Von Angelo Algieri
„Nur Bares ist Wahres!“, heißt es in der schwulen Großstadtszene immer öfter. Damit sind keine Sexangebote auf Bargeldbasis gemeint; das Englische „bare“ meint mittlerweile Sex ohne Kondom – inklusive den Ansteckungsrisiken von Hepatitis bis HIV.
Genau um dieses Bare-Ficken geht es mitunter im „Liebesroman“ – so der Untertitel von Simon Froehlings Debüt „Lange Nächte Tag“, das im Zürcher bilgerverlag erschienen ist. Froehling, Jahrgang 1978 und Schweizer mit australischem Doppelpass, ist bisher als Dramatiker aufgefallen, seine Stücke „Mashup“ und „Feindmaterie“ sind in Berlin aufgeführt worden.
In Froehlings nicht-chronologisch erzähltem Roman, wie schon in den Theaterstücken, steht eine schwule Beziehung im Mittelpunkt: Ich-Erzähler Patrick und Jirka (sprich: Jirko) lernen sich im heutigen Zürich im Spätherbst kennen. Zunächst läuft alles super, bis Jirka sich auf HIV testen lässt und das Ergebnis positiv ist. Patrick, trotz Panik, bleibt bei ihm. Er lässt sich ebenfalls testen, sein Ergebnis: negativ. Daraufhin feiert er allein mit Alkohol und Drogen und wohnt später einer Sexorgie bei, wo er bare gefickt wird. Als er das Sperma aus seinem Arsch fließen fühlt, denkt er: „Jetzt sind wir uns gleich.“
Diese absichtliche Ansteckung, die als Beziehungserlösung fungiert, sowie die pornografisch anmutenden Szenen, die meist funktional und kühl wirken, machen diesen Roman zu einem nachdenklichen, erschreckenden und berauschenden Leseerlebnis. Das Bare-Ficken steht jeder Political Correctness und allen AIDS-Kampagnen entgegen – nicht aber der Realität in der homosexuellen Szene.
So beschreibt Froehling sehr eindrücklich eine schwule Generation der um die 30-Jährigen, die zwischen schnellem virtuellem Sexleben, der Sehnsucht nach dem perfekten „Prinzen“ sowie der Verdrängung der nächst-jüngeren und begehrenswerteren Generation steht. Eine Generation ohne Halt.
Froehling ist mit seinem Roman ein furioser Wurf gelungen, der für Diskussionszündstoff sorgen wird!
Literaturangabe:
FROEHLING, SIMON: Lange Nächte Tag. Liebesroman. Bilgerverlag, Zürich 2010. 196 S., 21,90 €.
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