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Der Augenzeuge

Das „Moskauer Tagebuch“ von Karl Freiherr von Bothmer

© Die Berliner Literaturkritik, 15.03.10

Von Roland H. Wiegenstein

Nach dem Sturz des russischen Zaren in der Oktoberrevolution brauchte die neue sowjetische Regierung unbedingt eine Atempause. So handelte sie 1917/18 den Friedensvertrag von Brest-Litowsk aus, um zuerst mit den inneren Feinden fertig zu werden. Das Kalkül des starken Mannes der Obersten Heeresleitung, General Erich v. Ludendorff schien aufzugehen, hatte er doch 1917 den Führer der Bolschewiki, V.I. Lenin im plombierten Zug aus der Schweiz (über Schweden und Finnland) bis nach St. Petersburg transportieren lassen, damit der dort Unruhe stifte. Das Deutsche Reich fühlte sich angesichts der in Auflösung begriffenen russischen Armeen derart im Aufwind, dass es den Sowjets einen „Siegfrieden“ diktierte, in dem den Mittelmächten nicht nur Polen und das Baltikum, sondern auch die Ukraine (!) zugesprochen wurde, Trotzki protestierte vergeblich. Das Deutsche Kaiserreich wollte (abgesehen von künftigen imperialistischen Zielen) vor allem den Zweifrontenkrieg beenden, um die an der Ostfront gebundenen Truppen der Mittelmächte nach Westen zu werfen, wo die Lage immer hoffnungsloser wurde. Doch die deutschen Militärs glaubten 1917 immer noch an einen Sieg und so zog eine deutsche Gesandtschaft in den provisorischen Regierungssitz Moskau ein, um strittige Fragen des Friedensvertrags in Verhandlungen beizulegen.

Ende April 1918 wurde der gerade zum Major beförderte Berufsoffizier Karl Freiherr von Bothmer, ein Eisenbahnspezialist, nach Moskau entsandt, um den Gefangenenaustausch zwischen den beiden Vertragsparteien in Gang zu bringen. Den Mittelmächten war daran nicht besonders viel gelegen – zwar wollten sie die deutschen Gefangenen zurück, aber die russischen, als billige Zwangsarbeiter in Deutschland beschäftigten Soldaten, sollten möglichst lange im Bereich der Mittelmächte bleiben. Bothmer hatte nur eine eingeschränkte Verhandlungsvollmacht und traf auf eine unübersichtliche Situation: eine zivile Verwaltung begannen die siegreichen Bolschewiki gerade erst aufzubauen, sie hatten ständig mit dem unterlegenen Parteiflügel der Menschewiki unter Kerenski zu tun, auch mit radikalen „Sozialrevolutionären“ und monarchistischen Anhängern des alten Regimes: lauter inneren Gegnern, die den Friedensvertrag kündigen und wieder mit der Entente gehen wollten, die in Finnland und Sibirien „weissen“ Einheiten schon zur Hilfe gekommen war. In Moskau wimmelte es von Politikern und Politikastern jeder Couleur: Kommunisten aus vieler Herren Länder, „verräterischen Monarchisten“, schlauen Geschäftsleuten, Geheimdienst-Agenten und natürlich den Angehörigen offizieller Vertretungen der Mittelmächte, alle waren bestrebt, ihre eigenen Vorstellungen zu fördern und die jeweiligen Gegner übers Ohr zu hauen.

Der 1880 geborene Berufsmilitär Karl von Bothmer sollte die Belange der Obersten Heeresleitung vertreten, um die Gefangenenrückführung (deren Modalitäten im Friedensvertrag nur ungenau umrissen waren) in einer „Gemischten Kommission“ konkret auszuhandeln.

Er begann sofort, seine Eindrücke mit Kopierstift (der einen Durchschlag ermöglichte) in Heften aufzuschreiben. Die Originale waren offenbar für seine Frau bestimmt, die Kopien für den eigenen, späteren Gebrauch. Er hat fast Tag für Tag bis zu seiner Rückreise nach Berlin im August 1918 notiert, was ihm wichtig war: die zähen politischen Verhandlungen, das provisorische Leben der Gesandtschaft in einem für sie beschlagnahmten Palast, die Ermordung des deutschen Gesandten und Geschäftsträgers Graf Wilhelm von Mirbach, der im Juli 1918 in der Gesandtschaft erschossen wurde, aber auch die zahlreichen Einladungen, Exkursionen in der Stadt, die Opernbesuche und Landpartien mit anderen Diplomaten. Er schildert die Leute, mit denen er zu tun hat, sehr anschaulich, vor allem seine russischen Kontrahenten. Er mag sie nicht (was ihn nicht daran hindert, ihre Begabungen zu würdigen), denn sie sind vor allem - Juden. Sein durchgängiger (oft heftiger) Antisemitismus ist offenbar Ausdruck der tiefverwurzelten Verachtung eines uradligen Offiziers für die ostjüdische, ihm bekannte Unterschicht und alle Arten von Intellektuellen. Sie hat deutlich auch ästhetische Komponenten: diese schlecht gekleideten Bolschewiki waren ihm zuwider, ganz gleich ob sie Radek, Tschitscherin, Trotzky, Gellerson hießen. Sie mit der Geste des Gewinners auflaufen zu lassen, muss ihm Spaß gemacht haben. Was den Militär aber genauso intrigiert, ist der ständige Konflikt zwischen dem Auswärtigen Amt in Berlin (und dessen Beamten in Moskau) und der Obersten Heeresleitung, der er unterstand. Er hält die Diplomaten für Schwachköpfe und liegt ganz auf der militärischen Linie, so hält er es für unbedingt erforderlich, mit den Bolschewiki zusammenzuarbeiten (und deren Gegner allenfalls im Hinterzimmer zu empfangen). Erst nach dem Sieg auch im Westen solle man sich von diesen verabscheuten Leuten befreien, denn den Sturz der Sowjetunion hält er für völlig unvermeidlich, aber er sieht auch, dass all deren Gegner Feinde der Mittelmächte sind.

