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Sitzenbleiber

Die Weisen bleiben in Hansgeorg Hermanns Roman „Ahab“ untätig

© Die Berliner Literaturkritik, 31.03.09

 

Ein Kaffeehaus auf Kreta. Johann Brieschke erzählt dem blinden Freund Nikos seine Lebensgeschichte. Der verlangt, dass er ihm sein Aussehen beschreibt. Klein sei er, gesteht der Protagonist, und fast genauso blind wie er. Diese schonungslose Antwort gefällt dem Blinden.

Brieschke ist nach einem Lottogewinn mit 80 000 Mark nach Kreta ausgewandert, wo es nichts als Mücken, Schafe und bewaffnete Männer in schwarzen Hemden gibt. Für Urlauber aus Westeuropa ist das nichts, enttäuscht suchen sie das Weite, der Ich-Erzähler jedoch fühlt sich verbunden mit diesem einfachen wie rauen Leben; gleichwohl er zwischen dem Vertrauten aus Deutschland, das er ablehnt, und Kreta schwankt, das ihm zwar behagt, aber fremd bleibt. Zwar nehmen die Einheimischen ihn in die Dorfgemeinschaft auf, doch es fällt ihm nicht leicht, neue Wurzeln zu schlagen.

Hansgeorg Hermann erzählt in seinem Roman „Ahab“ von einem typischen Migrantenschicksal in einer der hintersten Ecken Europas. Die Geschichte fällt in die Zeit vor dem dritten Golfkrieg, als Kreta in den Fokus der Weltpolitik gerät. Brieschke hegt beharrliche Zweifel am Krieg, die sich aus seiner Biographie nähren. Geschickt streut der Autor Rückblenden ein, die Aufschluss über sein Handeln geben, obwohl die Passagen, in denen der Protagonist sein Leben bebildert, bisweilen etwas langatmig sind: Bier und Fleischsalat repräsentieren die bleierne Nachkriegszeit, in der niemand an Reue denkt. Mutter kocht Gulasch mit Möhren und saugt unentwegt. Die Ära Kohl dagegen scheint aus einem Überwurf der Kanzler-Strickjacke zu bestehen. Brieschke landet als Journalist bei einer Düsseldorfer Zeitung und gerät an schon lange vor Redaktionsschluss feiernde Kollegen, unter denen er ein stiller Beobachter bleibt.

Fast scheint es, als wäre das piefige Westdeutschland noch immer gegenwärtig; dabei hat Brieschke, der Außenseiter, längst den Absprung geschafft. Auf Kreta quellen die Tische nicht mit Papptellern vom Feiern über, und die Räume stinken nicht nach schalem Bier. Ein massiver Zederntisch ist sein ganzer Stolz, als könne der einem Gestrandeten Halt geben und die Melancholie vertreiben. Von Selbstmitleid ist aber keine Spur, sondern Brieschke empfindet selber Mitgefühl gegenüber den Geprellten.

In Herman Melvilles „Moby Dick“ jagt Kapitän Ahab voller Hass den weißen Pottwal, weil der ihm ein Bein abgerissen hat. Der Ahab in Hansgeorg Hermanns Buch ist der Fischer Sotiris, dem das US-Kriegsschiff „Virginia“ im zweiten Golfkrieg zu Beginn der Neunziger Jahre sein Boot rammt, wobei er ein Bein verliert und seine Ehre. Geblieben ist Sotiris’ blinde Wut auf US-amerikanische Marineverbände, die nun wieder an der Küste vor Anker liegen. Aber vom Hass geprägte Versuche, mit Sabotageakten in den Lauf der Welt einzugreifen, scheitern grandios und komisch zugleich.

Die beiden Freunde im Kaffeehaus haben eine gemeinsame Gewissheit über die sie kein Wort verlieren: Auch wenn US-amerikanische Schiffe wie im Porzellanladen zwischen den Fischerbooten patrouillieren, den Aufstand proben wäre zwecklos und würde dem Kampf einer Mücke gegen einen Elefanten gleichen. Zurück bleibt eine Ratlosigkeit; die beiden Weisen sind untätig. Sie bleiben einfach sitzen.

Von <ST1:PERSONNAME W:ST="on">Stefan Otto

Literaturangaben:
HERMANN, HANSGEORG: Ahab. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2008. 320 S., 19,90 €.

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