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Rote Rosen im Finstern

Albaharis neuer Roman „Ludwig“ schwankt zwischen Hasstirade und Liebespoesie

© Die Berliner Literaturkritik, 12.02.10

Von Anja Kümmel

Auch wenn der Klappentext eine „brillante Suada“ verspricht – zunächst erscheint die Aussicht auf einen 150 Seiten langen Monolog ohne Absatz oder Atempause eine wenig verlockende Angelegenheit. Umso erstaunlicher, dass der Roman binnen zwanzig Seiten einen derartigen Sog entwickelt, dass man ihn nicht mehr aus der Hand zu legen vermag. Vordergründig geht es von der ersten bis zur letzten Seite um eine einzige Sache: In hunderterlei Variationen beschuldigt der namenlose Ich-Erzähler seinen ehemaligen besten Freund und Bestsellerautor Ludwig, seine Idee für das „Buch der Bücher“ geklaut und unter seinem Namen veröffentlicht zu haben.

Bald jedoch entpuppt sich die Hasstirade des erfolglosen Schriftstellers als raffiniertes Spiel mit doppeltem Boden, das den Leser zum detektivischen Mitdenken zwingt. In beinahe jedem Satz ergeben sich minimale Verschiebungen; Geschehnisse und Personenkonstellationen ordnen sich neu. Die Monologform fordert dem Leser eine ständige Neupositionierung, ein ständiges Abwägen zwischen Einlassen und Infragestellen ab: Spricht hier noch die Göttin der sanften Überredung, oder doch eher ein schlechter Verlierer am Rande des Wahnsinns?

Nachdem Ludwig dem Ich-Erzähler in der Redaktion einer Belgrader Literaturzeitschrift ein knappes Kompliment über dessen weitgehend unbeachtet gebliebene Veröffentlichungen zuteil werden ließ, taucht letzterer vor Ludwigs Wohnung auf und macht sich vom ersten Moment an unersetzlich: „Als ich zum ersten Mal zu ihm kam, brauchte ich sieben Tage, um die Wohnung einigermaßen in Ordnung zu bringen.“ Eine symbiotische Beziehung entsteht, die Künstlerfreundschaft, amour fou und wechselseitige Abhängigkeit in sich vereint.

Während er den bewunderten Freund zärtlich „Lu“ nennt, gibt dieser ihm ein kryptisches, austauschbares Kürzel: S. Dem so Angesprochenen bleibt diese Wahl unerklärlich, da der Buchstabe in seinem Namen nicht einmal vorkommt. In diesem Unbehagen schwingt die Grundangst des Erzählers mit: Ohne Ludwig wäre er namenlos, ein Nichts. Umgekehrt kultiviert S seine Überzeugung, dass auch Ludwig – unpraktisch in allen Dingen des Lebens, außer der Selbstinszenierung – „völlig hilflos war und ohne mich einfach nicht existieren konnte.“

S übernimmt die Rolle einer treu sorgenden Mutter oder Ehefrau, die für den Angebeteten putzt, einkauft, kocht und seine Hemden bügelt. Zugleich wird er sein Sekretär, zuständig für Briefwechsel, Recherchearbeiten und Textlektorat. Beim Frühstück schiebt er Lu mundgerecht geschnittene Apfelstücke zu, während dieser die Feuilletons der Belgrader Presse nach seinem Namen durchblättert. Es sind kleine, vielsagende Szenen wie diese, in perfekter Balance am Rande zur Groteske, die David Albahari als einen der großen Gegenwartsautoren ausweisen.

Tage- und nächtelang sprechen die beiden Freunde über das „Buch der Bücher, das man schreiben sollte“. Nicht zufällig wählt S die unpersönliche Form, „mit dem Hintergedanken natürlich, dass ich es einmal täte, irgendwann in der Zukunft, die damals etwas zu sein schien, das nie zu Ende gehen würde.“

Zum Zeitpunkt, an dem der Erzähler seine Tirade loslässt, ist diese Zukunft bereits eingetroffen, allerdings in der für S denkbar schwärzesten Form: Ludwig hat das Buch, das S ihm jahrelang „diktiert“ hat, unter seinem Namen veröffentlicht und wird nun in der Belgrader Kulturszene als Star gefeiert, der „unsere Literatur nach Europa zurückbrachte und die Welt in die Knie zwang“.