Bothmers Tagebuch ist einer der wenigen direkten politischen Augenzeugenberichte aus dem Moskau dieses halben Jahres, aufgeschrieben von einem Mann, den nicht einmal seine Vorurteile daran hinderten, sehr genau zu beobachten und das zu registrieren, was vor seinen Augen sich abspielte. 1922 hat er dieses Tagebuch selbst umgeschrieben und veröffentlicht, dabei die persönlichen Eintragungen (von den die „netten“ Geselligkeiten unter Diplomaten bis zu den antisemitischen Ausfällen) getilgt, also gleichsam am Tagebuch nur entlang geschrieben, um seine Botschaft von der Gefahr des Bolschewismus umso prägnanter an deutsche Leser zu bringen. Die Ermordung Mirbachs hat er in der Kreuzzeitung und später in einem kleinen Buch eigens behandelt. Zu den Beweggründen für diese Tat gibt es (obwohl die Täter bekannt sind) bis heute mindestens zwei Versionen: waren es die „Sozialrevolutionäre“, die als Lenins Feinde Unruhe stiften wollten, oder etwa doch der sich gerade bildende sowjetische Geheimdienst unter Dscherjinski, der nach Gründen suchte, diese innenpolitischen Gegner zu eliminieren, indem man ihm einen politischen Mord anhängte. Dass die „Rotgardisten“ schon damals summarische Exekutionen ohne Prozess durchführten, war Bothmer wohl bekannt.

Die neue Ausgabe des „Tagebuchs“ enthält, herausgegeben von Gernot Böhme,  zum ersten Mal das Original - nicht die spätere Bearbeitung und ist damit ein zeitgeschichtliches Dokument von Rang. Böhme macht zahlreiche Anmerkungen, in denen er alle Namen in der lateinischen Umschrift der russischen Buchstaben wiedergibt (das tun heute viele Wissenschaftler) und möglichst zu jedem Namen die Daten mitteilt, auch wenn es sich nur um eine baltendeutsche Frau auf irgendeiner Party gehandelt hat. So haben wir in der Tat die bei aller preußischen Nüchternheit lebhafte, genaue Beschreibung einer wilden, verrückten Zeit, gesehen von einem konservativen, aber klaren Beobachter.

Doch was mit diesem erstaunlichen Offizier später passierte, bleibt völlig unerwähnt. Wir haben das in dem von Wolfram Wette herausgegebenen Buch „Retter in Uniform“ gefunden (Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2002) : Bothmer arbeitete nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und seiner Entlassung aus dem Dienst jahrelang für den „Pommerschen Landbund“ (eine Vereinigung der ostelbischen Grundbesitzer), wurde offenbar ohne direkte Beteiligung mit dem Kapp-Putsch in Verbindung gebracht und entwickelte sich, nach des Historikers Manfred Messerschmidts Recherchen, langsam zum „Vernunftrepublikaner“, wenn schon einem konservativen. 1934 wurde er als „Ergänzungsoffizier im Rang eines Majors“ in die Wehrmacht übernommen, aber erst während des 2. Weltkriegs wirklich „eingesetzt“, als Standortkommandant im serbischen Nisch. Dort hat er sich in einem Protestschreiben an den kommandierenden General Danckelmann 1941 entschieden gegen die Geiselerschießungen (100 für einen von den Partisanen umgebrachten deutschen Soldaten!) gewandt, auf gerichtsförmigen Verfahren bestanden und um seine Ablösung gebeten. 1943 schied er aus der Wehrmacht aus. Es hat nichts geholfen. Er wurde zwar 1945 noch aus dem alliierten „Generalslager“ Dachau ins Privatleben entlassen. Aber aufgrund eines Antrags der jugoslawischen Regierung wie viele andere Standortkommandanten von den Alliierten nach Belgrad überstellt und in einem summarischen Prozess, in dem der mutige Brief an seine militärischen Vorgesetzten nichts galt, zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet. Böhme hätte gut daran getan, auch dieses Ende eines aufrechten Manns zu erwähnen, der wohl wirklich ein „Retter in Uniform“ war.

 

Literaturangabe:

BÖHME, GERNOT (Hrsg.): Karl Freiherr von Bothmer: Moskauer Tagebuch 1918. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2009. 137 S., 38 €.

Weblink:

Ferdinand Schöningh Verlag

 

 


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