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„Shantaram“ – Eine Liebeserklärung an Bombay

Gregory David Roberts ist eine spannende Erzählung gelungen

© Die Berliner Literaturkritik, 30.09.08

 

Von Kati Borngräber

Er ist gerade mal 30 Jahre alt und schon am Ende: Seine Ehe ist gescheitert, er hat das Sorgerecht für seine Tochter verloren und ist dem Heroin verfallen. Für die Raubüberfälle, mit denen er seine Sucht finanziert hat, wird er zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.

Was klingt wie ein tragisches Finale, ist der Ausgangspunkt des Romans „Shantaram“ von Gregory David Roberts. Denn der Protagonist, ein Australier, der sich Lindsey nennt, überwindet seine Drogenabhängigkeit und bricht aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Melbourne aus. Von Interpol gesucht, setzt er sich Anfang der 1980er Jahre nach Bombay ab.

Er ist fasziniert von der aufstrebenden indischen Metropole, die für ihn „hinreißend schön, aufregend und wild“ ist. Was eigentlich nur als Durchgangsstation geplant war, wird für den ehemaligen Lehrer und Schriftsteller zu seiner neuen Heimat. Doch seine kriminelle Vergangenheit lässt ihn nicht los und nach und nach gerät er immer tiefer in den Sumpf des organisierten Verbrechens Bombays.

Um nicht aufzufallen, taucht „Lin“, wie er fortan genannt wird, in einem illegalen Slum unter. Schockiert von der katastrophalen gesundheitlichen Versorgung, beginnt er, sich für die Bewohner zu engagieren und errichtet eine Krankenstation.

Nebenbei wickelt er kleinere Drogendeals für Touristen ab. Er schließt sich einer Clique gestrandeter Ausländer an, die sich mit mehr oder weniger illegalen Geschäften über Wasser halten. Eine von ihnen ist Karla, eine geheimnisvolle Schweizerin, in die er sich hoffnungslos verliebt.

In einer Haschischhöhle lernt er einen iranischen Profikiller kennen, der ihn in einen der mächtigsten Mafia-Clans Bombays einführt. Der Kopf der Organisation ist ein Afghane, der für Lin zum Ersatzvater und geistigem Führer wird. Und als der Mafia-Boss in den Afghanistan-Krieg zieht, um seine Landsleute im Kampf gegen die Russen mit illegalen Waffenlieferungen zu unterstützen, überredet er den Australier, ihn zu begleiten. Eine gefährliche Mission, die für Lin zu einem traumatischen Erlebnis wird.

So unglaublich Lins Geschichte erscheint, sie stimmt weitgehend überein mit dem Lebenslauf von Roberts. Der Autor, der 1990 in Frankfurt verhaftet wurde, begann im Gefängnis mit der Arbeit an seinen autobiografischen Roman. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – handelt „Shantaram“ von einem Mann, der sich auf eine abenteuerliche und hingebungsvolle Suche nach Freiheit begibt.

Mit humorvoller Selbstkritik beschreibt Roberts die Gratwanderung, die sein Alter-Ego Lin vollzieht: Ein Leben zwischen Elendshütten und Fünf-Sterne-Hotels, Wohltätigkeit und Kriminalität, Tradition und kulturellen Fettnäpfchen. Wie beiläufig streift er dabei politische Ereignisse, die den Nahen und Fernen Osten in den 1980er Jahren bewegten.

Doch das Buch, das derzeit mit Johnny Depp in der Hauptrolle verfilmt wird, ist mehr als ein Erlebnisbericht. Es ist eine Liebeserklärung an Bombay. Durch die Schilderung unzähliger Details zeichnet der Autor ein differenziertes Bild der Millionenstadt. Er beschreibt ihre Farben, Gerüche, Geräusche und Stimmungen so eindringlich, dass sie für den Leser erlebbar werden. Gleichzeitig verfolgt er auf den mehr als 1000 Seiten konsequent den roten Faden der Handlung, wodurch ihm eine spannende und kurzweilige Erzählung gelungen ist.

„Shantaram“ bedeutet soviel wie „Mann des Friedens“ und ist der Name, der Roberts von indischen Freunden gegeben wurde. Und es scheint tatsächlich so, als ob es der Hauptfigur Lin im Verlauf der Geschichte gelingt, mit sich selbst Frieden zu schließen.

Literaturangaben:
ROBERTS, GREGORY DAVID: Shantaram. Goldmann, München 2008. 1088 S., 24,95 €.

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