BERLIN (BLK) – Detlef Kuhlbrodts Textsammlung mit Feuilletons aus dem Berlin-Teil der „tageszeitung“ liest die „SZ“ sehr gerne. Auch Volker Weidermanns „Buch der verbrannten Bücher“ gefällt ihr, da es vergessene Dichter wieder ans Tageslicht befördere. Die „FAZ“ hat Probleme mit Stefanie Geigers Debüt „Der Eisfürst“. Igor Stiks’ Roman „Die Archive der Nacht“ hält die „FR“ gar für „naseweis“.
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Märchenhaft gehe es im Prosadebüt „Der Eisfürst“ der 35-jährigen Stefanie Geiger zu, findet die „FAZ“. Es handele sich dabei um eine sensible Vatersuche, denn „Eisfürst“ nenne die Erzählerin den gefühlskalten Vater, der vor 32 Jahren „aus dem Nichts aufgetaucht und bald wieder darin verschwunden war“. Nach dem Tod der Mutter sortiere die Tochter jetzt die widersprüchlichen Geschichten der Eltern. Der schmale Roman sei „fragmentarisch, mysteriös, sprunghaft, ein Album von preziösen Bildern und lyrischen Kapitelüberschriften“, aber „warmwerden“ möchte der Rezensent nicht mit ihm. Immerhin sei die Vatersucherin nicht so „kunstgewerblich verkitscht“ wie die Muttersucherin in Zoe Jennys „Blütenstaubzimmer“, dennoch sei der Roman „kalt, fahl, durchsichtig und leblos“.
Die „FAZ“ bespricht den dritten Band einer Romantrilogie des schwedischen Autors Stieg Larsson, der auf vielen Bestsellerlisten vordere Plätze einnimmt. Larsson erlag 2004 einem Herzinfarkt, weshalb die geplanten sieben weitere Bände des Romanzyklus „Millenium“ nicht erscheinen werden, informiert der Rezensent. Der Thriller-Autor halte sich in „Vergebung“ nicht mit Feinheiten oder gar psychologischer Finesse auf, er drücke von Anfang an aufs Tempo, wie sich das für das Genre gehöre. Das mache er zwar souverän, doch es mangele nicht an „logischen Anschlussfehlern und Konstruktionsmängeln“. Larsson entfalte ein „schwedisches Gesellschaftspanorama in Cinemascope“, die Hauptfiguren seien allesamt Frauen. Sein eigentlicher Geniestreich sei die Figur der Lisbeth Salander, „einer tätowierten, gepiercten, metrosexuellen Nahkampflesbe“, deren Rettung und Rehabilitierung der dritte Band behandele: „Ein Monster, das man gernhaben muss“, schreibt die „FAZ“ und findet die eigentliche Leistung des Erzählers, dass man sich dieser bizarren Figur hingebe.
Die Jesidin Gülnaz Beyaz habe sich von ihrem Mann scheiden lassen. Dessen Familie habe sich in ihrer Ehre verletzt gefühlt und eine Blutfehde in Gang gesetzt, die bis heute andauere, schreibt die „FAZ“. Unter dem Titel „Mein Leben im Schatten der Blutrache“ erscheine nun ein Buch, das die Geschichte der Jesidin protokolliert. Über Monate hätten sich die Autoren Katrin Rohnstock und Ralf Pasch mit Beyaz getroffen, um verstehen zu können, wie es zu der Blutfehde kommen konnte. Sie hätten Gerichtsakten gewälzt und wären auf den Spuren der jesidischen Kultur in die Türkei gefahren. Herausgekommen sei ein „eindrucksvolles Buch“, das Gülnaz Beyaz’ verzweifeltes Ringen um Emanzipation und die jesidische Kultur porträtiere.
Alexander Kissler betreibe in „Der aufgeklärte Gott“ Theologenschelte im Angesicht des „Neuen Atheismus“, meint die „FAZ“. Kissler wische Überlegungen, dass es sich nicht lohne, sich mit Pamphleten eines Dawkins oder Hitchens zu befassen, beiseite. „Nur der Glaube kann die Vernunft zu sich selbst befreien.“ Das Buch wolle die Wahrheit dieses Satzes darlegen, es sei aber kein theologisches Traktat über das Verhältnis von Glauben und Vernunft, sondern eine „scharfzüngige Streitschrift, wie sie hierzulande selten zu finden“ sei. Nur eine gläubige Selbstbeschränkung der Vernunft könne ihre Vernünftigkeit gewährleisten. Die Schlussfolgerungen seien im Einzelnen nicht immer zwingend, stets aber anregend, schreibt der Rezensent.
„Frankfurter Rundschau“
Es gehe dramatisch zu in Igor Stiks’ Roman „Die Archive der Nacht“, behauptet die „FR“. Der Autor, Jahrgang 1977, wolle nämlich alles. Er beschreibe ein existenzielles Drama, ein historisches Dilemma und eine philosophische Versuchsanordnung. Das existenzielle Drama bestehe darin, dass ein Mann mit seinem Leben nicht mehr zurande kommt. Die philosophische Versuchsanordnung sei dem großen Thema Wahrheit gewidmet, groß sei der Erkenntnisgewinn allerdings nicht. Die „Odyssee“, Danilo Kis („Sanduhr“) und Max Frisch („Homo Faber“) seien nur einige von denen, die angeführt, variiert und in Anspielungen aufgerufen werden. Ein „naseweises Buch“ habe Igor Stiks mit seinem zweiten Roman abgeliefert – und sei dafür mit Preisen überhäuft worden, beschwert sich der Rezensent abschließend.
„Süddeutsche Zeitung“
Die „SZ“ bespricht die Textsammlung „Morgens leicht, später laut“ des 1961 in Bad Segeberg geborenen Detlef Kuhlbrodt. Bereits in den 1980er Jahren sei er ins geteilte Berlin gekommen, wo er für „allerhand Blätter und Zeitschriften berichtete“. Seine kleinen Feuilletons seien zwischen 2001 und 2007 im Berlin-Teil der „tageszeitung“ erschienen, von denen Kuhlbrodt hier „die schönsten Petitessen“ versammele. Man streife durch Berlin, der Autor stimme allerdings keine „Sinfonie der Großstadt“ an, er sei „kein Flaneur Benjaminscher Schule, kein Kracauer-Epigone“, sondern ein „bescheidener und sehr aufmerksamer Radfahrer“. Kuhlbrodt habe kleine Essays, Skizzen, Momentaufnahmen verfasst, „Pasticcios, die wie hingeweht wirken“. Sehr gerne hört der Rezensent den einfachen, rhythmischen Sätzen zu, alles sei „schwerelos wie Zigarettenrauch und eher leise als laut“.
„Das Buch der verbrannten Bücher“ Volker Weidermanns sei „ein schmissiges Panorama“ der großen wie der kleinen Autoren vor 1933, findet die „SZ“. Im Mai 2008 jähre sich zum 75. Mal die nationalsozialistische Bücherverbrennung. Das zu Beginn des Buches ausgegebene Ziel sei es, durch die Vermittlung von Leseeindrücken „die verbrannten Werke so plastisch wie möglich“ nachzuvollziehen. 131 Autorenporträts stünden vor dem Leser, wobei vergessene Autoren wie der Expressionist Hermann Essig oder der österreichische Anarchist Rudolf Geist mit gleichem Elan beschrieben und interpretiert werden wie ihre berühmteren Kollegen. So bilde Weidermann die gesamte vitale literarische Epoche ab, die in seinem Buch „laut posaunend ihre Auferstehung feiert“, schreibt die „SZ“. (ang/wip)
Literaturangaben:
GEIGER, STEFANIE: Der Eisfürst. Roman. C.H. Beck Verlag, München 2008. 121 S., 14,90 €.
KISSLER, ALEXANDER: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam. Pattloch Verlag, München 2008. 272 S., 16,95 €.
KUHLBRODT, DETLEF: Morgens leicht, später laut. Singles. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 125 S., 7,50 €.
LARSSON, STIEG: Vergebung. Kriminalroman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Wibke Kuhn. Heyne Verlag, München 2008. 848 S., 22,95 €.
PASCH, RALF / ROHNSTOCK, KATRIN: Mein Leben im Schatten der Blutrache. Die Geschichte der Gülnaz Beyaz. dtv, München 2008. 236 S., 11,90 €.
STIKS, IGOR: Die Archive der Nacht. Aus dem Kroatischen von Marica Bodrozic. Claassen Verlag, Berlin 2008. 379 S., 19,90 €.
WEIDERMANN, VOLKER: Das Buch der verbrannten Bücher. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 256 S., 18,95 €.
Presseschau vom 24. April 2008
Nachricht
Rezension
Rezension im Original
Verlage