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Solange Hoffnung keimt

Die Neuauflage von Michail Scholochows „Ein Menschenschicksal“

Von: BJÖRN HAYER - © Die Berliner Literaturkritik, 21.10.09

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist die Geschichte des Krieges und des Leids. Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges setzt gewissermaßen auch der Verfall europäischer Wertmaßstäbe ein. Ein Kulturraum, der sich einstmals die Vernunft als der höchsten aller menschlichen Tugenden auf die Fahne schrieb, wird zum Opfer von Propaganda, Gewalt und verfehlter Ideologien. Die Ratio wich dem Irrationalen und markierte den radikalen Initialpunkt des tragikomischen Pessimismus, wie ihn beispielsweise Dürrenmatts ästhetisches Konzept prägte. Aber auch im französischen Raum formulierte eine Marguerite Duras in ihren Werken immer wieder das Credo: Der Krieg lässt die Liebe zur Unmöglichkeit verkommen. Obwohl eine Verbindung zwischen Duras und Dürrenmatt jenseits derselben Anfangsbuchstaben der Nachnamen nicht unbedingt auf der Hand liegt, eint beide, dass sie nicht mehr an eine glückselige Weltordnung glauben. Der Frieden und die Heimat werden zur Utopie.

Entgegen dieses fatalistischen Weltbildes gab es einsame Optimisten. So verfasste der Literaturnobelpreisträger Michail Scholochow mit seiner Erzählung „Ein Menschenschicksal“ ein Manifest der Hoffnung, ohne dabei dem Schrecken nicht deutlich ins Angesicht gesehen zu haben. In fast kindlich-einfachem Stil beschreibt er Andrej Sokolows Odyssee des Verlustes, als dieser als russischer Soldat 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet. Aus der Ich-Perspektive lässt er den Protagonisten selbst aussprechen, was  heute oftmals nur mit Leerstellen des Schweigens ausgedrückt wird. Nachdem Scholochows Held von deutschen Soldaten auf brutale Weise verhört und anschließend in ein Steinbruchlager deportiert wird, wo neben täglichen Demütigungen vor allem der Hunger zum tödlichen Begleiter wird, gelingt es ihm, den Lagerkommandanten durch sein Durchhaltevermögen zu beeindrucken.

Die unglaubliche Wende: Sokolow darf den „Hexenkessel“ verlassen, um fortan als Chauffeur eines hochrangigen SS-Majors arbeiten zu müssen. Aufgrund dessen Unnachgiebigkeit gelingt ihm mit dem auf der Rückbank schlafenden Stabsfunktionär die Flucht in das sowjetische Einzugsgebiet. Der Protagonist ist gerettet. Doch das Glück liegt in weiter Ferne. Allein kehrt er dahin zurück, wo einst noch sein idyllisches Ehe- und Kinderglück keimte. Anstatt der Familie liegt nichts außer Asche vor ihm. Welke Blüten glücklicherer Tage.

Bis hierhin erweist sich der Roman als genretypischer Antikriegsroman, an dessen Ende der blanke Existenzpessimismus stehen könnte. Doch Michail Scholochows Roman verlässt das gängige literarische Schema. Denn er eröffnet in sensiblem Sprachgefühl den Kosmos der Hoffnung, als dem Erzähler nach dem Krieg ein Waisenjunge zuläuft. Es ist zum Schluss die selbstlose Vaterliebe, die das Leid der Welt zu überwinden vermag. Beide sind Opfer von sinnloser Brutalität, beide Heimatlose, die ihr familiäres Zuhause eingebüßt haben. „Zwei verwaiste Menschen, zwei Staubkörner“ als  lebendige Sinnbilder für die Bejahung des Lebens, das trotz all seiner Rückschläge und Unzulänglichkeiten immer eine gestalterischen (Aus-)weg bietet. Auch Solokow betont lakonisch: „Einen Monat lang saß ich im Bunker, als Strafe für den Fluchtversuch, aber am Leben… am Leben bin ich geblieben!“. Am Dasein hält den Menschen die Perspektive, die das Werden, das Entstehen, mit sich bringt. Genauso wie ein Kind, gemäß Rilke und Hesse, in eben seiner Kindlichkeit konkrete Sinnverwirklichung und Heimat stiften kann.

Stilistisch ist Scholochow weder angriffslustig noch depressiv. Seine Sätze folgen vielmehr einem leichten Ton, vom freudigen Genuss des reinen Erzählens gezeichnet. Und dabei gibt gerade jene Einfachheit im Ausdruck diesem Werk, das eigentlich die Massenhistorie einer ganzen Generation wiedergibt, die fabelhafte, phantasiereiche Individualität. Das Paradoxon im Titel „Ein Menschenschicksal“ löst sich auf, indem die Kunst des Erzählens selbst Authentizität schafft. Anstatt Lebensmüdigkeit entwickelte Scholochows Roman aktuelle Präsenz.

So leise erzählt, so zeitlos wirkt sein Echo. Die Neuauflage des Klassikers des russischen Dichters in der Reihe „Weltenlese“ der Edition Büchergilde ermöglicht nicht nur die Reise in die Gräuel der Vergangenheit, in ein Jahrhundert der Irrungen und Wirrungen, sondern ist Erbauungsliteratur am Nerv der Zeit. Das Wort „Krise“ könnte eine neue Welle universeller Verzweiflung nach sich ziehen. Gerade jetzt ist aber Hoffnung gefragt. Denn was hat in allen Zeiten den Menschen mehr Zuversicht gegeben als das Wissen um die Nachkommen, welche die Welt von Morgen erbauen.

Literaturangabe:

SCHOLOCHOW, MICHAIL: Ein Menschenschicksal. Erzählung. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2009. 112 S., 12,90 €.

Weblink:

Edition Büchergilde

 

 

Björn Hayer ist Student der Germanistik an der Universität Mainz und arbeitet als freier Literaturjournalist


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