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Sein bester Freund

Franz Overbecks „Erinnerungen an Friedrich Nietzsche“

© Die Berliner Literaturkritik, 02.04.12

BERLIN (BLK) –  Im Frühjahr 2011 hat der Berenberg Verlag die „Erinnerungen an Friedrich Nietzsche“ von Franz Overbeck herausgebracht. Mit enthalten ist ein Essay von Heinrich Detering sowie Briefe von Heinrich Köselitz.

Klappentext: Franz Overbeck war Friedrich Nietzsches bester Freund. Er blieb es über dessen geistigen Zusammenbruch im Januar 1889 hinaus, weil er nie zum Apostel des Philosophen wurde. Den Freund betrachtet er in diesen Erinnerungen nicht als Genie, sondern als sensiblen, vielfach gebrochenen Menschen. Nietzsche erscheint hier nicht als Ausnahmemensch, sondern als Zeitgenosse, weniger seiner Zeit voraus als vielmehr ganz und gar ein Teil von ihr. Neben den Erinnerungen stehen die Briefe, die Overbeck noch unter dem Eindruck von Nietzsches Zusammenbruch an dessen ergebenen Jünger Heinrich Köselitz (Peter Gast) schrieb. Sie erscheinen hier, ebenso wie die Erinnerungen, zum ersten Mal als Buch, mit einem Essay von Heinrich Detering: „Beschreibung eines Kampfes“.

Franz Overbeck wurde 1837 in St. Petersburg geboren. Er studierte Theologie in Leipzig, Göttingen, Berlin und Jena. Allerdings stand er von Anfang an der offiziellen Theologie kritisch gegenüber. Er wurde 1870 Professor für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte an der Universität Basel, wo er zu den Freunden von Jacob Burckhardt gehörte. Seine scharfe Kritik moderner Theologie und insbesondere der ­religiös begründeten Selbstlegitimation des Bismarck-Reichs machten ihn an den deutschen Universitäten zur persona non grata. 1905 starb Franz Overbeck in Basel.

Leseprobe:

©Berenberg©

Teil I

Nietzsche war kein im eigentlichen Sinne großer Mensch. Kein einziges seiner Talente, so reich begabt er war, sicherte ihm an sich die Größe. Es sei denn das ungewöhnlichste dieser Talente, die Gabe der Seelenanalyse, die ihm denn auch, da er sie vornehmlich an sich selbst übte, so tödlich gefährlich wurde und ihn „entseelte“, lange ehe er starb. Selbst die Willensstärke war bei ihm nicht zu den exzessiven Dimensionen entwickelt, welche das Grunderfordernis natürlicher menschlicher Größe ist. Denn sich selbst zu behaupten und durchzusetzen war ihm keineswegs überall leicht, und er hat vielleicht den „Willen zur Macht“ mit solcher Beredsamkeit zum Ideal entwickelt, wie es nur einem möglich war, dem dieses Ideal so sehr als solches vorschwebte und in ihm selbst nicht eigentlich Fleisch geworden war. Was ihn aber wirklich beherrschte und innehatte, war das Bestreben nach Größe, der Ehrgeiz im Wettkampf des Lebens (worin er von mir so verschieden und vor mir so ausgezeichnet war), und mit diesem Bestreben als Stachel in sich hat er in der Tat auch den Willen in sich zu einer Gewalt entwickelt, die ihn schon für sich jedenfalls über menschlichen Durchschnitt erhob. Dennoch liegt für mich, der ich ihn doch so innig liebe und zu lieben wohl nie aufhören werde, wenn ich auch zu dieser Empfindung nicht schon am ersten Tage unserer Begegnung gelangt bin, Anlaß zur Frage vor, ob er nicht schließlich lediglich das Produkt der Gewaltsamkeit, mit der er sich behandelte, gewesen ist. Er hatte mich schon ganz für sich „eingenommen“, als ich eines Tages wieder auf die Elementarfrage zurückgeschleudert wurde, bei der, wie ich vermute, viele mit ihm angefangen haben, sei es im persönlichen Verkehr oder in dem mit seinen Schriften. Bald nach Erscheinen seiner „Geburt der Tragödie“ hatte ein schon recht ältliches und halb wahnsinnig schon aussehendes Frauenzimmer aus Holstein, Frau R. N., ihm anfangs in Briefen und durch Übersendung symbolischer Photographien, unter anderem eines Laokoonkopfes, mit einer Verfolgung zuzusetzen begonnen, die sich freilich schon von vornherein unheimlich genug anließ. Doch hatte es erst ihres persönlichen Erscheinens bei Nietzsche bedurft, um ihm einen unüberwindlichen Schrecken vor dieser Adeptin einzujagen und ihn unter anderem endlich zu veranlassen, einen ihrer Besuche mit meiner Einwilligung auf meinem Zimmer – es war an einem November oder Dezembertage 1873 und noch die Zeit, da wir im selben Hause wohnten – und in meiner Gegenwart zu empfangen. Welche durch Unverhältnismäßigkeit ihrer Gewaltsamkeit lächerliche Szene führte Nietzsche da auf ! Sie spielte sich fast ohne Worte in lauter mehr oder weniger grandiosen Gebärden ab und schloß damit, daß Frau N. natürlich nicht von mir, – ich war stumm, nicht nur mit der Zunge – buchstäblich der Stuhl vor die Tür des Zimmers gestellt wurde. Die Frage, ob sich nicht eine Theaterszene vor mir abgespielt habe, lag mir nicht fern genug, um ganz auszubleiben, doch warf sie mich für den Moment sozusagen aus allen Himmeln meiner für Nietzsche schon gefaßten Gefühle heraus. So starken Eindrücken sofort Worte zu leihen, ist mir aber durchaus nicht gegeben, sie sind zunächst der Verarbeitung in mir besonders sicher. Das Resultat war denn auch in diesem Falle, daß ich den Eindruck überwand, und als nun nach wenigen Tagen Frau N. sich, trotz allem, was geschehen war, wieder meldete, entschloß ich mich, gegen ihn, wieder für meinen guten Freund einzutreten. Da ich hier lediglich aus dem Gedächtnis erzählen muß, kann ich auch die Art, wie jene abermalige Meldung geschehen ist, nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Schlug Frau N. Nietzschen eine neue Zusammenkunft in der Wohnung des Universitätspedells vor oder rief sie selbst meine Vermittlung an und bin ich es gewesen, dem sie besagten Vorschlag machte – was mir, ungeachtet des Mangels jedes mir noch zurückgebliebenen schriftlichen Zeugnisses dafür, fast das Wahrscheinlichere ist – kurz, ich erschien im Pedellzimmer, um Nietzsche von der ihn nun arg plagenden Sache endgültig zu befreien, und hatte mit der widrigen Exekution wenigstens Erfolg.

  Aber dieser schon früh in der Zeit meiner Freundschaft mit Nietzsche sich einstellende Anlaß, seine „Echtheit“ in Frage zu stellen, blieb nicht der einzige. Der nächste, der mich hart auf die Probe stellte, war sein Verhältnis zu Fräulein Lou Salomé *, weniger der aus nächster Nähe miterlebte Anfang dieses Verhältnisses im Frühjahr 1882, als das baldige und jähe Ende, welches es noch vor Schluß dieses Jahres fand, besonders nach dem nachträglichen und entsprechend unvollkommenen Einblick, den ich in dieses Ende bei meinem Besuch Nietzsches in Schuls bei Tarasp im Unterengadin im August 1883 erhielt, wo ich Nietzsche sich mit Gedanken an ein Duell mit Rée* herumschlagend und im Zustand halb rasender Aufgebrachtheit gegen Frl. Salomé traf. Dazu kamen die schrecklichen Eindrücke, die ich im Januar 1889 in Turin hatte, als Nietzsche sich selbst nicht mehr im Zügel hatte und sich nun ungemeistert vor mir alles Wilde und Leidenschaftliche, was in ihm steckte, enthüllte, das nun über ihn Herr geworden war.

