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Spaziergang in Lektoburg – Michael Maar über Vladimir Nabokov

Die schöne böse Welt der russischen Literatur-Ikone

© Die Berliner Literaturkritik, 25.09.08

 

Es ist das Jahr 1940. Ein Russe sitzt im Ferienhaus eines Bekannten im US-Bundesstaat Vermont und schreibt. Wenige Monate zuvor ist er, Sohn eines 1922 ermordeten russischen Politikers, mit seiner jüdischen Frau und seinem Sohn aus Europa in die Vereinigten Staaten entkommen. Der sprachbegabte Vierzigjährige, der im englischen Cambridge Französisch und Russisch studiert – ohne auch nur einmal, wie er sagte, die Universitätsbibliothek betreten zu haben – und von 1922 bis 1937 in Berlin gelebt hatte, dort einige Romane auf Russisch veröffentlichen konnte und seine Familie durch Tennisstunden, Sprachunterricht und Übersetzen über Wasser hielt, soll über Gogol schreiben, den russischen Romancier des 19. Jahrhunderts. Schreibt aber Vladimir Nabokov nun über den Autor der „Toten Seelen“? Oder nicht doch über sich selber, wenn er etwa behauptet, dass nichts bei Gogol mit der Abbildung äußerer Wirklichkeit zu tun habe, ja dass Wirklichkeit ein unkünstlerischer Begriff sei? Was Gogol vielmehr erschaffe, seien Traumwelten, Träume im Traum und Traumwesen zweiten Grades, die schon ob ihrer ungewöhnlichen Namen auffielen.

Von ungewöhnlichen Namen – Timofey Pnin oder Humbert Humbert – wimmelt auch das Nabokovsche Werk. Und von kunstvollen Binnenkonstruktionen. Denn Nabokovs teilweise penibler Realismus ist Täuschung, wie Michael Maar überzeugend nachweist. Hinter diesem realistischen Vordergrund würden, wie er treffend formuliert, die Kulissen langsam umkippen. Diese „gefalteten Universen“ will Michael Maar ausloten, ihrer Tiefe auf die Spur kommen.

Maar, Sohn des Kinderbuchautors Paul Maar, gilt seit langem als scharfsinniger Kritiker und eleganter Essayist. Beides bewies er 1995 mit seiner sehr lesbaren und vor Intelligenz sprühenden Untersuchung der Beziehungsfäden der Märchen Hans Christian Andersens zum Thomas Mannschen „Zauberberg“. In den folgenden Jahren erarbeitete sich Maar einen Ruf als herausragender Kenner der Bücher Thomas Manns, Marcel Prousts und Joanne K. Rowlings. Mit „Leoparden im Tempel“, seiner jüngsten Essaysammlung, erweist er sich auch als kluger und genauer Leser der Bücher Elias Canettis, G. K. Chestertons, Robert Musils, Virginia Woolfs und Franz Kafkas.

„Literatur kann ein großer Ballsaal sein, in dem es von Echos hallt.“ Dieser Satz kann über allen seinen Aufsätzen stehen. Und Maar ist ein subtiler Zuhörer und geduldiger Nachzeichner der Bezüge und Beziehungen innerhalb des Nabokovschen Literaturkosmos. Denn der Autor von „Lolita“, – infolge der verkauften Filmrechte dieses Skandalromans konnte er es sich leisten, von 1960 bis zu seinem Tod 1977 eine Suite im Grand Hotel Montreux zu bewohnen – der sein Image präzise und straff orchestrierte, war einer der gelehrtesten und scharfsinnigsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Die „Scharade der Geister“, deren Wege sich in seinem Werk kreuzen, hatte Maar schon 2005 plastisch nachgezeichnet, als er als erster ein Buch eines verschollenen deutschen Autors als Inspiration für „Lolita“ identifizierte.

Um das Spiegeln des Lebens in der Fiktion inklusive blinder Stellen ist es Maar gelegen, um die Erforschung des „wahren Nabokovs“, der Dämonen literarisch exorziert, um das, was sich in seinen Arbeiten, in denen er Autobiografisches transformiert und Weltsplitter der Beobachtung intrikat integriert, zeigt und verschleiert. Diese haben eine täuschende Oberfläche und eine Tiefe ohne Grund. Beides zeigt Maar luzide auf, so wenn er eine Nabokov-Erzählung als Replik auf eine Geschichte Thomas Manns analysiert, in der sich wiederum das Andersen-Märchen von der Schneekönigin reflektiert.

Bei seiner letzten Begegnung mit Lolita, mittlerweile verheiratete Mrs. Schiller, gibt Humbert Humbert als Ziel die Stadt „Readsburg“ an, Lese-Berg, in der russischen Ausgabe „Lektoburg“. Mit Michael Maar, diesem geistreichen und charmanten Cicerone, einen Spaziergang durch diesen Ort der Weltliteratur, dessen einziger Bewohner Vladimir Nabokov ist, zu unternehmen, ist wohl eines der amüsantesten Angebote, die die letzten Monate offerierten. Noch die Fußnoten dieses eleganten und klugen Buches bereiten intellektuelles Vergnügen. Denn selbst dort versteckt Maar, der wohl als einziger deutscher „critic“ von Rang mühelos zwischen Thomas Mann, Nabokov, Proust und den Rowlingschen Hufflepuffs hin und her schwingen kann, keine elitären oder faden Nachweise, sondern so manches stilistische Kleinod.

Literaturangaben:
MAAR, MICHAEL: Solus Rex. Die schöne böse Welt des Vladimir Nabokov. Berlin Verlag, Berlin 2007. 208 S., 22 €.

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