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Sammelrezension: Neue Hörbücher

Dürrenmatt, Kehlmann, Lindgren und Wilkinson im Audio-Modus

© Die Berliner Literaturkritik, 06.02.09

 

Ulrich Matthes und Nina Hoss verhelfen Kehlmanns „Ruhm“ zu Leben

BERLIN (BLK) – Der Erwartungsdruck war groß. Nach seinem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ wurde Daniel Kehlmanns neuer Roman mit Ungeduld erwartet. „Ruhm“ heißt das Werk, das vom Autor als „Roman in neun Geschichten“ bezeichnet wird. Die Berliner Schauspieler Nina Hoss und Ulrich Matthes schaffen es in der Hörbuchversion, die auf Papier doch etwas blutleer wirkenden Figuren zu echtem Leben zu erwecken. In Kehlmanns Erzählungen dreht sich alles um die Art und Weise, in der der moderne Mensch heutzutage kommuniziert oder sich eben auch gründlich missversteht. Es ist wunderbar, Matthes zuzuhören, wenn er in der Blogger-Parodie „Ein Beitrag zur Debatte“ als Computer-Nerd polternd aus seinem sich ausschließlich im Netz abspielenden Leben erzählt. Oder wenn er in „Der Ausweg“ einen berühmten Schauspieler spielt, der plötzlich von keinem Menschen mehr angerufen wird und am Ende ein neues Leben als sein eigener Doppelgänger beginnt.

Eindringlich: Hans Korte liest Dürrenmatts „Der Verdacht“

ZÜRICH (BLK) – Hans Korte liest nicht nur – er lebt die Geschichten, die er vorträgt. Im Fall von Friedrich Dürrenmatts „Der Verdacht“ verfolgt der geniale Hörbuchsprecher gemeinsam mit Kommissär Bärlach einen Mann, der viel mehr als ein gewöhnlicher Verbrecher ist. Bärlach hat nämlich einen furchtbaren Verdacht. Im Krankenhaus liegend, liest er in der Zeitschrift „Life“ einen Artikel über den berüchtigten Nazi-Arzt Nehle, der im KZ Stutthof bei Danzig ohne Narkose operierte. Als Bärlachs behandelnder Arzt ins Zimmer kommt und dessen Blick auf das Foto des Folterers fällt, wird der Doktor blass. Der Mann auf dem Bild kommt ihm bekannt vor. Der schwer kranke Bärlach begibt sich nun vom Krankenbett aus auf die Spuren des KZ-Arztes und gerät am Ende selbst in die Hände des kalten Sadisten, der meint, niemandem Rechenschaft zu schulden – auch nicht einem Gott. Im Mai erscheint bei Diogenes ein weiterer Fall mit Bärlach und Korte. In „Der Richter und sein Henker“, dem Vorgänger-Roman von „Der Verdacht“, tritt Bärlach gegen seinen ewigen Gegenspieler Gastmann an.

Aus einer anderen Zeit: Hörspiel nach Lindgrens „Kerstin und ich“

HAMBURG (BLK) – In ihrer frühen Erzählung „Kerstin und ich“ beschwört die schwedische Bestseller-Autorin Astrid Lindgren die Zeiten jugendlichen Sehnens und süßen Hoffens herauf. Die Schwestern Kerstin und Barbro gleichen sich fast wie ein Ei dem anderen, wäre da nicht der kleine dunkle Fleck an der Wange der Einen. Nach dem Umzug aufs Land erleben die Schwestern die wohltuende Nähe zur Natur, ein unbeschwertes, heiteres Familienleben und die stürmische Zeit der ersten Liebe. Das alles spielt sich auch in dem gerade bei Oetinger Audio erschienenen Hörspiel so gesittet und behütet ab, dass man sich unwillkürlich in die 50er Jahre versetzt fühlt, in denen Lindgren ihr Werk schrieb. Effi Rabsilber und Tanya Kahana spielen die aufgeweckten Schwestern, Kostja Ullmann einen der Verehrer. In seinen besten Momenten fängt die unter der Regie von Oliver Sturm entstandene SWR-Produktion „Kerstin und ich“ die ländliche Sommer-Stimmung ebenso gut ein wie Tucholskys „Schloss Gripsholm“.

„Im Zeichen des Drachenmondes“ – Poesie aus einem fernen Land

HAMBURG (BLK) - Pings Abenteuer im antiken China gehen zu Ende. „Im Zeichen des Drachenmondes“ heißt der dritte und letzte Teil von Carole Wilkinsons Drachen-Saga. Zarte Kompositionen, gespielt von einer sehnsuchtsvoll schluchzenden, chinesischen Zither und einer Geige begleiten die von Sprecher David Nathan behutsam erzählte Geschichte. Nathan, der die deutsche Stimme von Leonardo DiCaprio und Johnny Depp ist, zeigt mit seiner unaufdringlichen Interpretation viel Respekt für die poetische Geschichte. Mit warmem Timbre berichtet er davon, was das einstige Sklavenmädchen Ping alles tut, um den Nachwuchsdrachen Kai vor fremden Begehrlichkeiten zu schützen. Das zur Drachenhüterin auserkorene Mädchen will Kai, der Ping um viele Menschengenerationen überleben wird, zum sagenumwobenen Zufluchtsort aller Drachen bringen. Eine verschlüsselte Karte weist den beiden den Weg in die Berge, doch dort erwartet sie eine Überraschung: Kai ist nicht der einzige überlebende Drache. Die australische Autorin hat ihre spannende Trilogie im Jahr 141 v. Chr. angesiedelt, zur Zeit der Han-Dynastie, über die sie sehr genau recherchiert hat.

Literaturangaben:
DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Verdacht. Diogenes Verlag, Zürich 2009. 263 Min., 24 €.
KEHLMANN, DANIEL: Ruhm. Roman in neun Geschichten. Deutsche Grammophon Literatur, Berlin 2009. 315 Min., 25,99 €.
LINDGREN, ASTRID: Kerstin und ich. Oetinger Audio, Hamburg 2009, 55 Min., 9,95 €.
WILKINSON, CAROLE: Im Zeichen des Drachenmondes. Oetinger Audio, Hamburg 2009. 310 Min., 19,95 €.

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