Werbung

Werbung

Werbung

Rortyphilosophie

Richard Rortys „Philosophie als Kulturpolitik“

© Die Berliner Literaturkritik, 14.08.08

 

„Je mehr die Philosophie nach Autonomie strebt, desto weniger Aufmerksamkeit verdient sie“

Diesen Standpunkt vertrat der am 4. Oktober 1931 in New York City geborene und am 8. Juni 2007 im kalifornischen Palo Alto verstorbene Philosoph Richard Rorty. In seiner als Hauptwerk geltenden Kritik der Philosophie – „Der Spiegel der Natur“ geht Rorty mit der traditionellen, philosophischen (neuzeitlichen) Auffassung ins Gericht, zwischen Körper und Geist sei eine Unterscheidung geboten.

Seiner Meinung nach könne dabei nicht von einer Spiegelung ausgegangen werden; in einer Gesamtschau, wie sie etwa in der Fundamentalphilosophie grundlegend ist, könne der Spiegel höchstens reflektieren, jedoch nicht die Wirklichkeit wiedergeben. Damit aber sei auch eine Suche nach „Gewissheiten“ obsolet. Vielmehr käme es darauf an, unanfechtbare Argumente zu suchen und diese in das zivilisatorische Gespräch der Menschheit einzubringen.

In seinem letzten Buch, das, so der Verlag in der Ankündigung, „als sein Vermächtnis gelesen“ werden kann, stellt er Aufsätze aus den Jahren 1996 bis 2006 zusammen. Ihm, der nicht in erkenntnistheoretischen Fragestellungen die „richtigen“ Antworten „auf soziale Hoffnungen, Handlungspläne und Prophezeiungen einer besseren Zukunft“ für die Menschheit erwartet, sondern im Interpretieren und Verstehen, also der Hermeneutik, eine Chance erkennt, die Hegelschen und Wittgensteinschen Auffassungen, durchaus pragmatisch, in das „fortwährende Gespräch der Menschheit“ Hier und Heute einzubringen, geht es dabei nicht um ein Postulat, sondern um eine dezidiert kontrastierende Darstellung des philosophischen Denkens und Handelns.

William James und John Dewey dienen ihm dabei als Scharniere und gleichzeitig Schließfächer, um auf die Wechselwirkungen von philosophischem Denken und alltäglichem menschlichen Tun aufmerksam zu machen: „Je mehr es zu Wechselwirkungen zwischen der Philosophie und anderen menschlichen Tätigkeiten kommt, desto größer wird ihre kulturelle Relevanz“.

Rorty gliedert seine Aufsatzsammlung in die Bereiche „Religion und Moral“, dem „Ort der Philosophie in der Kultur“ und „Aktuelle Fragen der analytischen Philosophie“. Im ersten Teil geht es – pragmatisch – um Aspekte der „Kulturpolitik und die Frage der Existenz Gottes“. Seine umstrittene, missverstandene und als Angriff auf Religiosität aufgenommene These, „dass Kulturpolitik an die Stelle der Ontologie treten sollte“, leitet er ab, indem er sich auf James’ Überzeugung bezieht, „das richtige Handeln (der Menschen, J.S.) sei stets dasjenige, das am meisten zum menschlichen Glück beiträgt“; damit sei dann auch diejenige Überzeugung die richtige, die ebenfalls am meisten zum menschlichen Glück beitrage.

Bei dieser Festlegung kommt ihm auch der Neuhegelianer Robert Brandom zu Hilfe, der im Sozialen den Vorrang bei allem menschlichen Denken und Handeln sieht. Weil alles einen Sinn hat, wenn man ihm einen Sinn gibt – so einfach und gleichzeitig hochkompliziert ist die Sache. Deshalb ist sie auch so missverständlich und ideologisch angreifbar.

Im zweiten Text geht es um Pragmatismus als romantischen Polytheismus. Dabei setzt er sich mit Nietzsche auseinander und setzt dessen Gedanken mit denen von James und Dewey in Beziehung. Dabei kommt er zu der interessanten Definition: „Jemand ist ein Polytheist, wenn er glaubt, es gebe keinen wirklichen oder möglichen Gegenstand der Erkenntnis, der es gestatten würde, alle menschlichen Bedürfnisse nach demselben Maß zu messen und in eine Rangfolge zu bringen“.

Damit ist er freilich mitten im Kreuzfeuer von theistischen Fragestellungen, die er mit fünf Thesen untermauert und mit dem pragmatischen Plädoyer verbindet: Pragmatismus und Religion vertragen sich miteinander. Im dritten Aufsatz geht es um die uralte wie aktuelle Frage: „Gerechtigkeit als globale Loyalität“. Wenn es denn stimmt, dass „demokratische Institutionen und Freiheiten nur dann lebensfähig sind, wenn sie von einem wirtschaftlichen Wohlstand getragen werden“, dann muss das Auswirkungen darauf haben was wir heute „Good Governance“ nennen und auf ein globales, demokratisches Verständnis von Gerechtigkeit und Loyalität.

