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Eine nachtschwarze Bilanz

„Romanzo criminale“ - Ein Politthriller von Giancarlo de Cataldo

© Die Berliner Literaturkritik, 14.06.10

Von Roland H. Wiegenstein

Giancarlo De Cataldo (geboren 1960), im Zivilberuf Richter an einem römischen Berufungsgericht, gehört zu den wichtigsten italienischen Autoren anspruchsvoller Kriminalromane. Hierzulande ist er freilich weniger bekannt, als es etwa Leonardo Sciascia, Fruttero/Lucentini, Andrea Camilleri oder Gianrico Carofigli sind – allesamt Autoren aus den italienischen Provinzen. Jeder von Ihnen, ob er nun den fernsehnotorischen Commissario Montalbano zum Helden wählte (wie der wunderbare Sizilianer Camilleri), oder den schlauen Anwalt Guerrieri, den Carofiglio im apulischen Bari verteidigen lässt, beschäftigt sich mit dem Einzelfall: den Verbrechen eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe. Am Ende steht die Aufklärung – der „Fall“ wird gelöst. Das befriedigt den Krimileser. Nur bei Sciascia geht es nicht ganz auf, der Leser wird verunsichert. De Cataldo wirkt wie sein Nachfahre. Womöglich am deutlichsten in seinem über fünfhundert Seiten starken „Romanzo criminale“, einem Buch, das in Italien bereits 2002, aber nun erst in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Darin geht es nicht um den einzelnen Ermittler (es gibt einen, aber dieser Kommissar Scialoja ist selbst eine ambivalente Figur), sondern um eine ganze kriminelle Bande, die von 1977 bis 1992 in Rom eine Art Konzern des Verbrechens aufbaut: Drogen, Waffen, Glücksspiel, Prostitution und – wenn es sein muss – Mord. Vorbild war die historische „Bande der Magliana“, die unschädlich zu machen es über ein Jahrzehnt dauerte. De Cataldo hat gleichwohl keinen Dokumentarbericht oder Schlüsselroman geschrieben, sondern ein Panorama, das der Kollege Camilleri als ein „gigantisches Fresko einer globalen Niederlage, einer Niederlage nicht nur seiner Protagonisten, sondern unserer Gesellschaft insgesamt“ bezeichnet hat.

Das beginnt eher bescheiden mit der Zusammenrottung einiger verwahrloster junger Männer aus den römischen Vorstädten, deren Anführer ihnen eine gewisse Disziplin beibringen: bloßer Autoklau oder Kleinverkauf von Heroin und Kokain – das bringt nicht genug; man braucht eine Organisation, die für Nachschub sorgt, eventuelle Konkurrenten ausschaltet, Aufgeflogene im Gefängnis unterstützt (damit die sich gute Anwälte leisten können und ihre Familien nicht darben), Politiker, Richter und Staatsanwälte schmiert – alles nach dem Vorbild der Mafia, der sizilianischen „Cosa Nostra“, die sich mit dieser quasi militärischen Ordnung, trotz aller Revierkämpfe auch dann immer wieder „rettet“, wenn Polizei und Gerichte den einen oder anderen Boss aus dem Verkehr ziehen.

Natürlich wollen alle diese Banditen im Luxus leben, reiche Leute werden und mit Geld um sich werfen. Aber zunächst muss ein Vermögen aufgebaut werden, müssen „Ameisen“ rekrutiert werden (die Kleinhändler, die den Stoff vertickern) und „Pferde“, die jeweils in einem bestimmten Quartier diese Ameisen kontrollieren. Es sind vor allem drei junge Kriminelle, die das zuwege bringen: Libanese, Freddo und Dandi. Freunde mit erheblichem Organisationsgeschick und der nötigen Ruchlosigkeit, um „Feinde“ auszuschalten. Um sie scharen sich die „Buchhalter“ und alle anderen Figuren des engeren Kreises, die die Bande am Leben halten.

