Von Angelo Algieri
Gewalt, Selbstjustiz, Unfehlbarkeit – klar, dieses Buch ist eine Provokation! Eine Provokation für jede „normale“ zivilisierte Gesellschaft. „Sibirische Erziehung“ ist ein stark autobiografischer Text von Nicolai Lilin. Er ist im Suhrkamp Verlag erschienen und wurde nicht – wie man vermutet – aus dem Russischen, sondern aus dem Italienischen meisterhaft von Peter Klöss übersetzt. Der im Jahr 1980 in Transnistrien geborene Autor Nicolai Lilin lebt seit 2003 als Tatoo-Künstler im italienischen Piemont.
Lilin beschreibt in seinem Text seine Kindheits- und Jugenderinnerungen im transnistrischen Bender (auf Rumänisch Tighina). Transnistiren ist der Teil von Moldawien, der sich 1992 unabhängig erklärt hat, ohne jedoch internationale Anerkennung zu erhalten. Transnistiren steht nach einem Bürgerkrieg unter Kontrolle einer russisch-transnistrisch-moldauischen Schutztruppe; die Hauptstadt ist Tiraspol.
Lilin entstammt einem sibirischen Kriminellenclan, den Urki. 1938 wurden unter Stalin Teile der sibirischen Stämme und Clans nach Transnistrien zwangsumgesiedelt und leben seitdem am Ufer des Dnjsters. Die Urki pflegen einen sibirischen Ehrenkodex, den sie von ihren Vorfahren übernommen haben. Sie lehnen jedwede Herrschaft – sei es Kommunismus, sei es Präsidialdemokratie – ab, weswegen sie nie mit den Polizisten, „den Kötern“, direkt sprechen, sondern immer über ihre Frauen. Lilin beschreibt sehr eindrücklich, wie er als Kind nach und nach in die kriminelle Familie eingeführt wurde, wie er seinen ersten Acht Dreiecke, eine typische Mütze aus Sibirien, und eine Pika, ein sibirisches Schnappmesser, bekam.
Die Gesellschaft der Sibirer ist hierarchisch aufgebaut, wobei alte, ehrwürdige Kriminelle die Autoritäten darstellen. Sie werden bei Problemen zwischen den Clans angerufen und entscheiden, wie das Problem gelöst werden soll. Gefängnisstrafen werden als „Zuhause“ angesehen, und selbst im Gefängnis behalten die Autoritäten ihre Macht.
Lilin, der Kolima oder Barfuß genannt wird, lernt gerne von einer der Autoritäten in Bender, dem Großvater Kusja. Dieser erklärt ihm die gerechten Kodizes der Sibirer und: „alles was passiert, liegt in den Händen Gottes und ist Teil Seines großen Plans“. Die Sibirer sind sehr christlich und glauben, dass Gott auf ihrer Seite ist. In ihren Wohnungen sind Ikonen aufgestellt und es herrschen strenge Verhaltensregeln, welche Waffen vor der Ikone Respekt haben und welche nicht.
In diesem Buch erfahren wir, wie Lilin zum Tätowieren kam, wie er die Zeichen auf den Tatoos interpretiert, dass sie die Biografie eines Kriminellen darstellen. Mit etwa 50 Jahren haben die Kriminellen ihren ganzen Körper tätowiert, wobei Brust und Rücken zuletzt tätowiert werden. Im Buch befinden sich einige seiner Tatoo-Zeichnungen, die er jedoch für den Leser nicht erklärt, da dies unehrenhaft sei.
In jedem der acht Kapitel wird Gewalt thematisiert: Entweder gegen die Köter (Polizisten), gegen andere Clans aus anderen Vierteln, auf der Straße bei klirrender Kälte oder im Jugendgefängnis. Wobei in Letzterem auch Vergewaltigung unter Jugendlichen unterschiedlicher Clans an der Tagesordnung ist. – Die Sibirer verachten Sex unter Männern, weil dies gegen Gottes Gebot sei.