In obsessiven Gedankenspiralen durchlebt S wieder und wieder die erlittenen Demütigungen. Nach einem katastrophalen Talkshow-Auftritt, der den endgültigen Bruch zwischen den beiden einläutet, trifft der Erzähler Ludwig dort an, wo er ihn am wenigsten vermutet: in seiner eigenen Wohnung, wo er mit seiner Frau Kaffee trinkt, so als gehöre er mehr dorthin als er selbst. Eine simple Geste – Ludwig legt die Hand an die Taille seiner Frau – und mehr noch die Frage, wo sich die andere, die für S unsichtbare Hand in diesem Moment befand, nimmt einen unermesslichen Raum in seiner Erinnerung ein. „Ich konnte mir tausend Dinge vorstellen, aber es gab nur eine Antwort, und die kannte ich nicht.“ Aus der schlaglichtartigen Szene wird eine Geschichte, von der aus sich unzählige weitere Handlungsfäden entspinnen: Hat Ludwig seine Frau verführt? Sie zu seiner Komplizin gemacht?

Mit dem Porträt eines von der Wahrheitsfindung Besessenen gelingt Albahari eine nuancierte Annäherung an die Durchlässigkeit zwischen Erleben, Erinnerung und Fiktion: Indem der Erzähler versucht, das Geschehen durch zwanghaftes Erinnern zu rekonstruieren, erschafft er eine Fiktion, die der „Wahrheit“ immer ferner rückt. In jedem Loop kommen Ausschmückungen hinzu, die das zuvor Gedachte mal bestätigen, mal widerlegen. Widersprüche brechen die Wiederholung auf. So wird auch S einmal vorgeworfen, sich in seinem Roman – der bezeichnenderweise den Titel „Der Nabel der Welt“ trägt, eine ironische Anspielung auf seine Selbstreferenzialität – fremder Quellen bedient, ganze Passagen abgeschrieben zu haben. S rechtfertig sich mit den Worten: „Lögen wir nicht, machten wir uns nicht Fremdes zu eigen, würden wir es nie zu etwas bringen.“

Das Gefangensein in konzentrischen Gedankenkreisen spiegelt die Stadt Belgrad, aus der es für den Erzähler, so sehr er sie verabscheut, kein Entkommen gibt. Ganz nebenbei flicht Albahari, 1948 in Serbien geboren, in sein Werk eine bittere Kritik am alltäglichen Wahnsinn im Belgrad der 90er Jahre und eine beißende Abrechnung mit dem Belgrader Kulturbetrieb. Selbst in den 80er Jahren ein gefeierter Schriftsteller in seinem Heimatland, sah er sich 1994 gezwungen, nach Kanada zu emigrieren. Diese Erfahrungen dürften eine gewisse Verbitterung mit der Doppelmoral der Belgrader Literaturszene erklären.

Im Fall des Ich-Erzählers schlägt die scharfe Verurteilung der Heuchelei, der Profit- und Sensationsgier der Belgrader Kulturszene auf ihn selbst zurück. Einerseits verabscheut S den Hype, der um Ludwig und das „Buch der Bücher“ gemacht wird, andererseits klingt zwischen den Zeilen ein bettelnder Ton an, dazugehören zu wollen zu genau denjenigen, die er zu verachten vorgibt. Ebenso prangert er die Provinzialität, die Verklemmtheit und Homophobie der Einwohner Belgrads an, entlarvt sich jedoch in der wiederholten Beteuerung, dass zwischen Ludwig und ihm nichts „Schmutziges“ passiert sei, selbst als äußerst homophob und engstirnig.

Durch die Doppelbödigkeit der Hasstirade, die gleichzeitig Liebespoesie ist, zerfällt gegen Ende des Buches nicht nur die Identität des Beschuldigten, sondern auch die des Erzählers. Die Möglichkeit, sich eine andere Identität einzuverleiben oder sich umgekehrt selbst auszulöschen im anderen, gestaltet eine leidenschaftliche Liebes- und Künstlerbeziehung, wie sie zwischen S und Ludwig bestand, doppelt faszinierend und angstbesetzt. Auf diese Ungewissheit ob der eigenen Identität, die Unfähigkeit der Abgrenzung, verweist das wiederkehrende Bild der roten Rosen im Finstern – angelehnt an ein Gedankenexperiment des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Die nicht zu lösende Frage, ob rote Rosen im Finstern ihre Farbe behalten, erinnert S an „damals, als ich zum ersten Mal Ludwig besuchte: Ich ging als ich hinein und kam als ein anderer heraus.“

Nicht nur der Erzähler verliert die „Wahrheit“ zusehends aus den Augen, sondern die Annahme, durch zwanghaftes Einkreisen der erlebten Traumata zu eindeutigen, unverrückbaren Beweisen vordringen zu können, gerät selbst zur Parodie. Worin die ursprüngliche Verletzung bestand, die den Ich-Erzähler dazu trieb, seine Suada niederzuschreiben, bleibt letztendlich sowohl dem Leser als auch ihm selbst verborgen.

 

Literaturangabe:

ALBAHARI, DAVID: Ludwig. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 152 S., 17,95 €.

Weblink:

Eichborn Verlag

 

 


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