel“-Verhalten werden. Um zu erkennen, wie sich der schmale Grat zwischen Sammeln und Horten verwischt, zeigen die Autoren verschiedene Aspekte des Messie-Syndroms auf: biologische und soziologische.
Im zweiten Teil des Buches gehen sie der Frage nach, warum jemand Dinge hortet. Daraus entstehen bestimmte Charaktereigenschaften von Messies. Die einzelnen Merkmale sind immer mit Fragebögen versehen, die man auch als „Hilfen zur eigenen Entdeckung“ bezeichnen kann. Im dritten Teil wird nach Gründen gesucht, die es einem Messie angeraten sein ließen, sich in eine Therapie zu begeben. Und weil der Schritt von der Absicht hin zur Realisierung gerade für Suchtgefährdete meist schwer begehbar ist, informieren die Autoren über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten, die den Patienten in die Lage versetzen, sich auf „Augenhöhe“ in eine Therapie zu begeben und die „kognitiven Strategien“ kennenzulernen, die den Messie von seinem Zwangsgedanken – „Ohne meinen Kram bin ich nichts“ – wegbringen können. Erst jetzt könnte ein Ratgeber erfolgreich sein, nämlich an den vorher unmöglich zu denkenden Gedanken heran zu gehen: an die fünf Schritte zum „Ordnung schaffen“, sich auf den Rat einzulassen: „Wie Sie sich besser organisieren“ und die Mahnung anzunehmen: „Ordnung halten und Rückfälle vermeiden“. Denn wie bei jeder Suchttherapie bleibt es nicht aus, dass ein Messie wieder in den alten Trott verfallen kann und erneut anfängt Kram zu horten. Dann gilt es, mit den Rückfällen fertig zu werden und wieder anzufangen mit Ordnung halten: „Kämpfen Sie sich durch“ – weil es nur dann gelingen kann, aus dem Chaos heraus zu kommen, wenn der Messie sich selbst in seiner gestörten Persönlichkeitsstruktur erkennt, sich „in den Griff zu bekommen“ und andere ihm dabei hilfreich zur Seite stehen. Das Buch „Raus aus dem Chaos“ könnte ein Wegweiser dafür sein.
Literaturangaben:
NEZIROGLU, FUGEN / BUBRICK, JEROME / YARYURA-TOBIAS, JOSE A.: Raus aus dem Chaos! Das Messie-Syndrom überwinden. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Angelika Beck. Patmos Verlag, Düsseldorf 2008. 175 S., 18 €.
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