Werbung

Werbung

Werbung

Schillers Schwester

Dieter Hildebrandt über Schillers früheste Heldin

© Die Berliner Literaturkritik, 02.03.10

Münchnen (BLK) – Im Herbst 2009 ist im Carl Hanser Verlag „Schillers erste Heldin“ von Dieter Hildebrandt erschienen.

Klappentext: Als Schwester war sie Friedrich Schiller so nahe wie nur wenige Menschen. Heute imponiert uns Christophine Reinwald (1757-1847) als eine Frau, die ihr Leben selbst in die Hand genommen hat. Schiller nannte die ältere Schwester seine früheste Heldin. Ihr langes Leben war zunächst bestimmt von der Sorge um die jüngeren Geschwister inmitten einer strengen Familie, dann von der Vernunftehe mit dem Bibliothekar Reinwald aus Meiningen. Erst als Witwe lernt sie, was ihrem Bruder über Nacht gelungen war: die Freiheit, ein eigenes Leben zu führen. Dieter Hildebrandt macht uns mit der Biographie einer Frau bekannt, wie wir sie viel eher in der Gegenwart als im 18. und 19. Jahrhundert vermuten würden.

Dieter Hildebrandt, 1932 in Berlin geboren, war Redakteur bei der FAZ, Lektor beim Suhrkamp Verlag und lebt heute als freier Schriftsteller im Spessart.

 

©Carl Hanser Verlag©

12. Die Chronistin

Porträt des Künstlers als junger Mann

Spätestens nach dem Tod von Schillers Frau Charlotte begann Christophine in eine Rolle hineinzuwachsen, die sie in den letzten zwei Jahrzehnten ihres Lebens mehr oder minder freiwillig, mehr oder minder distanziert ausfüllte: die einer Instanz in Sachen ihres Bruders, einer Zeugin seiner Kindheit und Jugendzeit, die einer Gewährsfrau für Biographen, Literarhistoriker, Heimatforscher und Verehrer. Nicht, dass sie sich selbstgefällig mit dem Glanz geschmückt hätte, der immer mehr den toten Bruder umstrahlte; manches, was nun die Nachwelt an Kult betrieb, war ihr nicht ganz geheuer. Da war zum Beispiel jenes Objekt, das auch uns noch in jüngster Zeit beschäftigt hat: der Totenschädel. Damals, im Dezember 1826, hatte sie der Schwester Louise geschrieben:

„Du wirst in den Zeitungen gelesen haben, daß die Überreste des lieben Bruders aus der bisherigen Gruft sind auf den neuen Gottesacker in Weimar niedergelegt worden, es war aber schon alles vermodert, nur der Kopf allein war noch ganz, dieser aber ist mit großer Feierlichkeit in des Großherzogs Gegenwart, wozu der Ernst berufen worden, auf der Bibliothek daselbst aufgestellt worden, nebst einer Büste von Dannecker. Dieß alles kam in den Zeitungen. Es geschieht dem seligen Bruder viele Ehre noch nach seinem Tode.“

Täuschen wir uns, wenn wir da neben der Bewunderung auch Verwunderung mitlesen? Neben dem Stolz auch Befremden? Wohl kaum. Denn als es 1835 um ein Stuttgarter Denkmalprojekt geht, um eine Kampagne, zu der man auch sie eingeladen hat, bleibt sie auf Distanz. Vielleicht scheut sie auch nur die lange Fahrt, aber den Satz an die Schwester scheut sie nicht: „Überhaupt sage ich dir im Vertrauen das Publikum sollte es nun genug seyn lassen mit der großen Verehrung es ist genug geschehen.“ (Als übrigens am 8. Mai 1839 das Schiller-Denkmal enthüllt wurde, gab es ein großes Begeisterungsfest der Stuttgarter Bevölkerung, aber einen geradezu verbiesterten Widerstand des protestantischen Fundamentalismus, der es nicht zulassen wollte, dass während des festlichen Aktes die Kirchenglocken geläutet würden, und dessen Vertreter sich schworen, nie wieder den Platz zu betreten, auf dem sich dieses provokante Monument erhebt.)

Sosehr Christophine also offizielle Feierlichkeiten zu Ehren des Bruders mied, so engagiert war sie andererseits in Sachen der Familiengeschichte, der Erkundung alter Zeiten, der Bewahrung der Schiller-Tradition. Da konnte sie auch schon früh recht rabiat reagieren. So im Jahr 1810, als der Schillerfreund aus Jugend- und Karlsschultagen, Wilhelm Petersen, Erinnerungen an seinen zum Nationaldichter aufgestiegenen Kameraden veröffentlichen wollte und sich, zu ihrer Empörung, ausgerechnet Cotta als Verleger ausgesucht hatte. In einem Brief an Lotte vom 23. Januar 1810 hatte sie in erkennbarer Erregung geschrieben:

„Neulich las ich eine Ankündigung von Cotta, daß nächstens eine Geschichte von Schiller’s Jugendjahren von Petersen im Druck erscheinen würde. Nun habe ich schon voriges Jahr Bruchstücke (wahrscheinlich von dieser Beschreibung) gelesen, welche höchst auffallende Stellen über unsern Vater enthielten, und ich finde mich genöthigt, diese Unwahrheiten wo möglich nicht der Publicität auszusetzen. Da ich aber mit Cotta in gar keiner Bekanntschaft stehe, so bitte ich Dich, liebste Frau Schwester“ – gemeint ist aber die Schwägerin – „an ihn zu schreiben oder schreiben zu lassen, dass er, wofern es noch nicht unter der Presse ist, das Manuskript uns zuschicke, damit wir es erst sähen und das, was zum Nachtheil unsrer Familie und Unwahrheit ist, änderten. (…) Unbegreiflich ist, wie Cotta so etwas aufnehmen konnte, und wie er dem guten Sohn zutrauen mochte, daß er auf Kosten des Vaters erhaben sein wollte! – Denn das war doch die Tendenz, daß der Verfasser zeigen wollte, daß Schiller alles aus sich selbst geworden wäre. Das wird auch Niemand bezweifeln. Aber wozu muß denn der Vater gerade von der widrigsten Seite gezeigt werden? Der hat eigentlich gar nichts hier in dieser Geschichte zu thun.“

©Carl Hanser Verlag©

Literaturangabe:

HILDEBRANDT, DIETER: Schillers erste Heldin. Das Leben der Christophine Reinwald, geb. Schiller. Carl Hanser Verlag, München. 192 S., 17,90 €.

Weblink: Carl Hanser Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: