Ein Donnerstag war es, der letzte in diesem kalten Jahr. Im nordfriesischen Vidtoft an der deutsch-dänischen Grenze steht ein Achtziger an, der alte Delffs feiert Geburtstag, knapp fünfundvierzig Gäste haben sich angesagt. Die Vorbereitungen im Grenzkrug laufen auf Hochtouren. Die Chefin bespricht mit Paul, Nane, Tacke und Yannis den weiteren Ablauf des Tages. Es ist mild. Doch Schnee wurde angesagt, ein skandinavisches Hoch verlagere sich zügig nach Süden und stoße auf eine wärmere Tiefdruckrinne, so hieß es im Radio. Nachfröste seien zu erwarten und heftiger Sturm aus Nordost. Doch noch bevor die Schneefront im Laufe des Nachmittags über Schleswig-Hostein hereinbricht, sackt Paul, der Wirt des Grenzkrugs, zusammen, er kann sich nicht mehr rühren, seine Muskeln zittern, er atmet schwer, fasst sich an die Brust. Der Notarztwagen bringt Paul ins Krankenhaus nach Niebüll.
Jan Christophersen, 1974 in Flensburg geboren und heute mit der Familie bei Schleswig lebend, hat als Kulisse seines Debüts die Schneekatastrophe 1978/79 gewählt: Meterhohe Schneeverwehungen blockieren die Straßen, Stromleitungen brechen zusammen, Bauernhöfe und ganze Ortschaften sind von der Außenwelt abgeschlossen, Tausende Helfer von DRK, Technischem Hilfswerk, Bundes- und Feuerwehr im Einsatz. In Vidtofter Grenzkrug beginnen Tage des Bangens. Man weiß jetzt, dass sie Paul operiert haben. Am Herzen. Ein Bypass. Es war nur eine Frage der Zeit, so berichtet uns Yannis, der Ich-Erzähler der „Schneetage“. Immer öfter hatte sein Ziehvater einen dieser Aussetzer, wie er es nannte, draußen auf den Fahrten ins Watt, wo sie beide mit Maßband, Notizblock und Kamera auf der Suche waren – nach Scherben, Knochen, Metallresten, Fundstücken im Sand und Schlick, vielleicht aus Rungholt, dem ehemaligen Kirchspiel auf der Insel Strand im Nordfriesischen Wattenmeer.
Rungholt, das die Grote Mandränke 1362 zerstörte, das später Liliencron beschrieb in seiner Ballade „Trutz, der blanke Hans“, war für Paul mehr als ein Hobby, vielmehr eine Obsession, erst recht, nachdem er zusammen mit Yannis die Metallscherbe gefunden hatte, den Teil einer Glocke, Rungholts Kirchenglocke vielleicht. „Warum finden, wenn man auch suchen kann“, hatte Paul noch der Halliggräfin geantwortet auf die Frage, warum er im Watt rumstochere nach altem Zeug. Er hatte Tage verbracht draußen zwischen den Halligen und dann stundenlang in seinem Zimmer gesessen, zwischen den Altanten, Aufzeichnungen, inmitten der Aktenordner, Zeichenutensilien und den Fundstücken aus dem Meer: Tongefäße, Münzen, Bernstein, Wandteile aus Lehm, Tier- und Menschenschädel. Und jetzt Rungholts Kirchenglocke? War es sicher? Der Brief an die Archäologen in Schleswig war noch vor Weihnachten rausgegangen, Paul wartete auf Antwort, sie würde alles entscheiden – oder auch nicht.
Das Schneechaos 1978/79, der Untergang Rungholts zur Marcellusflut 1362, die neuere Geschichte Schleswig-Holsteins, das sind die zeitlichen Koordinaten, in denen der 1973 geborene Jan Christophersen seine Erzählung verortet, es ist die Geschichte von Paul und Yannis, Ziehvater und -sohn, die beide von auswärts kommen, die zusammen ins Watt ziehen und nach Spuren suchen von früher. Es ist die Geschichte der Chefin, Pauls Ehefrau, und ihrer gemeinsamen Kinder Nils und Nane sowie der Gäste des Grenzkrugs: des Malers Heiner Bonatz, des treuen Zugvogels aus dem Süden, des Olle Steensen, Tidicks und Knutzens, der Kardells und Delffs. Eine Familiengeschichte, die Menschen zusammenführt und wieder entfremdet, sie erzählt von Grenzen, die sich schließen und öffnen, von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Gestrandetsein, vom Zusammengehören, aber auch von der Sehnsucht nach Freiheit, nach Ferne und von der Erinnerung.