Positiv ist hervorzuheben, dass Lilin die kriminellen Strukturen in der sowjetischen und post-sowjetischen Zeit in Transnistrien aufzeigt – bis es im Jahr 1992 von russischen Truppen besetzt wird. Die ständige Gewalt und der immer und überall lauernde Tod sind fester Bestandteil des täglichen kriminellen Lebens. Doch neben den Schlägereien oder den für unsere Begriffe unmissverständlichen „ungerechten“ Ehrenkodizes, erzählt Lilin auch schöne Begebenheiten, wie zum Beispiel das Angeln auf dem Fluss oder die Gutmütigkeit innerhalb der Gemeinschaft, aber auch dass die Sibirer großen Respekt vor geistig behinderten Personen haben, die als Engel oder „Gottgewollte“ angesehen werden, da sie rein und unschuldig sind. Lilin wächst selbst unter geistig Behinderten auf, für ihn sind sie keine „abnormen“ Personen. Zwei Kapitel sind geistig Behinderten gewidmet: Boris, der Lokomotivführer, der von Soldaten erschossen wurde, und Ksjuscha, die von respektlosen Kriminellen aus der Ukraine, die von Georgiern wegen krimineller Machenschaften angeheuert wurden, vergewaltigt worden ist. Kolima und die anderen Minderjährigen sollten die Verbrecher suchen und sie erschießen – was sie auch tun.
Genau nach dieser Vergeltung und Selbstjustiz fragt sich Lilin, ob „Gerechtigkeit ein falsches Konzept ist, zumindest die Gerechtigkeit der Menschen“. Denn durch die Vergeltungstat wird die behinderte Ksjuscha nicht wieder gesund, im Gegenteil ihr geht es immer schlechter und sie stirbt sechs Jahre danach. – Lilin, der bis zu diesem vorletzten Kapitel, die Verhaltensregeln der Sibirer weder verurteilt noch in Frage stellt, hätte spätestens hier sein Konzept der Gerechtigkeit ausbauen können und sich fragen müssen, ob es nicht menschenverachtend ist. Der Autor scheint bis heute nicht geläutert zu sein, denn er blickt mit großer Achtung und Verherrlichung auf diese kriminelle Zeit. Und klar: Es sind immer die anderen, Köter oder Kriminelle, die unehrenhaft sind und dafür auch büßen müssen – meist mit dem Tod.
Gerade, weil Lilin sich selbst als Ich-Person einbringt, ist dieses Buch so unerträglich und man möchte es des Öfteren einfach weglegen. Ärgerlich ist zudem, dass Lilin die Handlung nicht konsequent fortführt, stattdessen seitenweise Geschichten von Figuren einfügt, deren Geschichte noch erzählt werden muss, auch wenn sie mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun hat. Man fragt sich mitunter, weshalb dieses Buch Kapitel hat, die eindeutig eine Person oder ein Ereignis ankündigen. Da hätte sich Lilin, der ja in Piemont lebt, ein Beispiel an Primo Levi nehmen können. Der Schriftsteller und Chemiker Levi beschreibt in „Das periodische System“ seine jüdische Familie und seine Freunde, indem er chemische Elemente einführt und sie mit einer Person und deren Geschichte verbindet – eine klare Zuordnung; andere Personen, auch wenn sie kurz erwähnt werden, bekommen ein eigenes Element bzw. Kapitel. Lilin hätte gut daran getan, das Buch besser zu ordnen und zu straffen!
Des Weiteren erzählt er uns leider nicht die spannenden Jahre des Bürgerkriegs im Jahr 1992 in Transnistrien. Seine Erzählung reicht bis in das Jahr 1998 mit dem Einzug in die Armee. Lilin deutet hier und da an, dass zwischen 1992 und 1998 der Clan zerfallen ist. Doch wie genau der Zerfall stattgefunden hat – wie sich beispielsweise einige Sibirer bei unehrenhaften, anderen Clans anschließen konnten oder wie der Ehrenkodex bei den jungen Clanmitglieder nicht mehr griff –, bleibt sein Geheimnis; bedenkt man, dass er jede Situation und jede Person genau beschreibt.
Dieses Buch wurde in Italien erst populär als der unter Polizeischutz stehende Schriftsteller Roberto Saviano („Gomorrha“) es in der Tageszeitung „La Repubblica“ besprochen hat – zu meinem Entsetzen verkennt Saviano, dass Lilin das alles nicht schreibt, weil es aufgeschrieben werden muss, sondern weil er sich an diese schöne Welt, die zerfallen ist, gerne erinnert – ohne diesen sibirischen Ehrenkodex, der an Mafiastrukturen früherer Jahre erinnert, zu hinterfragen. Da reicht es auch nicht, Herr Saviano, einfach festzustellen: „wo die Regeln verlorengehen, geht alles verloren“!
Nicolai Lilin wird zwischen dem 15. und 26. September 2010 auf dem 10. internationalen Literaturfestival berlin lesen. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben.
Literaturangabe:
LILIN, NICOLAI: Sibirische Erziehung. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 453 S., 14,90 €.
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