Von Clara Ott
Die Idee ist nicht neu: Ein Roman, der ausschließlich in Email-Form erzählt. Eine gute Version lieferte Matt Beaumont im Jahr 2004 mit seinem bissigen Werbeagentur-Einblick „Email an alle“. Darin schrieben sich die Protagonisten böse Mails und lieferten einen herrlichen Einblick in die oberflächlichen Machtspielchen der Werberszene. Und dass man dieses unterhaltsame Hin- und Her auch für eine Liebesgeschichte verwenden kann, bewies Daniel Glattauer mit seinen beiden Erzählungen „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“.
Und nun, bei dem österreichischen Schriftsteller und ausgebildetem Drehbuchautor Jan Kossdorff? Sind Internetagenturen die neue Spielwiese für einen Mail-Roman. Jan Kossdorff, der am eigenen Leib die Höhen und Tiefen des Internetbooms miterlebte, liefert mit „Spam!“ sein zweites Werk. Nach seinem Erstlingswerk „Sunnyboys“, vielen Kurzgeschichten, Comics, Songs und seiner Arbeit als Texter nun ein weiterer Email-Roman.
Fazit des sogenannten „Mailodrams“: Wer eine Romanidee mutig und offensichtlich kopiert, steht immer in der Gefahr, mit den anderen verglichen zu werden. Nun ist es schwierig, Erzählweisen neu zu erfinden. Und gerade bei einer Geschichte, die (bis auf wenige Prosa-Elemente) in Mailform erzählt wird, ist es höchst auffällig. Also hat sich Jan Kossdorff offenbar gedacht, dass Altbewährtes eben manchmal nicht neu erfunden werden muss und spielt und spinnt die Erzählform fröhlich weiter.
Statt mehrerer Protagonisten wie bei Matt Beaumont oder nur zwei wie bei Daniel Glattauer, steht bei ihm der 27-jährige Community-Manager Alex im Vordergrund. Dabei handelt es sich um einen frustrierten Egomanen, der sich im Laufe der Geschichte nicht beliebter, jedoch an die Freundin vom Chef ranmacht. Aber ehe er versucht, sich quasi indirekt mit seiner Traumfrau Judith hochzuschlafen, trinkt er gern und viel und ist meistens alles andere als ein sympathischer Mensch. Er schreibt seinen Exfreundinnen böse, virtuelle Briefe, liefert sich mit seiner Intimfeindin und Vorgesetzten Astrid wilde Wortgefechte und sorgt unweigerlich für eine Mischung aus Grinsen und Fremdschämen, wenn er beispielsweise dem „Weezer“-Fanclub schreibt. Fremdschämen oder eine Spur Langweile ziehe sich durch das eigentlich gut gemeinte Buch, was wesentlich mehr Potential für zwischenmenschliche Geschichten bietet, als umgesetzt werden.
Aber womöglich liegt das schlichtweg an der Form der Erzählkunst: Emails sind nämlich simpel, oberflächlich, kurz und wenig durchdacht. Sie werden oft hingerotzt, ihnen mangelt es an förmlicher und anständiger Anrede, sie sind durchflutet von Rechtschreibfehlern, Flüchtigkeitsfehlern, klingen manchmal noch abgehackter als eine SMS und bieten leider viel Freiraum für Interpretationen zwischen den Zeilen.
Von einem Roman erwartet man so etwas nicht. Gute, literarische Unterhaltung will gut geschrieben sein. Der Leser greift zu einem Buch, weil er Prosa will, denn wir lesen alle ca. 50 Emails am Tag; sei es nun beruflich oder privat. Emails kommen auf dem Smartphone an, Beziehungen werden in Emails analysiert und beendet und Geschäfte abgewickelt. Wenn sich ein Schriftsteller wie Jan Kossdorff dann für einen Emailroman entscheidet, statt seine Erlebnisse und Negativ-Erfahrungen der oberflächlichen Börsencrashboom-Zeiten zu verarbeiten, so besteht leider die Gefahr, dass es dem Thema nicht ganz gerecht wird.
Als Matt Beaumont seine Version schrieb, mailten die Menschen zwar auch schon, jedoch gab es keine sozialen Netzwerke wie Facebook und die Schnelllebigkeit der Kommunikation war noch auf dem Weg zur Oberflächlichkeit, heute jedoch ist beinahe der Tiefpunkt erreicht. Man möchte nichts mehr lesen, was abgehackt und in Emailform steht. Überall lauern Twitter, Facebook und Emails auf dem iPhone oder Blackberry.
Schade, dass dieses Buch jetzt erst erscheint, wo der Trend des geneigten Roman-Liebhabers zu bodenständigerer Literatur gehen sollte. Für alle, die sich jedoch in ihrer Freizeit kein verändertes Leseverhalten wünschen, stellt „Spam!“ das perfekte Buch dar.
Literaturangabe:
KOSSDORFF, JAN: Spam! Ein Mailodram. Milena Verlag, Wien 2010. 220 S.,16,90 €.
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