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„Unser Jahrhundert“ - Gesprächsbuch

Das Buch lockt nicht allein mit Altersweisheit, sondern ist erfrischend deftig

© Die Berliner Literaturkritik, 06.05.10

Von Thomas Strünkelnberg

Das Buch stürmte geradezu die Bestsellerlisten: „Unser Jahrhundert“, ein Gesprächsbuch von Helmut Schmidt (91), Altbundeskanzler, und Fritz Stern (84), Historiker, lockt nicht allein mit Altersweisheit, sondern ist erfrischend deftig. Schmidt schimpft Kaiser Wilhelm II. unumwunden einen „Maulhelden“ und einen „Scheißkerl“, die Neokonservativen in den USA als „Rechtsradikale“. Im Verlauf von drei Tagen besprechen die alten Herren ein ganzes Jahrhundert - schwankend zwischen Witz, Weisheit und einer Prise Vorlesung.

Ohnehin ist Schmidt für die Deutschen in seinen späten Jahren zu einem Monument geworden. Da erwartet jeder Großes, wenn der frühere Bundeskanzler den Anstoß gibt: „Fangen Sie an, Fritz.“ Zwar erinnert gerade Schmidt gerne, manchmal allzu gerne an all die berühmten Leute, mit denen er sich treffen konnte. Aber faszinierend an dem Buch ist vor allem der weite Horizont der beiden alten Herren, deren Gespräch zwischen Bismarck und Johannes Paul II., zwischen Sozialpolitik und dem Aufstieg Chinas elegant hin- und herlaviert.

Eintönig wird das Gespräch nie: Schmidt beklagt, kaum jemand in Deutschland wage Kritik an Israel zu üben – „aus Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus“, die Macht der Political Correctness in Amerika geißeln die Autoren ebenfalls. Außerdem mutmaßt Schmidt mit Blick auf Nazi-Terror und Verbrechen düster, die Deutschen seien verführbarer als andere Völker.

Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen denn auch die Verbrechen der Nazis. Diese trieben Stern als Juden in die Emigration und sind das große Trauma für beide - und für Millionen Menschen. Letztendlich schlüssig erklären allerdings, wie die Verbrechen der Deutschen möglich waren, kann weder der Staatsmann und oft schroffe Pragmatiker Schmidt noch der Intellektuelle, der Historiker Stern.

Und so oft sie sich auch einig sind, an einem entscheidenden Punkt sind sie es nicht, und da nimmt das Buch eine Wendung ins Persönliche: Auf die Frage Sterns, der nach eigenen Worten bis 1933 nicht wusste, dass er Jude war, nach den Ursachen für den Holocaust und die Verfolgung der Juden sagt Schmidt: „Man hat es einfach nicht mitgekriegt.“ An der Stelle bricht es aus Stern heraus: „Nein, nein. Millionen von Deutschen müssen es gesehen haben, denn sie haben ja gebrannt, die Synagogen - überall im ganzen Land.“ Es ist die entscheidende Frage, die sich nach dem Krieg wohl viele Menschen gestellt haben.

Das Buch zeichnet einen regen und mitreißenden Austausch nach. „Alles aber, was ein lebendiges Gespräch ausmacht - das Kursorische, Mäandernde, Improvisierte - wurde so weit wie möglich beibehalten“, schreiben die beiden Autoren im Vorwort. Das hilft - und macht die unmittelbare Wirkung dieses Gesprächs aus. In diesem ist Schmidt der Streitbare, Stern der Ausgleichende. Und so bekommt auch die aktuelle Politik in Deutschland ihr Fett weg, wenn der Ex-Kanzler etwa gegen die FDP schießt: Denn zu deren Parteichef und Außenminister Guido Westerwelle fällt ihm nur ein: „Wie heißt er noch?“

Literaturangaben:

SCHMIDT, HELMUT / STERN, FRITZ: Unser Jahrhundert. Ein Gespräch. Verlag C.H. Beck, München 2010. 288 S., 21,95 €.

Weblink:

C.H. Beck


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