Die erkennbar unversöhnlichen Gegensätze der kantianischen und nichtkantianischen philosophischen Schulen ließen sich, so Rorty, vielleicht mit der Annahme überbrücken, dass „die Forderungen der Gerechtigkeit nichts anderes sind als die Forderungen einer weiterreichenden Loyalitätsbeziehung“. Im vierten Text im ersten Teil, den er mit „redliche Irrtümer“ titelt, geht es dem Autor darum, die Frage nach den „richtigen“ Wahrheiten und Standpunkten zu stellen. Dabei bezieht er Front gegen die von Kant formulierte „Auffassung, abweichende politische Meinungen seien ein Symptom moralischen Versagens“ und „Moralität sei davon abhängig, dass man Prinzipien gehorcht, deren Wahrheit allen Vernunftwesen von selbst einleuchtet“.

Dass diese Form von Moralität im Laufe der Menschheitsgeschichte, bis heute, zahlreiche Irritationen, Irrungen und Wirrungen in die Welt gebracht hat, bedarf keiner weiteren Erklärung. Mit John Dewey, aber auch George Orwell, Whittacker Chambers und anderen Nichtkantianern geht er konform, wenn er vorschlägt, im philosophischen und politischen Diskurs an Stelle des schillernden Begriffs der „Vernunft“ den der „Intelligenz“ zu setzen.

Im zweiten der Aufsatzsammlung, bei dem es um die Ortsbestimmung der Philosophie in der Kultur geht, werden philosophische Begriffe und Zustände, wie sie sich in der Spannweite von Platon bis Nietzsche im Laufe der Philosophiegeschichte darstellen, diskutiert; und zwar sowohl mit dem Ausdruck des Bedauerns darüber, dass die Philosophie „in unserer Kultur nur dann einen wichtigen Platz ein(nimmt), wenn alles zusammenzubrechen scheint“, als auch mit einem beinahe trotzigen Insistieren darauf, dass der „Pragmatismus und seine Verteidigung des protagoräischen Anthropozentrismus (...) sowohl auf den Rationalismus als auch auf die Vorstellung, man könne zu einem Anderen der Vernunft Zuflucht nehmen, als Alternative gesehen werden“.

Im Aufsatz „Philosophie als Übergangsgenre“ wendet sich Rorty den Intellektuellen zu. Sie, die abendländischen Intellektuellen nämlich, hätten seit der Renaissance drei Stadien durchlaufen: „Zuerst haben sie ihre Hoffnung auf Erlösung in Gott gesetzt, dann in die Philosophie, und jetzt erhoffen sie sich Erlösung von der Literatur“. Damit ordnet Rorty gleichsam die Blickrichtung darauf, wie in der Zukunft der Menschheit die „Suche nach einer utopischen Form des politischen Lebens (erfolgen könne) – nach der GUTEN WELTGESELLSCHAFT“ nämlich.

Im siebten Aufsatz kommt der Autor auf das Kernstück des Pragmatismus zu sprechen, der „Weigerung, die Korrespondenztheorie der Wahrheit gelten zu lassen, sowie die Vorstellung, Überzeugungen seien genaue Darstellungen der Realität“. Was ist die „wirkliche Wirklichkeit“? Dabei gewinnt die nietzscheanische Auffassung an Bedeutung, dass „die Phantasie der Ursprung der Freiheit (ist), denn sie ist der Ursprung der Sprache“. Die Stellung der Philosophie in der Kultur hat viel, so Rorty, damit zu tun, wie in den philosophischen Wissenschaften der Hochschulen die Spurung bei der Ausbildung von Philosophen und deren Dozenten vorgenommen wird. „Analytische“ oder „kontinentale“ Richtung – oder „Philosophie des Gesprächs“?

An die Zunft der Neukantianer richtet der Neuhegelianer den Rat, den Lernenden und philosophisch Suchenden Gesprächsfreudigkeit beizubringen und „historisches und metaphilosophisches Bewusstsein“ zu entwickeln.

Im dritten Teil widmet sich Rorty aktuellen Fragen der analytischen Philosophie. Im ersten Text spricht er mit dem Washingtoner Wissenschaftsphilosophen Arthur Fine die Hoffnung aus, das sich im philosophischen Diskurs der Gegensatz zwischen Realismus und Antirealismus, letztlich auch zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie aufzulösen beginnt. Er möchte das erreichen dadurch, dass „die Philosophen – ebenso wie andere Intellektuelle – einfallsreiche Vorschläge zur Neubeschreibung der Conditio humana machen und neue Möglichkeiten anbieten, über unsere Hoffnungen und Ängste, unsere Bestrebungen und unsere Aussichten zu reden“.

