Von Irma Weinreich
Die Rote Armee überfällt auf Befehl Stalins am frühen Morgen des 30. November 1939 Finnland. Die Finnen haben dem blitzartigen Angriff an der Grenze in Karelien wenig entgegenzusetzen. Nach einer Woche erreicht der Feind Suomussalmi. Fette Beute findet er nicht mehr vor. Nachdem auch das letzte voll beladene Fluchtgespann den Ort verlassen hat, geht die Kleinstadt in Rauch und Flammen auf. Dass Einwohner ihre Häuser sogar selbst anzündeten, verstört den Holzfäller Timo Vatanen. Er kann sich nicht vorstellen, woanders als dort zu leben, wo er geboren ist. Deshalb widersetzt er sich als Einziger der Evakuierung. „Es gibt immer einen, der nicht dasselbe tut wie alle anderen.“ Er müsse nicht einmal wissen warum, findet er.
Der norwegische Schriftsteller Roy Jacobsen widmet seinen Roman „Das Dorf der Wunder“ dem häufig vergessenen finnisch-sowjetischen „Winterkrieg“. Timo, der seine skurrile Geschichte selbst erzählt, ist der typische Anti-Held. Sollen die Nachbarn ihn ruhig einen Trottel nennen. Er glaubt an das Gute im Menschen und so gesehen glaubt er auch nicht die „Propaganda, dass die Russen jeden Finnen umbringen“.
Beinahe hätte es ihn dennoch erwischt. Die Sowjets behandeln ihn wie eine Mischung aus „Gefangenen und Spion“. Die Schläge beim Verhör bringen ihn fast um. Jeder andere wäre an der verzweifelten Situation zerbrochen. Aber Timo kämpft sich durch. Bei Minus 40 Grad hat er wenigstens ein Dach über dem Kopf gefunden. Und weil er die Gutherzigkeit in Person ist, beherbergt er hier gleich noch die Männer seiner Holzfällertruppe. Russen. In den Wirren des Krieges spielen für ihn Nationalitäten keine Rolle.
Als der Krieg bei Suomussalmi zum Stillstand wie „ein zerschossener Motor bei Vollgas“ kommt, bietet Timo den Sowjets seine Hilfe an. Keiner weiß es besser: Auch eine abgefackelte, kalte Stadt muss mit Holz versorgt werden. Die Männer, die die Russen zur „Sklavenarbeit“ im nahen Wald schicken, sind alles andere als tapfere Soldaten und gläubige Kommunisten. Sie wollen weg. Der Kriegshölle entkommen, leben. Allein würden sie es nicht schaffen. Timo, der Retter, plant und organisiert die gemeinsame Flucht. Als sie – halb erfroren - in finnischer Gefangenschaft landen, beginnen für den „Retter“ ungeahnte Schwierigkeiten. Ist er ein Landesverräter, weil er bei den Russen blieb und ihnen sogar half? Noch 20 Jahre später wird Timo diese Frage quälen.
Die entscheidende Schlacht im sogenannten „Winterkrieg“, der nach knapp vier Monaten mit einem Waffenstillstand endet, wurde bei Suomussalmi geschlagen. Die Russen sahen sich nach großen Verlusten zum Rückzug gezwungen. Obwohl Jacobsen (Jahrgang 1954) an historische Fakten anknüpft, blendet er die Beschreibung des Kriegsschauplatzes vollkommen aus. Auch die politischen Hintergründe des Krieges interessieren ihn nicht. Ihm geht es um das Schicksal einfacher Menschen, die in den Wirren des Krieges ihre Menschlichkeit bewahren und ihr kleines Glück verteidigen.
Literaturangabe:
JACOBSEN, ROY: Das Dorf der Wunder. Übersetzt aus dem Norwegischen. Osburg, Berlin 2010. 237 S., 19,95 €.
Weblink: Osburg-Verlag