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Schriftsteller im 2. Bildungsweg

Georg-Büchner-Preis an den ehemaligen Elektromechaniker

© Die Berliner Literaturkritik, 09.07.10

Von Inga Radel

DARMSTADT (BLK) - Der letztjährige Preisträger Walter Kappacher ist gelernter Motorradmechaniker, Reinhard Jirgl Elektromechaniker: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat den Georg-Büchner-Preis erneut an einen Schriftsteller mit ungewöhnlichem Karriereweg vergeben. Der 1953 in Ost-Berlin geborene Jirgl, aufgewachsen bei den Großeltern in der Altmark im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte später Elektronik an der Berliner Humboldt-Universität. Allerdings verfasste er schon zu der Zeit Prosaarbeiten. 1978 gab er eine Anstellung als Ingenieur auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.

Seinen Unterhalt verdiente sich der Sohn zweier Dolmetscher als Beleuchtungs- und Servicetechniker der Berliner Volksbühne. Das blieb er bis 1996, ehe er sich – nach langen Jahren der Nicht-Beachtung und des Schreibens für die Schublade – als freier Schriftsteller niederließ. In der DDR hatte er keine Chance, zu publizieren. Als er 1985 sein erstes umfangreiches Manuskript „Mutter Vater Roman“ beim Aufbau-Verlag Berlin einreichte, wurde ihm eine „nichtmarxistische Geschichtsauffassung“ vorgeworfen und die Veröffentlichung verweigert.

Einen Förderer hatte der in der Fachkritik als „extremer Einzelgänger“ beschriebene Jirgl in dem Dramatiker und Regisseur Heiner Müller. „Zu genau war Reinhard Jirgls Blick auf die Verhältnisse im Staat, zu drastisch waren seine historischen Vergleiche, als dass er in der DDR hätte publizieren können“, heißt es im „Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ (2003). In aller Heimlichkeit schrieb Jirgl weiter. Bis zur Wende lagen sechs fertige Manuskripte vor, ohne dass ein einziges veröffentlicht worden war.

In der Nachwende-Zeit 1990 konnte Jirgls erstes Buch „Mutter Vater Roman“ in einem von Gerhard Wolf edierten Literaturprogramm beim Aufbau-Verlag erscheinen. Weitere drei der bereits fertigen Bücher folgten. Die Wende in der öffentlichen Wahrnehmung kam 1993, als Jirgl für das Manuskript seines fünften Romans „Abschied von den Feinden“ mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde und Autor des Carl Hanser Verlags wurde.

„Abschied von den Feinden“ wurde bei seinem Erscheinen 1995 als „literarisches Ereignis“ vom Feuilleton gefeiert. Es lobte Jirgl als großen epischen Erzähler dieser Zeit, der eine komplizierte Familiengeschichte in die nicht weniger verwickelte Geschichte des geteilten Deutschland hineinschrieb. Zuvor war der sprachmächtige 57-Jährige von Kritikern auch als Nachkomme des Expressionismus oder als Erbe Brechts, Döblins oder Heinrich Manns bezeichnet worden.

Zuletzt erschien das monumentale 533 Seiten langes Epos „Die Stille“, für das Jirgl 2009 für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hebt in ihrer Würdigung auch den Roman „Die Unvollendeten“ (2003) heraus. Jirgl erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen: So bekam er etwa 1999 den Josef-Breitbach-Preis, 2003 den Kranichsteiner Literaturpreis, 2006 den Bremer Literaturpreis und 2009 den Lion-Feuchtwanger-Preis. Außerdem war er im Jahr 2007 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim und ist seit 2009 Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung.

Literaturangabe:

JIRGL, REINHARD: Die Stille. Carl Hanser Verlag, München 2009. 533 S., 24,90 €.

Weblink:

Infos zum Büchner-Preis

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Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung , Glückert-Haus, Alexandraweg 23, 64287 Darmstadt


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