Werbung

Werbung

Stasi einmal anders

Feliks Dzierzynski auf Sendung

© Die Berliner Literaturkritik, 30.11.09

BERLIN (BLK) - Die „Waffenbrüder, Klassenbrüder, Kampfgenossen!“ wurden jeden Morgen pünktlich um 6.00 Uhr geweckt. Zeitgleich mit dem Schrillen der Trillerpfeife schaltete sich in jeder Stube das Radio ein: Der Kompanie eigene Funk des Stasi-achregiments Feliks Dzierzynski ging auf Sendung.

Dass Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seine kasernierten Mitarbeiter mit einem eigenen Radioprogramm auf Linie brachte, ist wenig bekannt. Der Autor Christian Blees hat alte Tonbänder gefunden und sie zusammen mit kritischen O-Tönen ehemaliger Regiments-Angehöriger zu dem Hörfeature „Wir sind eine feste Bastion“ verarbeitet.

Herausgekommen ist eine Vergangenheitsbewältigung der etwas anderen Art: Blees gelingt es, die für uns heute skurrilen Seiten der realsozialistischen Indoktrination herauszuarbeiten, ohne dabei den ernsten Hintergrund zu verharmlosen.

Das nach Feliks Dzierzynski, dem Chef des sowjetischen Geheimdienstes Tscheka, benannte Wachregiment war der militärische Arm der Stasi, wie es einer der Zeitzeugen überzeugend schildert. Dzierzynski ließ als treuer Gefährte von Lenin nach der Oktoberrevolution politisch Abtrünnige gnadenlos töten.

Das Stasi-Regiment war - noch unter dem Namen Wachbataillon A, aber schon unter der Regie des MfS - an der Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 beteiligt. Auch den Mauerbau in Berlin 1961 sicherten die Soldaten. Kurz vor seiner Auflösung 1989 hatte das Regiment eine Personalstärke von rund 11 000 Soldaten, die nach dem Dzierzynski-Wahlspruch „saubere Hände, heißes Herz und kühler Verstand“ zu Werke gingen.

Mit „innerer Begeisterung“ sollten die Regimentsangehörigen „in Friedenszeiten“ Gebäude von Partei und Regierung bewachen, aber auch das Mahnmal Neue Wache in Berlin und Staatsempfänge sichern. Brutal gingen die „jungen, entschlossenen Kämpfer“ 1989 gegen die friedlichen Demonstranten an der Berliner Gethsemanekirche vor.

Das direkt dem Politoffizier unterstellte „Funkstudio Adlershof“ produzierte für die Soldaten Sendungen, die Propaganda, Unterhaltung und erzieherische Berichte aus dem Kasernenleben unter einen Hut bringen mussten. Klassenkampf-Lieder und ein „bunter musikalischer Gratulationsgruß“ der sowjetischen Brudereinheit zum Regimentsjubiläum wechseln sich mit Berichten über den garantiert nicht kratzenden Stoff der neuen Uniformen ab. „Im Zusammenhang mit der durchgeführten Parade“ gab es deutsch-sowjetische Völkerfreundschaft an der Gulaschkanone, heißt es in einem Report. Beliebt waren Wunsch- und Grußsendungen.

Manchmal schimmert durch die Berichte die echte „Befindlichkeit“ der Soldaten. Etwa bei der Sendung über die „Regimentsstabserprobungsübung“: Auf die leidenschaftliche Reporter-Frage nach der Stimmung in der Truppe, antwortet der Genosse in einem Ton, der irgendwo zwischen gleichgültig und frustriert liegt: „Stimmung einwandfrei.“

Privatradios waren verboten. Doch auch wenn es für die Soldaten keine Alternative zum offiziellen Stasi-Funk gab – „wir hatten ja die Freiheit, an und auszumachen“, sagt ein früherer Angehöriger des Regiments. Eines Morgens gab es eine Panne. Die Soldaten wurden mit Rias Berlin, der „freien Stimme der freien Welt“ geweckt. Im Funkstudio hatte jemand heimlich West-Radio gehört und dann die Technik nicht wieder ordentlich umgestellt. Das hatte Konsequenzen, Gefängnis blieb dem Verantwortlichen aber erspart.

Per Sender wurde der teils unmäßige Alkoholkonsum der Einheiten beim Ausgang getadelt. In einer Reportage wurden schwer alkoholisierte Genossen interviewt - was allerdings eher zur Belustigung als zur Abschreckung führte. „Es wurde nahezu jede Gelegenheit genutzt, irgendwie Alkohol reinzubringen ins Regiment“, erinnert sich ein Ex-Soldat.

Bei ihren Sauftouren in der Stadt hätten manche Genossen ihre halbe Uniform verloren. Der Elite-Geist im Regiment habe solche Exzesse draußen provoziert, meint ein Zeitzeuge. Aber immerhin: „Es ist in meiner Zeit nie einer auf allen Vieren von der S-Bahn bis zum Kontrolleinlass gekrochen gekommen“, so ein anderer ehemaliger „Felik“. (dpa/wer)

Weblink:

Audio Verlag Berlin


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: