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„Rote Kapelle“: Das schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen

Unter ständiger Lebensgefahr wirkte Schulze-Boysen sechs Jahre lang für die Ziele des Widerstands

© Die Berliner Literaturkritik, 13.05.08

 

Von Ulrike Cordes

„Courte et bonne“, kurz und schön, so stellte sich die 15-jährige Libertas Haas-Heye in einem selbst verfassten Gedicht ihr Leben vor. Für ein angenehmes Dasein hatte die in Paris geborene Enkelin des brandenburgischen Fürsten Philipp zu Eulenburg, die in der Schweiz zur Schule ging und sich anschließend in Großbritannien den Wind um die Nase wehen lassen sollte, die besten Voraussetzungen. So konnte sie denn als Filmjournalistin mit Schloss-Hintergrund im Berlin der frühen 30er Jahre einen intellektuell anspruchsvollen Upper-Class-Lifestyle genießen – und dabei sogar zunächst dem aufkommenden Nationalsozialismus etwas abgewinnen. Doch tatsächlich währte ihre Zeit auf Erden nur kurz: Mit 29 Jahren, am 22. Dezember 1942, wurde Libertas Schulze-Boysen, führendes Mitglied der Oppositions-Gruppierungen „Rote Kapelle“, wegen „Hoch- und Landesverrats“ in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee enthauptet.

In ihrer Biografie „Erzähl allen, allen von mir! Das schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen 1913-1942“ schildert die Publizistin Silke Kettelhake Entwicklung, Persönlichkeit und Widerstandstätigkeit einer anziehenden, hochbegabten und lebenshungrigen, doch durchaus widersprüchlichen jungen Frau in mörderischer Epoche. Das kenntnisreich und einfühlsam für eine große, wohl vor allem weibliche Zielgruppe formulierte Buch setzt im Sommer 1934 ein, als die Tochter eines renommierten „Modegestalters“ beim Segeln Harro Schulze-Boysen kennenlernt, den sie 1936 heiratet.

Der erst national, dann links gesinnte spätere Oberleutnant im Reichsluftfahrtministerium scharte seit 1933 gemeinsam mit dem Ökonomen Arvid Harnack Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsschichten um sich. Ihre Flugblatt- und Zettelklebeaktionen, Verfolgtenhilfe und Kontaktaufnahme zu anderen Oppositionskreisen sollten dazu beitragen, das Regime zu stürzen. Die Gruppe war ein Teil der von Gestapo und Abwehr en bloc „Rote Kapelle“ genannten, in Wirklichkeit jedoch sehr uneinheitlich auf diversen Ebenen in Westeuropa arbeitenden Nazi-Gegner. Etwa 40 Prozent der Berliner Aktiven bildeten Frauen.

Unter ständiger Lebensgefahr wirkte Libertas Schulze-Boysen sechs Jahre lang für die Ziele des Widerstands. In ihrer Wohnung trafen sich Mitglieder zum Meinungsaustausch und zum Sammeln und Weitergeben von Berichten über NS- und Kriegsverbrechen. Jede neue Bekanntschaft geriet zum Risiko und zum Gewinn. Die Journalistin arbeitete unter anderem als Pressereferentin in der Kulturfilmzentrale des Reichspropagandaministeriums. Hier schaffte sie eigens eine Repromaschine an, um eine fotografische Dokumentation über die Gräuel von SS und Wehrmacht an der Ostfront anzulegen. Ende Oktober 1941 traf sie einen Offizier des sowjetischen Geheimdienstes und vermittelte ihm einen Kontakt zu ihrem Mann.

Während Harro Schulze-Boysen, obgleich selbst nicht frei von persönlichen Schwächen, mentale Konsequenz an den Tag legte, plagte Libertas zunehmend die Unruhe. Impulsivität und das Werben um die Sympathie anderer hatten schon immer zu ihrem leidenschaftlichen Wesen gehört. Nun sehnte sie sich verstärkt nach Glück und Liebe, stürzte sich in Affären – so mit dem Schriftsteller Günther Weisenborn. Nach der Entschlüsselung eines Funkspruchs nach Moskau hatte die Gestapo eine „Sonderkommission Rote Kapelle“ eingerichtet: Im September 1942 wurde Libertas Schulze-Boysen aus einem Zug heraus verhaftet. Zuvor war es ihr noch gelungen, Beweismaterial zu vernichten. In der Haft im Palais an der Prinz-Albrecht-Straße hatte sich die junge Frau, auf Hilfe hoffend, einer Sekretärin offenbart, Namen und Informationen preisgegeben.

Es nützte ihr nichts. Ungläubiges Entsetzen zeigt ihr Gesicht auf den Dreifach-Porträts, die die Gestapo von allen Gefangenen anfertigte. Libertas Schulze-Boysen schreibt Abschiedsgedichte. Zusammen mit zehn weiteren Männern und Frauen wird sie zwei Tage vor Weihnachten ihren Henkern übergeben. Bei Silke Kettelhake heißt es: „Ihre Bitten, ihre stammelnden Gebetsworte wollen nicht enden. Als sie immer noch schreit ‚Aber lasst mir doch mein junges Leben!’, hält ein Wachtmeister ihr mit einem Handtuch den Mund zu.“

Literaturangaben:
KETTELHAKE, SILKE: Erzähl allen, allen von mir! Das schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen 1913-1942. Droemer, München 2008. 432 S., 19,95 €.

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