HAMBURG (BLK) – Im März 2010 hat der Verlag Hoffmann und Campe Betina González’ „Nach allen Regeln der Kunst“ herausgegeben.
Klappentext: Nach allen Regeln der Kunst hat sich Fabio Gemelli durchs Leben gemogelt - als mittelmäßiger Bildhauer, untreuer Ehemann und schlechter Vater. Etliche Jahre nach seinem Tod stößt seine Tochter Claudia zufällig auf eine seiner Skulpturen, die er offenbar einer ehemaligen Geliebten vermacht hat. Neugierig geworden, beginnt Claudia, die Lebensgeschichte ihres Vaters zu rekonstruieren. Sie nimmt Kontakt mit weiteren Geliebten auf, um mehr über ihn zu erfahren. Doch jede der Frauen hat ihre eigene Wahrheit. Betina Gonzalez erzählt von der Suche einer Tochter nach ihrem Vater, bei der so manches „Wunschbild“ auf der Strecke bleibt. Ihr Roman ist aber nicht zuletzt auch als kritische Parabel auf Argentinien zu lesen, das nach Größe strebt und an seinen Untugenden scheitert.
Betina Gonzalez wurde 1972 bei Buenos Aires geboren und hat bisher Erzählungen und Gedichte veröffentlicht. Sie studierte Kommunikationswissenschaften an der Universität von Buenos Aires, wo sie in der Forschung und als Dozentin arbeitete. An der Universität von Texas in El Paso studierte sie Creative Writing. 2006 wurde ihr Roman mit dem renommierten Premio Clarin ausgezeichnet. Betina Gonzalez lebt und arbeitet in Pittsburgh, USA. (jos)
Leseprobe:
©Verlag Hoffmann und Campe©
Mein Vater hat oft gesagt, jeder in unserer Familie leide unter irgendeiner Art von Essstörung. Und es stimmt, dass meine Schwester und ich die Gefräßigkeit unserer Mutter geerbt haben. Krügeweise Milch, Schokolade, Reisspeisen und mit Vorliebe Äpfel. Er dagegen nahm manchmal den ganzen Tag nichts als Graubrot und Oregano zu sich. Sein eigener Vater war entgegen allen medizinischen Prognosen dank einer strengen Speiseeis- und Hustensaftdiät über die letzten Winter gekommen, was ihn allerdings nicht davor bewahrt hatte, schleichend an Magenkrebs zu sterben. Vielleicht gingen wir deshalb jahrelang davon aus, meinem Vater würde es einmal genauso ergehen. Doch der hatte seine Methoden, Erwartungen zu enttäuschen, die wie eine Hypothek des Körpers oder Geistes über ihm schwebten. Also ist er auf besonders absurde Weise gestorben, nämlich indem er die Avenida del Libertador überquerte, ohne auf die Ampel zu achten. Ich bin mir fast sicher, er hat das mit Absicht getan - und sei es nur, um eine entfernte Verwandtschaft zu Gaudi herzustellen. Was auch immer es war, Zerstreutheit oder Vorsatz, eins wie das andere hätte ihm ein stolzes Lächeln entlockt.
Natürlich hätte er nie eine Sagrada Familia als guten Grund für seine Schusseligkeit anführen können. Das Einzige, was er als Bildhauer zuwege gebracht hat, ist ein Standbild vom Unbekannten Soldaten, das man auf dem lehmigen Friedhof San Martin platziert hat, wo die Toten, mit tristen Passfotos und eitlem Tand versehen, dicht an dicht in ungeordneten Parzellen liegen. Es ist schon Ironie genug, dass er nur ein paar Meter entfernt von seinem Meisterwerk aus Bronze ruht.
Die Nachricht seines Todes erreichte uns spät, da lag er schon einen ganzen Tag lang bewusstlos im Rivadavia-Krankenhaus. Ich hatte ihn ohnehin lange nicht gesehen. In dem Moment, als ich erfuhr, dass er überfahren worden war, zeichneten sich weder seine Gesichtszüge scharf vor meinem inneren Auge ab noch die Situation, bei der ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, an dem Tag, an dem er endgültig von zu Hause ausgezogen war, den gelben Taunus bis obenhin vollgestopft mit Werkzeug, Gips und irgendwelchem Kram und mit der dampfenden Schüssel frischgekochtem Mittagessen auf dem Beifahrersitz. Nein. Alles, was mir in dem Augenblick in den Sinn kam, war ein Schokoriegel.
Oft hatte ich gehört, wie er in mein Zimmer kam und irgendetwas Süßes auf den Nachttisch oder unter mein Kissen legte. Manchmal hatte er es sogar eingepackt, ein nicht zu vernachlässigendes Detail, wenn man bedenkt, wie sparsam er in seinen Gesten war. Ich weiß noch, wie er mich einmal mit einem Kärtchen überraschte, auf dem „Für Claudia“ stand, mit einer Karikatur von mir und meiner Lieblingskatze.
Er kam immer spät nach Hause, trieb sich in der Kneipe herum oder im Schachklub, wo er lediglich Billard spielte (das Esszimmerregal trug neben allen möglichen unnützen Dingen eine lange Reihe seiner Stadtteilpokale). Auf Partys oder an Karneval tanzte er ständig mit anderen, denn seiner Frau wollte - falls er sie dazu überreden konnte - kein einziger Schritt glücken. Meist sah sie ihm nur von irgendeiner Ecke aus zu und biss sich auf die langgezogenen, dünnen Lippen, die von Zornesfalten umrankt waren wie von einer liebevollen, starken Kletterpflanze, die wir nur zu gern erklommen hätten.
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Literaturangabe:
GONZÁLEZ, BETINA: Nach allen Regeln der Kunst. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2010. 192 S., 18 €.
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