Was De Cataldos „Romanzo“ besonders macht, ist dessen Gabe, gleichsam „von innen“ dem bösen Spiel zu folgen, in lauter kurzen Kapiteln die Triumphe und Niederlagen dieses infernalischen Kollektivs durch fast zwei Jahrzehnte zu begleiten. So sehr die Typen und ihre hormongesättigten Sexabenteuer, ihre wüsten Späße und ihr moralfreier Umgang mit Schusswaffen den Leser auch entsetzen mögen, er ertappt sich immer wieder bei einer gewissen (eingeschränkten) Sympathie für sie: es ist halt aufregend, dem Aufstieg einer solchen „Kriminellen Organisation“, ihrer Zeit der Dominanz, als sie die Unterwelt von ganz Rom in Atem hält und ihrem trostlosen Niedergang zu folgen. Denn ihre Winkelzüge und Methoden sind einfallsreich, und der Staat, der sie bekämpfen sollte, ist genauso korrupt wie sie. Denn das ist die eigentlich düstere Seite dieser Geschichte von unverschämten Freibeutern aus den Randquartieren der großen Stadt und De Cataldos Gerechtigkeit: die Politik bedient sich der Gangster, mal verfolgt sie sie, mal lässt sie sie gewähren. In der Gestalt des „Vecchio“, des „Alten“ ohne Gesicht, der als eine Art Geheimdienst-Guru die Fäden zieht, hat der Autor eine diabolische Figur geschaffen, die jeden Italiener, der sich nur ein wenig für Politik interessiert, an historische Personen erinnert, die er aus der Presse zu kennen glaubt, ohne dass doch je eine genaue Übereinstimmung auszumachen wäre. De Cataldo hat alles erfunden und doch ist alles wahr. Am Ende sind einige der Protagonisten tot, andere haben sich in ein bürgerliches Leben zurückgezogen, die Bande gibt es nicht mehr, aber Drogen werden immer noch verkauft

Die Politik bekämpft die Kriminalität immer noch nach Opportunität, lässt die, die es mit dem Gesetz Ernst meinen, häufig im Stich und blickt weg, so wie sie das auch bei den „alten“ kriminellen Banden tat: die „Cosa nostra“, die von Sizilien aus ihre weltumspannenden Geschäfte treibt, die Mafia-Organisation „`Ndrangheta“, die vom Kalabrien aus (bis nach Duisburg) ihre Fäden zieht, die „Santa Corona Unita“, die Apulien im Griff hat – sie alle sind historisch verwurzelt, haben schon eine lange Geschichte, die auch eine Geschichte ihrer politischen „Referenten“ ist. Doch der Versuch von De Cataldos sinistren Helden, aus dem Stand, nur mit der Wut und Gier der bösen Jungs aus der Vorstadt, die „alten“ Banden nachzuahmen und das in der Hauptstadt Rom, scheitert. Auch wenn es lange gut gegangen ist.

„Romanzo criminale“ ist nicht nur eine sehr spannende Kriminalgeschichte, es ist eine Abrechnung mit italienischer Politik (in dem die realen Ereignisse alle vorkommen: von den „Roten Brigaden“ und der Ermordung Aldo Moros bis zu dem Finanzskandalen in Mailand, die zum unaufhaltsamen Aufstieg von Silvio Berlusconi geführt haben). Die politischen Koordinaten mögen sich geändert haben, die von der Politik instrumentalisierte kriminelle Energie blieb dieselbe. Insofern ist das Buch auch eine nachtschwarze Bilanz, für deren Protagonisten man fast so etwas wie Verständnis entwickelt. Ich kenne, von Sciascia und Saviano abgesehen, keinen italienischen Autor, der so inständig „das Ganze“ des Zusammenhangs von Politik und Verbrechen am Detail deutlich zu machen versteht.

Karin Fleischandel hat das Buch geziemend deutlich (und zuweilen witzig) übersetzt und die sexistische Sprache der Gangster ohne Furcht vor juvenilem Jargon nachzubilden versucht.

Literaturangabe:

DE CATALDO, GIANCARLO: Romanzo criminale. Folio Verlag, Wien 2010. 575 S., 24,90 €.

Weblink: Folio Verlag


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