  Dennoch und alledem zum Trotz, so sehr es mir Bedenken neben anderem auch darüber zurückgelassen hat, ob Nietzsche wirklich ein großer Mensch sein mag, was ich am allerwenigsten bezweifeln kann, ist die Echtheit des Menschentums, das er darstellte. Er war alles eher als ein Schauspieler, so sehr es bisweilen darnach ausgesehen hat und was in ihm sich dargestellt hat, ist vor allem erlebt worden. […] Nietzsche hat sich allerdings sehr „theatralisch“ entwickelt. Mit sich selbst spielend, hat er sozusagen eine Kulisse nach der andern aus seinem Dekorationsmagazin hervorgezogen, bis das ganze Schaustück dastand. Das kann aus seinem Nachlaß jetzt jedermann erfahren. Wer ihm so nahe stand wie ich, konnte es „erleben“; das aber ist eben nicht leicht gewesen, und ich selbst bin als Zuschauer beim Schauspiel gar manchesmal deroutiert worden und gestolpert und habe nicht wenig Gelassenheit und Mühsal daran gewendet, um mich im Freundesglauben an Nietzsche zu behaupten. Es ist mir immer wieder im einzelnen gelungen, – den widrigen Erlebnissen folgten entgegengesetzte immer wieder zu dicht auf dem Fuße, – so daß ich nun doch auch im großen nichts als Freude davon habe, wie ich ihn zwar nicht „verstehe“ – was aus mir nicht wohl angeht, – aber doch wirklich „erlebt“ habe. Er ist ein Phänomen, vor dem ich mich immer wieder gebeugt habe und vor dem so getan zu haben ich auch heute nicht bedauere. Ich sage absichtlich „gebeugt“ – denn mich über ihn zu erheben, gerade diese Abgeschmacktheit hat mir stets unendlich fern gelegen, nur daß ich sie nun auch als Abgeschmacktheit besser verstehe. Es hätte mein Verhältnis zu Nietzsche heillos verwickelt und mich selbst nur in heillose Verwirrung gestürzt, wenn ich ihr jemals erlegen wäre. Gerade in diesem Stück waren aber Nietzsche und ich Antipoden: er hat bis zum Extravaganten auf sich gehalten, ich habe es mit mir stets entgegengesetzt getan, und eben damit denke ich am allerwenigsten, mich moralisch über ihn zu er heben. Ich glaube hier nur der glücklichere Mensch gewesen zu sein, gewiß nicht der bessere oder höhere.

  Nietzsche war, wenn nicht in allen, so doch in vielen seiner Lebensgewohnheiten, insbesondere den sogenannt „täglichen“ der „rangierteste“ Mensch, den ich je gekannt habe. Diese „Rangiertheit“ blickt besonders kräftig noch durch aus seiner Lebensführung in den Tagen, in denen er von sich als einem „fugitivus errans“ redete und in welchen sie sich in gewissen Trümmern mit um so merkwürdigerer Zähigkeit behauptete. Allerdings habe ich aus diesen letzteren Tagen nur Eindrücke der Ferne, fast nur solche, die sich auf Briefe gründen. Doch glaube ich auch aus diesen mit einer ziemlichen Zuversicht urteilen zu können, und wäre es nur um ihrer großen Menge willen. Er hatte, wiewohl „Immoralist“, ungewöhnlich und merkwürdig viel vom „Muster“menschen.

©Berenberg©

Literaturangabe:

OVERBECK, FRANZ: Erinnerungen an Friedrich Nietzsche. Mit Briefen an Heinrich Köselitz und mit einem Essay von Heinrich Detering. Berenberg, Berlin 2011. 160 S., 20 €.

Weblink:

Berenberg

BERLIN (BLK) –


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