In drei langen Rückblicken lässt Yannis in den Tagen bis zum Jahreswechsel 1978/79 die Vergangenheit lebendig werden: Pauls Rückkehr aus der britischen Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, die Flüchtlinge aus dem Osten, die Briten in Eiderstedt, der mühselige Neuanfang in den fünfziger Jahren, dann, endlich, der erste Feriengast, der Auszug Nils’ und die langsame Entfremdung der Eheleute. Christophersen erzählt ruhig, wie ein langsamer Strom entfaltet sich die Geschichte zwischen Meer, Wolken und Marsch, norddeutsch karg die Landschaft, wortkarg die Menschen, eigensinnig, verschlossen, wir wollen nicht sagen mundfaul. Sie leben im Jetzt. Doch: „Manchmal bietet sich einem die Chance, einen unerwarteten Blick in die Vergangenheit zu tun. Staunend steht man da und begreift: So war es. So ist es gewesen. Ich kann es sehen“, schreibt Paul in seinem Bericht über den Scherbenfund. Zwei Stapel findet Yannis auf dem Stuhl in Pauls Zimmer, als ob dieser seinen körperlichen Zusammenbruch geahnt hätte und sich sicher war, dass Yannis sie finden würde: zwei Stapel, überschrieben mit je einem Wort „Entweder. Oder.“, daneben die Okarina.
Die bauchige, aus Ton gemachte Flöte wird uns begleiten durch die „Schneetage“. Sie ist alt, viele Hundert Jahre wahrscheinlich, sie wurde draußen gefunden, dort im Watt, wo Rungholt einmal lag, und ihr hohes Pfeifen hatte einst einem Menschen das Leben gerettet. Ian Lubbock, ein Soldat der Royal Air Force, der im Krieg abstürzte überm Watt, hockte dort in Nebel und Dämmerung, ohne zu wissen, welche Richtung er einschlagen sollte, um ans Land zu kommen. Aber er fand die Okarina, nur wenige Zentimeter ragte sie hervor aus dem Schlamm, aber ihr Ruf wurde gehört auf der Hallig Südfall, Ian Lubbock gerettet. Mit der Okarina setzt Jan Christophersen, der nach eigenem Bekunden eigentlich Musiker werden wollte und sich dann für ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig entschied, ein eindringliches Leitmotiv, ein Motiv, das uns hinführt in die Vergangenheit und damit auch zur Lösung von Yannis’ Herkunft.
Katastrophen hinterlassen Spuren, sichtbare und unsichtbare. „Rungholt ist durch eine Sturmflut untergegangen. Die Schneekatastrophe [1978/79] war auch Wasser – nur von oben“, sagte Jan Christophersen in einem Interview mit den Kieler Nachrichten (KN-online), wo „Schneetage“ noch vor der Buchveröffentlichung als Fortsetzungsroman erschien. Hinter den äußeren (Natur)Katastrophen, die lange und offen im Gedächtnis bleiben, verbergen sich die verschütteten, die inneren, die in der Familie, die zwischen Menschen. Diese wiederzugeben in ihrer Verortung und Stimmung, sie ruhig und bedacht, doch spannungsreich und atmosphärisch dicht zu erzählen, ihren Charakteren Profil und Geschichte zu geben, das ist Jan Christophersen gelungen – in einer kraftvollen und zugleich fesselnden Sprache, mit, ja, auch leisen ironischen Untertönen.
Am Neujahrsmorgen des Schneewinters 1978/79 verhallt das Feuerwerk. Nur verspätete Silvesterböller schrecken vereinzelt noch auf. Im Schnee stecken Raketenstäbe, zerknautschte Pappbecher, Sekt- und Weinflaschen. Paul wird, so er überlebt, die Suche nach Rungholt endgültig aufgeben, vielleicht einen Neuanfang leben mit Kirsten, seiner Frau. Das anbrechende Jahr (und der Autor Jan Christophersen) entlässt den Ich-Erzähler in den Aufbruch auf ein Ziel, sein eigenes. Paul hatte vor einiger Zeit seinem Ziehsohn und Freund einen Zettel zugesteckt, mit einer Adresse in Schottland. Yannis wird die Okarina mitnehmen auf seiner Fahrt über See, er wird etwas finden – nicht Rungholt, nein, seine eigene Geschichte.
Literaturangabe:
CHRISTOPHERSEN, JAN: Schneetage. Mare Buchverlag, Hamburg 2009. 366 S., 22 €.
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