Rorty versucht in sechzehn Thesen der Auffassung zu widersprechen, „die Philosophie habe sich seit eh und je und werde sich auch in Zukunft stets mit denselben widerspenstigen Problemen herumschlagen“, wie sie dazu auch die immer gleichen Methoden benutzt. Die Zuversicht, dass dies gelingen könne, zieht er aus der „realistischen“ Hoffnung: „Fortschritt gelingt durch bedeutende Leistungen der Phantasie“. Was also kann und soll Philosophie zur Kultur beisteuern? In der Auseinandersetzung mit „Naturalismus und Quietismus“ outet sich Rorty als Quietist; freilich nicht in dem Sinne, wie dies das Wörterbuchstichwort vorgibt, nämlich als „passive Geisteshaltung, die besonders durch das Streben nach einer gottergebenen Frömmigkeit und Ruhe des Gemüts gekennzeichnet ist“, sondern indem sie „philosophische Probleme nicht in echte und unechte ein(teilen), sondern in diejenigen, die sich eine gewisse kulturpolitische Relevanz bewahren, und diejenigen ohne derartige Relevanz“.

Und: Diese Relevanz müsse nachgewiesen werden, ehe man ein Problem ernst nähme. Ernst und natürlich kontrovers wird es in der philosophischen (intellektuellen) Diskussion, wenn Rorty sich erhofft, dass „unsere aktivistischen Kollegen aufhörten, über klotzige Dinge wie ERFAHRUNG und SPRACHE zu reden – diese Schattenwesen, die von Locke, Kant und Frege erfunden wurden, weil sie die REALITÄT als Gegenstand der Philosophie ablösen sollten“.

Den Fragen – „Lohnt es sich, Wittgenstein zu lesen? Und was kann man von ihm lernen?“ – geht er im elften Aufsatz nach. Die im philosophischen Diskurs bezeichnete Wittgensteinsche sprachliche Wende. Als „pragmatischer Wittgensteinianer“ zeigt er die historischen wie aktuellen Auseinandersetzungen der verschiedenen philosophischen Interpretationen und Handhabungen der Wittgensteinschen Gedanken auf; jedoch nicht, um das „Selbstbild“ des Philosophen hinüber zu retten in eine neue „Wende“, sondern um heraus zu arbeiten, dass „Wittgensteins Beitrag zur Philosophie hauptsächlich aus der Kritik hinweisender Definitionen, der Privatsprachen- und der Regelfolgen-Argumentation“ besteht. Im Text „Holismus und Historismus“ geht es darum, wie innerhalb der analytischen Tradition mit Geist und Sprache umgegangen wird. Während die Atomisten die Funktionsweisen des Geistes und der Sprache erklären wollen, gehen die Holisten davon aus, dass Geist und Sprache nicht Endgültigkeiten sind, sondern soziale Phänomene.

Das ist nicht nur ein Katheder-Streit, sondern hat Auswirkungen auf die metaphilosophische Diskussion, bis hin zu der Teilnahme der Philosophie an Fragen der neurologischen Forschungen: „Der Geist ist (...) ebenso wenig mit dem Gehirn identisch wie der Computer mit der Hardware“. Zu welcher Gruppe sich Rorty zählt, steht außer Frage. Im dreizehnten, letzten Text des dritten Teils geht es um die aktuelle Lage der Moralphilosophie unter der programmatischen Kontrastierung: „Kant gegen Dewey“. Dabei geht es nicht um eine Philippika gegen die Zunft der Moralphilosophen; vielmehr will er mit seiner Auseinandersetzung über die Moralvorstellungen von Immanuel Kant und den Contrapositionen, wie sie John Dewey, „meines philosophischen Helden“, deutlich machen, dass „die Moralphilosophen derzeit in der Falle zwischen Kant und Dewey (sitzen)“.

Gewissermaßen für und gegen den Strich bürstet Rorty dabei die Reflexionen und Zuschreibungen, wie sie von der amerikanischen Harward-Philosophin Christine Korsgaard und dem 1930 geborenen Philosophen Jerome B. Schneewind von der Chicagoer Johns Hopkins Universität vertreten werden. Besonders deutlich wird dabei die Auffassung des Autors, wenn es um die „moralischen Identitäten“ geht, die den Moralphilosophen als Maßstab für richtiges, „vernünftiges“ Handeln gelten: „Es gibt nicht nur viele praktische Individualidentitäten (...), sondern auch viele praktische Gemeinschaftsidentitäten“. Dabei spricht er natürlich den Moralphilosophen nicht das Recht ab, sich mit ihren Fragen und Positionen in bestimmten Situationen zu Wort zu melden; sie sollten sich jedoch nicht „aufs hohe kantianische Roß setzen“, sondern sich dem großen zivilisatorischen Gespräch der Menschheit stellen.

Soviel also zum Vermächtnis eines großen umstrittenen Philosophen dessen Anliegen sich nun andere annehmen müssen. Man darf gespannt sein…

Literaturangaben:
RORTY, RICHARD: Philosophie als Kulturpolitik. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Joachim Schulte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 357 S., 29,70 €.

Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: