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Saudi-Arabien aus der Frauenperspektive

Rajaa Alsaneas Roman „Die Girls von Riad“

Von: KERSTIN FRITZSCHE - © Die Berliner Literaturkritik, 30.01.08

 

Saudi-Arabien, das heißt, zwischen Palmen und architektonischen Wundern einen Ausflug zum Roten Meer machen – durch ein gut ausgebautes Netz an Autobahnen, finanziert durch den weltweit größten Rohölexport. Saudi-Arabien, das heißt, mit den Städten Medina und Mekka gleichzeitig Mutterland und Zentrum des Islam zu sein. Aber all das heißt auch: tausend Konfliktpotenziale.

Saudi-Arabien ist trotz eines mehr und mehr pro-westlichen Kurses der Königsfamilie noch immer eine strenge, absolute Monarchie mit dem Islam als Staatsreligion, der alle Bereiche des privaten wie öffentlichen Lebens regelt. Das Königreich basiert auf einer Verfassung, mit der bis heute Schwule, Lesben, Ehebrecher, Gotteslästerer und Hochverräter hingerichtet werden können.

Aus Saudi-Arabien kommen Top-Terroristen, auch Osama Bin Laden. Und was nicht durch die Religion geregelt wird, regeln Reichtum und Wohlstand: Zwar würde die internationale Ausbildung der meisten Saudis eine gewisse Weltoffenheit vermuten lassen. Diese zeigt sich aber nur in geringem Maße: Vom kostenlosen Sozialsystem können die zahlreichen Gastarbeiter, ohne die Saudi-Arabien gar nicht mehr auskommen könnte, nicht profitieren.

Man könnte noch viel mehr aufführen, was das Leben in diesem Staat zwiespältig macht. Am schlimmsten steht es aber wohl mit der Rolle der Frau in Saudi-Arabien. Amnesty International spricht hier angesichts von arrangierten Hochzeiten, Wahl- und Fahrverbot für Frauen und dem Verbot, sich in der Öffentlichkeit mit nicht-verwandten Männern zu zeigen, von Degradierung zu „Menschen zweiter Klasse“.

Umso erstaunlicher ist es, dass ein 25-jähriges Mädchen mit einem Buch, welches all dies genauso unterhaltsam wie einfühlsam thematisiert, die gesellschaftlichen Tabus bricht und dann auch noch Erfolg hat. In „Die Girls von Riad“ erzählt die Zahnmedizin-Studentin Rajaa Alsanea von jungen saudischen Mädchen, die von Markenklamotten über kostspielige Reisen bis hin zu den allerneuesten Handys alle möglichen Insignien moderner Freiheit besitzen, die Freiheit selbst aber nicht. Vor allem nicht die Freiheit, zu lieben und zu heiraten, wen sie wollen.

Der Roman, an dem sie seit dem 18. Lebensjahr schrieb, der zunächst im eigenen Land verboten war und nach der Erstveröffentlichung im stets liberaleren Libanon doch noch in Saudi-Arabien verlegt wurde, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zunächst aufgrund seiner Brisanz und seines Mutes: Alsanea schreibt von Frauen, die sich zwischen der Trauung und der Hochzeit ihrem Mann hingegeben haben und daraufhin verlassen und als „frivol“ geächtet wurden.

Von Geschiedenen mit Kind, die von den Eltern noch wie zur zusätzlichen Strafe zu Hause eingesperrt werden, während der Ex-Mann sich unbehelligt weiter öffentlich bewegen und leicht wieder heiraten kann. Von der Liebe zwischen Sunniten und Schiiten und der zwischen Angehörigen verschiedener Klassen – beide von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Von der Zerrissenheit einer Halb-Amerikanerin, die trotz wachsenden Bewusstseins aufgrund der familiären Situation der patriarchalen Gesellschaft nicht einfach entfliehen kann.

„Irgendwer musste ja den Anfang machen“, hat die Autorin selbst einmal eher schüchtern in einem Interview gesagt. Es mag sein, dass dieses Thema ohnehin gegärt hat – der richtige Zeitpunkt für einen Ausbruch war es dennoch noch nicht. Das lässt sich auch an den Reaktionen auf das Buch ablesen: Hass und Verachtung oder Zustimmung und Bewunderung – dazwischen gibt es nichts.

Dann ist da die Form: Als Art moderner Brief-Roman berichtet eine namenlose auktoriale Erzählerin jeden Freitag in einer E-Mail vom Schicksal der vier Freundinnen Kamra, Michelle, Sadim und Lamis in Riad. Doch nicht nur, dass wie in einer Soap Opera Geschichten erzählt werden, die nebenbei locker auch noch die Charaktereigenschaften und persönlichen Gedanken jeder einzelnen Heldin wunderbar herausarbeiten. Jeder Mail geht als „Mini-Prolog“ auch noch ein Zitat oder ein Aphorismus eines Dichters oder Kulturschaffenden, zumeist aus dem arabischen Raum, voraus und bindet auf diese leichte Art Kulturgeschichte und Ost-West-Beziehungen mit ein. Und vor jeder Mail berichtet die Erzählerin auch über ihr Leben und die Reaktionen auf ihren ungewöhnlichen Newsletter, womit schon all das an öffentlichen Konflikten vorweggenommen und thematisiert ist, was auch in der Realität Rajaa Alsanea empfing.

Experten reden von den „Girls von Riad“ als das meistdiskutierte Buch in der arabischen Welt aller Zeiten. Bis jetzt erreichte Alsanea nur der virtuelle Rummel – von Morddrohungen bis zu Heiratsanträgen per E-Mail -, da sie noch bis Anfang 2008 in den USA studiert. Man kann ihr nur wünschen, dass sie nach der Rückkehr in ihr Heimatland auch mit den realen Angriffen umgehen kann. Und Saudi-Arabien kann man wünschen, dass sie auch wirklich nächstes Jahr zurückkehrt. Das Land braucht Frauen wie sie. Und der „lasterhafte Westen“ Bücher wie dieses – allerdings bitte das nächste Mal nicht mehr in so einer sich der mädchenhaften „Chic Lit“ anbiedernden Covergestaltung.

Literaturangaben:
ALSANEA, RAJAA: Die Girls von Riad. Roman. Aus dem Arabischen von Doris Kilias. Pendo Verlag, München / Zürich 2007. 350 S., 19,90 €.

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Kerstin Fritzsche schreibt u. a. für die taz nord, das Darmstädter Echo, intro, fluter.de und das Goethe-Institut über zeitgenössische Literatur


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