Werbung

Werbung

Werbung

Havemann: unangepasster Kommunist

Die Sondernummer der Zeitschrift „europäische Ideen“

© Die Berliner Literaturkritik, 17.11.10

Von Volker Strebel

Zum 100. Geburtstag von Robert Havemann hatte es sich Andreas W. Mytze nicht nehmen lassen, im Jahr 2010 ein Havemann-Sonderheft vorzulegen. Seit nahezu vierzig Jahren gibt der Solitär Andreas W. Mytze die Zeitschrift „europäische ideen“ heraus. Da sich die Thematik dieser Hefte mit den ideologischen Schrecken des 20. Jahrhunderts beschäftigen, kreuzten sich bald die Wege mit Robert Havemann. Als im Zuge der Biermann-Ausbürgerung im November 1976 das Ministerium für Staatssicherheit begann, Havemanns Grundstück in Grünheide gegen fremde Besucher abzuriegeln, war Andreas W. Mytze der letzte westliche Besucher, der ihn noch hatte sprechen können.

Zweieinhalb Jahre dauerte dieser Belagerungszustand um Havemanns Haus, der zeitweilig bis zu zweihundert Einsatzkräfte gebunden hatte. Der einst von Roland Freisler zum Tode verurteilte Antifaschist Havemann war zum prominentesten Regimekritiker der DDR geworden! Im Sonderheft „Robert Havemann 100“ liegen neben einem Interview mit der Havemann-Witwe Katja würdigende Zusammenfassungen von Freunden wie Udo Scheer oder Manfred Wilke vor. Fragen zu Havemanns Haftzeit während der Nazizeit kommen in einem Briefwechsel der ehemaligen Haftkameraden Walter Uhlmann und Robert Havemann zu Wort. Der Havemann-Forscher Bernd Florath geht in seinem Beitrag einer fragwürdigen Schilderung nach, wonach Havemann in den späten 1970er Jahren an illegalen Kunstschiebereien beteiligt gewesen sein soll. Ein ehemaliger politischer Gefangener der ČSSR hatte dies in seinen 2009 veröffentlichten Erinnerungen behauptet. Einer der profundesten Kenner der Aktenlage des tschechischen Geheimdienstes, der Prager Zeitgeschichtler Tomáš Vilímek widerlegt in seiner beigesteuerten Studie „In den Fängen von Fälschungen und Legenden“ so minutiös wie kompetent die komplette Haltlosigkeit derartiger Vorgänge.

 Daß im Lager jener politischen Linken, die mit der DDR sympathisieren, derlei Unterstellungen allzugerne aufgegriffen werden, ist besonders aufschlussreich. Bereits zu Havemanns Lebzeiten waren in Tschekisten-Manier Lügen und Halbwahrheiten gestreut worden, um einen der mutigsten Kritiker des „real existierenden Sozialismus“ zu diskreditieren.

Auch über die Wirkungsgeschichte des Havemannschen Denkens über die Grenzen der DDR hinaus finden sich wichtige Anhaltspunkte. Francisco José Martínez schreibt darüber in seiner Skizze „Die spanische Rezeption des Werkes von Robert Havemann“. Havemann lag der freundschaftliche Kontakt zu den westeuropäischen kommunistischen Parteien besonders am Herzen. Aus einem von der Stasi aufgezeichneten Telefongespräch mit Jürgen Fuchs – ebenfalls im Sonderheft als Faksimile abgedruckt – geht Havemanns dringender Wunsch nach einem italienischen Rechtsanwalt hervor. Fuchs hatte darüber wiederholt mit dem Havemann Freund Lucio Lombardo-Radice, einem Mitglied des ZK der italienischen Kommunisten, gesprochen.

 Auch in anderer Hinsicht sind die Faksimile-Dokumente im Anhang dieses Sonderheftes aufschlussreich. Sie reichen von Stasi-Überlegungen anlässlich einer Krankenhauseinlieferung Robert Havemanns bis hin zu Meldungen über die Lage auf dem belagerten Grundstück in Grünheide.

Ebenfalls im Dokumententeil finden sich Briefe von Robert Havemann an die Schriftsteller Günter Grass und Frank-Wolf Matthies, an die alten Freunde Manfred und Karin Wilke sowie an eine dänische Gruppe von Amnestie International, die sich für Havemann engagiert hatte.

Zeitlebens hatte Robert Havemann zahlreiche Freunde, Bekannte und Kollegen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, mit denen er in kritischem Austausch stand. Die Robert-Havemann-Gesellschaft hat nach jahrelanger akribischer Sortierarbeit der Havemann-Experten Werner Theuer(†) und Arno Polzin ein umfangreiches Bestandsverzeichnis über Havemanns Archiv vorgelegt. Dabei wurden sowohl das Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft sowie der Bestand des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR zusammengefasst. Der interessierte Zeitgenosse wie auch Wissenschaftler erhalten somit Einblick in Robert Havemanns Archiv und nicht zuletzt aufgrund einer sauber erarbeiteten Personenübersicht wie einem Decknamen- und Personenverzeichnis Zugang zu den Havemann-Beständen der Staatssicherheit.

„Robert Havemann 100“, Sonderheft der „europäischen ideen“. London 2010. 76 S., 6 €

THEUER, WERNER; POLZIN, ARNO (Hg.) „Aktenlandschaft Havemann“. Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2008. 576 S., 25 €

 ISBN 978-3-938857-07-6

 


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: