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Schwule, Scheinehe und Schizophrenie – Eine szenische Lesung von Simon Froehlings „Feindmaterie“

In „Feindmaterie“ erzählt jede einzelne Figur ihre „subjektive“ Geschichte – mit all ihren Selbstillusionen

© Die Berliner Literaturkritik, 02.06.08

 

BERLIN (BLK) – Schwule, Scheinehe und Schizophrenie. Das sind einige der Themen, die in Simon Froehlings 18-szenigem Stück „Feindmaterie“ vorkommen. Am Samstag (31. Mai 2008) fand im Studio der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz die szenische Lesung dazu statt. Der Autor ist dort kein Unbekannter, da vor knapp zwei Monaten sein Stück „Mash Up“ im Rahmen der „Deutschlandsaga – die 00er Jahre“ uraufgeführt worden ist.

Simon Froehling, Jahrgang 1978, ist in Brugg im Kanton Aargau geboren und schloss sein Abitur in Brisbane in Australien ab. Demzufolge besitzt er sowohl die Schweizer als auch die australische Staatsangehörigkeit. Er arbeitete als Englischlehrer in Kairo, bevor er Autor und Übersetzer wurde. Zudem studiert Froehling gegenwärtig Literarisches Schreiben an der Hochschule der Künste in Biel. Er lebt in Zürich, ist aber bis zu einem Drittel des Jahres in Berlin.

Im Studio der Schaubühne sprach die BLK nach der szenischen Lesung mit dem Autor über sein Stück. Ein sympathischer, junger Mann sitzt da in bequemer Haltung mit bordeaux-farbenem Baseball-Cap, darunter kurzgeschorene braune Haare. Seine blauen Augen verstecken sich hinter einer trendigen Designer-Brille mit durchsichtigem Gestell, dazu hat er ein weißfarbiges T-Shirt in V-Ausschnitt sowie blaufarbige Jeans und azurblaue Sneaker an, die mit orangenen Streifen verziert sind.

Aber zunächst einige Worte zum Stück, das schon am 30. April 2008 in Solothurn zu den dortigen Literaturtagen uraufgeführt worden ist. Zudem bekam das Stück den Publikumspreis bei den St. Galler Autorentagen 2007. Das Stück wird im Verlag Autorenagenturen vertrieben.

In „Feindmaterie“ geht es um den ägyptischen und schwulen Imad, der in der Schweiz eine Aufenthaltsgenehmigung braucht. Dazu ist er bereit, eine Scheinehe mit Tammy einzugehen. Doch am Vorabend der standesamtlichen Prüfung für eine Ehe, wird Imad in Untersuchungshaft gesteckt, weil er seinen Rucksack neben einem Geldautomaten am Bahnhof liegen gelassen hatte. Und ab hier setzt das Stück ein – die Szenen wechseln zwischen der engen, aber gemütlichen Einzimmer-Wohnung von Tammy und dem Raum in der Untersuchungshaft.

In der Wohnung befinden sich Imads Freund Jan sowie Kuhn, der in einer internationalen schwul-lesbischen Organisation arbeitet sowie Tammy, die ehemalige Mitbewohnerin von Jan und Kuhn. Alle drei warten auf Imad und spielen durch, was Tammy vor den Prüfern zu sagen hat. Dabei gehen sie jedes Detail noch einmal durch: wo Tammy Imad in Kairo kennen gelernt hat, welches die Umstände waren, wie er angezogen war, bis hin zu welchem Parfüm er benutzte. Sie inszenieren geradezu verschiedene Geschichten, ja, sie optimieren sie mit besonderen Eigenschaftswörtern, damit eine sinnliche und romantische Liebesgeschichte veranschaulicht wird.

Eine dramatische Übertreibung? Nicht nur, denn Froehling weist darauf hin, dass „die Standesbeamten in der Schweiz bis ins Detail ‚schnüffeln’ dürfen, ob die einzugehende Ehe auf Liebe basiert. Doch die Frage ist: was ist Liebe?“ Genau diese Frage stellen sich die drei Protagonisten in der Wohnung auch, wobei Jan Liebe als nicht argumentierbar beschreibt. Doch Tammy und Kuhn halten, was die Beziehung zu Imad angeht, dagegen: Tammy habe das Gefühl, dass Imad gar nicht schwul sei, denn bei einem Kaffee-Trinken, sprach Imad mit ihren Brüsten und plane zudem eine Hochzeitsreise mit ihr. Kuhn meint stattdessen, dass Imad Jan eine gute Gelegenheit bot, aus Ägypten zu fliehen, da Imad in der „Queen-Boat-Razzia“ verwickelt war und einen „Westler“ brauchte, um eine Einladung zu bekommen.

Die „Queen Boat“ – ein Nilschiff mit Diskothek im Nobelviertel Zamalek in Kairo gelegen, das von vielen Schwulen besucht war – wurde tatsächlich am 11. Mai 2001 von der Polizei gestürmt. Dabei wurden 52 Männer festgenommen und ihnen der Prozess gemacht. Angeklagt wurden sie wegen „Ausschweifung und Perversion“, denn das Strafrecht in Ägypten kennt keinen Paragraphen, der Homosexualität explizit verbietet. Während der Untersuchungshaft wurden die Gefangenen auf verschiedene Weise gedemütigt: sie wurden „medizinisch“ untersucht, ob sie analen Geschlechtsverkehr hatten, die Sicherheitskräfte misshandelten sie und die Medien denunzierten diese Männer mit Bild, Vor- und Zuname sowie Adresse als „Staatsfeinde“. Am Ende des Prozesses wurden 22 Männer zu zwei bis fünf Jahren Gefängnis oder Zuchthaus verurteilt.

Froehling selbst war von 1999 bis 2000 für ein knappes Jahr selbst in Kairo, also noch vor der „Queen-Boat-Razzia“. Er berichtet, dass „man als schwuler ‚Westler’ zur Oberschicht gehört“ und somit „mehr Freiheiten genießt als ein Ägypter in der Mittel- oder Unterschicht“. Er habe immer noch Kontakt zu seinem damaligen Freund, „der nun verheiratet ist und zwei Mädchen hat; jedoch keinen Jungen, damit der Name und das Erbe – es dürfen nur männliche Nachkommen erben – gesichert ist“. Es sei ein großer Spagat für seinen Ex-Freund, meint Froehling weiter, er habe zum einen den Familienvater zu spielen und zum anderen unterhält er immer noch Kontakte zu anderen Männern – „Die Frau darf ja nicht Fragen, wo der Ehemann abgeblieben sei!“

Zudem macht Froehling im Gespräch als auch im Stück darauf aufmerksam, dass das „westliche“ Schwulenkonzept in arabischen Ländern nicht übertragbar ist, zumal das Wort „schwul“ im (Hoch-)Arabischen noch nicht einmal existiere. Dennoch wird Homosexualität praktiziert, doch man empfindet dies nicht als „schwul“. Im Stück wird diese Ambivalenz bei Imad deutlich: er schläft mit Jan und übernimmt den aktiven Part, aber in U-Haft träumt er von einer Frau, die neben ihm liegt und seine Unterhosen trägt.

Das Ende des Stücks ist, dass Kuhn – der zudem der Ex-Freund von Jan ist – aus innerer Verletztheit geht. Jan und Tammy sind alleine in der Wohnung: Imad kommt nach zweistündiger Verspätung rein und erzählt, dass er lediglich seine Papiere sowie sein Geldbeutel verloren habe.

Das Stück „Feindmaterie“ ist insofern gelungen, da jede einzelne Figur ihre „subjektive“ Geschichte erzählt – mit all ihren Selbstillusionen. So zum Beispiel Tammy, die sich einen imaginären Freund einredet und selbst daran glaubt. Froehling erklärt, dass „es gewisse Lügen gibt, die man am Ende selbst glaubt.“ Und man geht sogar soweit, dass man für diese Lügen „seine eigene Hand ins Feuer legt“.

Und was hat dies alles mit dem Titel „Feindmaterie“ zu tun? Im Laufe des Stücks wird der „Feind“ Imad, der zuvor „Freund“ war, mit Geschichten zu einer Art „Mythos“ aufgeladen. Er dient den drei „Westlern“ als Projektionsfläche, wobei Klischees und Vorurteile bedient werden. Tammy hält ihn für einen Macho, der eigentlich auf Frauen steht und Jan ausnutzt; Kuhn sieht ihn als homosexuelles Opfer, das aus Ägypten fliehen musste, damit die Familie sein Gesicht wahren kann; Jan verfällt Imads exotischem Charme und projiziert so einen romantischen Araber und hinterfragt sein Handeln und Sagen nicht. Man hat nach der Lektüre oder nach der Inszenierung keine „wahre“ Vorstellung, wer dieser Imad eigentlich ist, zumal er auch sich selber in eine „Aura einer Geschichte“ umhüllt: Er gibt ja vor, dass er beklaut worden war – und nicht in U-Haft gesessen hat. Somit könnte man überspitzt sagen, dass die Identität der Figuren auf Schein beruht – genauso wie die geplante Scheinehe. Aber nur die Figuren? Sind unser Erlebtes nicht auch Geschichten, bei der wir bestimmte Handlungen verzerren oder anders fokussieren? Sind Artikel zu Personenportraits nicht auch Geschichten? Ist der Autor Simon Froehling, der hier wiedergegeben und beschrieben wird, nicht auch eine Geschichte aus der Wahrnehmung und der Erinnerung?

Nicht nur diese und andere inhaltliche Themen beziehungsweise Fragen wirft der Autor mit seinem Stück auf, sondern auch ästhetische. Es sind keine vollständigen Sätze, sondern lediglich kurze stakkatoartige Satzteile oder Ellipsen untereinander, ohne Satzzeichen aufgeführt. Zudem sind es 18 Szenen, so als ob die Figuren beziehungsweise die Geschichten reifen müssten, als ob sie zuerst erwachsen werden müssten, um zu dem Schluss zu kommen, dass ihre Beziehungen untereinander so nicht weiterexistieren können. Es sei hier auch erwähnt, dass im Text ironische und komische Momente auftauchen als auch poetische, wie zum Beispiel die Beschreibung der „unbesiegbaren“ Stadt Kairo – ein poetischer Genuss!

Und die Inszenierung?

Mit der szenischen Lesung war Froehling sehr zufrieden, allen voran mit Mehmet Kücük, der ein „sehr authentischer Imad war“. Wobei Kücük erst in der letzten Szene erschien; bei den vorhergehenden U-Haft-Szenen war er nur aus dem Lautsprecher zu hören, wobei hier der Dramaturg Tobias Schuster bei diesen Szenen die Bühne abdunkelte und nächtliche Stadt-Bilder von Kairo, die melancholisch anmuteten, auf die Wand projizierte. Aber auch die anderen Leser sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Eva Meckbach als Tammy war sehr überzeugend, genauso wie Stefan Stern als Jan; während sich Ulrich Hoppe erst in die „schwierige“ Rolle des Kuhn einlesen musste, aber dann in der Rolle voll aufblühte.

Nicht nur der Autor war zufrieden, sondern auch die etwa 40 Zuschauer, die nach einem kurzen Zögern einen warmen und herzlichen Applaus gaben. Bleibt zu Wünschen, dass Simon Froehlings raffiniertes Stück in Zukunft des Öfteren gespielt und euphorisch applaudiert werde – auch in Ägypten!

Von Angelo Algieri


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